TKB-Millionen
Dafür sollen ETH-Architekturstudierende dereinst nach Frauenfeld pilgern: Die Vision vom höchsten Holzhochhaus der Schweiz

Ein ganzer Wald in Hochhausform: Der Holzdachverband Lignum-Ost hat das Projekt eines Eidgenössischen Kompetenzzentrums für Holztechnologie beim Ideenwettbewerb um die TKB-Millionen eingereicht. Das Vorhaben ist als förderungswürdig eingestuft worden. Obwohl es um 30 Millionen Franken geht, spürt der Holzbau politisch wenig Gegenwind.

Mathias Frei
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Eine Visualisierung: So könnte das Holzhochhaus auf dem Unteren Mätteli aussehen.

Eine Visualisierung: So könnte das Holzhochhaus auf dem Unteren Mätteli aussehen.

Bild: PD/Staufer & Hasler Architekten, Frauenfeld

Das eine sind Äpfel, das andere Birnen – und die soll man, so heisst es, nicht miteinander vergleichen. Das Eidgenössische Kompetenzzentrum für Holztechnologie, Gebäude-IoT und Nachhaltigkeit ist eben nicht der Agro-Food-Innovation-Park (AFIP). Das Holz-Kompetenzzentrum reitet derzeit auf der Erfolgswelle, während der Innovationspark für Land- und Nahrungsmittelwirtschaft im April 2016 vom Frauenfelder Stimmvolk abgeschossen wurde. Das von Lignum-Ost, dem Thurgauer Holzdachverband, beim Ideenwettbewerb für die Partizipationserlöse der TKB eingereichte Projekt dagegen steht auf der Sonnenseite, ist es doch von einer Fachexpertengruppe zur Förderung empfohlen worden.

Geht es nach der besagten Expertenempfehlung, würde das Holz-Kompetenzzentrum mit 30 Millionen Franken bedacht. Das letzte Wort in dieser Sache ist aber regionalpolitisch noch lange nicht gesprochen. Zuerst muss der Grosse Rat über die Bücher, danach steht eine kantonale Volksabstimmung. Stand heute soll diese im ersten Quartal 2022 stattfinden.

Themen betreffen breite Schicht der Bevölkerung

Simon Biegger, Geschäftsführer Lignum-Ost.

Simon Biegger, Geschäftsführer Lignum-Ost.

Bild: Mathias Frei

Beim AFIP argumentierten die Gegner der damaligen Abstimmungsvorlage in Frauenfeld mit zu wenig konkreten Inhalten. Simon Biegger, Geschäftsführer Lignum-Ost, ist der geistige Vater des Holz-Kompetenzzentrums, sagt:

«Vermutlich ist unser Projekt im Gegensatz dazu sehr realitätsnah und fassbar.»

Holz sei ein nachhaltiger Baustoff, der im Aufwind sei. Zudem seien Gebäudetechnologie und Nachhaltigkeit beim Bauen Themen, die eine breite Schicht der Bevölkerung betreffen. Und was Biegger nicht erwähnt: Die Hülle des Eidgenössischen Kompetenzzentrums ist im Gegensatz zum AFIP schon erdacht. Die Anlage soll nämlich, so die Idee von Lignum-Ost, in einem Holzhochhaus auf dem Unteren Mätteli untergebracht sein.

Idee: Ein Eidgenössisches Kompetenzzentrum für Holztechnologie auf dem Unteren Mätteli

Aus 4500 Kubikmetern Thurgauer Holzbaustoffen

Biegger ist selber gelernter Schreiner. Vor dreieinhalb Jahren übernahm er die Lignum-Ost-Geschäftsstelle. Damals erfuhr er, dass die Holzbauer und Schreiner mit ihren Praxiskursräumen mittelfristig keinen Platz mehr haben im BBZ in Weinfelden. Biegger ist Frauenfelder, dachte deshalb an die Kantonshauptstadt – und vor allem dachte er grösser, nämlich an ein Eidgenössisches Kompetenzzentrum für Holztechnologie. Auf Anfrage war Stadtpräsident Anders Stokholm angetan von der Idee. Seitens Stadt erhielt Biegger auch den Hinweis auf den Ideenwettbewerb für die Verwendung der TKB-Millionen. Der Lignum-Ost-Geschäftsführer hatte schnell das renommierte Frauenfelder Architekturbüro Staufer & Hasler sowie das Frauenfelder Ingenieurbüro SJB Kempter Fitze im Boot. Zusammen dachten sie weiter.

Die Idee war schnell weiter gediehen: ein Holzhochhaus aus 4500 Kubikmetern Holzbaustoffen. So viel wächst im Thurgauer Wald innert zehn Tagen nach. 83 Meter hoch wäre es, das höchste Holzhochhaus der Schweiz. Kostenpunkt: etwa 80 Millionen Franken. Architektonisch wäre es in der angedachten Bauweise gut machbar. Biegger sagt aber auch:

«Das Hochhaus ist nicht sakrosankt.»

Das Projekt dürfe nicht an der Hochhaus-Frage scheitern. Dafür sei es einfach zu wichtig. Es könne auch ein flächenmässig grösserer Campus sein – auf dem Unteren Mätteli. Der Eingabe liegt bereits solch eine Holz-Campusvariante bei, skizziert vom Frauenfelder Architekturbüro Tektur AG. Schlussendlich dürfe es auch nicht am Standort scheitern. In der Eingabe stehe Frauenfeld als Standort fest, und hier wolle man das Projekt auch gerne realisieren, sagt Biegger.

Kulturpavillon und Holzhochhaus kommen sich nicht in die Quere

Andreas Elliker, Stadtrat und Departementsvorsteher Bau und Verkehr.

Andreas Elliker, Stadtrat und Departementsvorsteher Bau und Verkehr.

Bild: Mathias Frei

Die Standortfrage war vergangene Woche im Gemeinderat ein Thema, als es um den letztlich bewilligten Nachtragskredit für den Kaff-Kulturpavillon gegangen war. Wie Stadtrat Andreas Elliker, der dem Departement für Bau und Verkehr vorsteht, auf Anfrage erklärt, läuft der Baurechtsvertrag mit dem Kulturverein Kaff auf dem Unteren Mätteli vorerst bis Ende 2024 mit einer Option auf Verlängerung. Elliker sagt betreffend Holz-Kompetenzzentrum:

«Die Stadt ist gegenüber neuen Bildungsinstitutionen grundsätzlich positiv gestimmt.»

Natürlich gebe es bei der Realisierung des Lignum-Ost-Projekts aber noch Herausforderungen, die es zu bewältigen gelte. Was Elliker nicht sagt, aber klar ist: Für die Stadt hat der Markt Thurgau als TKB-Millionen-Projekt derzeit höhere Priorität.

Visualisierung des geplanten Kaff-Kulturpavillons auf dem Unteren Mätteli.

Visualisierung des geplanten Kaff-Kulturpavillons auf dem Unteren Mätteli.

Bild: PD/Joel Introvigne

Dass sich der Kaff-Kulturpavillon und das Holzhochhaus zeitlich nicht in die Quere kommen, steht auch für Biegger ausser Frage. Er rechnet damit, dass es ab Zusage der Gelder durch den Kanton im Minimum fünf Jahre dauert, bis der Bau steht – also nicht vor 2027.

Städtebaulicher Mehrwert für den Murgbogen

Für Biegger ist der Inhalt, also was im Eidgenössischen Kompetenzzentrum für Holztechnologie geschieht, wichtig. Einen ebenso grossen Stellenwert hat die Hülle.

«Damit man von aussen sieht, was drin passiert.»
Thomas Hasler, Staufer & Hasler Architekten, Frauenfeld.

Thomas Hasler, Staufer & Hasler Architekten, Frauenfeld.

Bild: Reto Martin

Biegger wünscht sich, dass dereinst ETH-Architekturstudierende nach Frauenfeld kommen, um den State-of-the art-Holzbau der Schweiz zu besichtigen, «wo das Wissen, welches im Inneren vermittelt wird, von aussen bereits sichtbar und erlebbar» sein soll. Dass der Bau höchst nachhaltig sei und modernste Gebäudetechnologie aufweise, sei klar. Darüber hinaus sieht Biegger auch einen städtebaulichen Mehrwert im Bauwerk, das eingebettet sein soll ins Entwicklungsgebiet. Architekt Thomas Hasler sei derselben Meinung.

Im Turm sieht der Lignum-Ost-Geschäftsführer Schulraum für Theorie und Praxis, aber auch Büros von holznahen Unternehmen und Organisationen sowie Entwicklungswerkstätten. Die verschiedenen Beteiligten müssen nicht ihr ganzes Wissen preisgeben, sondern sollen einfach im Bereich der Holztechnologie praxisnah in der Entwicklung zusammenarbeiten. Um den Turm zu füllen und zum Teil auch zwecks Querfinanzierung soll es auch eine Anzahl Mietwohnungen geben, die aber je nach Platzbedarf wieder modular zurückgebaut werden können.

Das Holzhochhaus im Murgbogen. Blick von Norden über die Autobahn und den Murg-Auen-Park.

Das Holzhochhaus im Murgbogen. Blick von Norden über die Autobahn und den Murg-Auen-Park.

Bild: PD/Staufer & Hasler Architekten, Frauenfeld

Mit Partnern im Gespräch, aber noch nichts Konkretes

Mit der ETH Zürich, der Empa (Eidgenössische Materialprüfungsanstalt) und international tätigen Unternehmen hat Biegger schon Gespräche geführt.

«Meistens sind die Leute begeistert, aber konkrete Zusagen fehlen.»

Mögliche Partner würden zuerst etwas Handfestes sehen wollen. Auch deshalb sei eine Sockelfinanzierung von 30 Millionen aus den TKB-Millionen so wichtig. Die restliche Finanzierung liesse sich mit Hilfe von Bund und Kanton stemmen, ist sich Biegger sicher. Er spricht von einer Jahrhundertchance, die Ausstrahlungskraft über die Landesgrenzen hinaus habe und ein immenser Segen für die kommenden Generationen sein könne.

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