Tierquälerei
Ein anderer mäht nun die Wiese: Vor einem Jahr zerstückelte ein Bauer in Frauenfeld trotz Warnungen drei Rehkitze

Die Staatsanwaltschaft hat einen Thundorfer Bauern zu einer bedingten Geldstrafe und einer Busse verurteilt. Der Fall hat für eine Sensibilisierung bei den Landwirten geführt.

Thomas Wunderlin
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Einem Rehkitz wurde das Leben gerettet dank einer Suchaktion, welche vom Jagdverein vor dem Mähen durchgeführt wurde.

Einem Rehkitz wurde das Leben gerettet dank einer Suchaktion, welche vom Jagdverein vor dem Mähen durchgeführt wurde.

Nadia Schärli / Neue Luzerner Zeitung

Wegen mehrfacher Tierquälerei hat die Thurgauer Staatsanwaltschaft eine Geldstrafe von 135 Tagessätzen zu je 110 Franken und eine Busse von 3300 Franken gegen einen Thundorfer Bauern erlassen. Die Geldstrafe ist bedingt erlassen bei einer Probezeit von zwei Jahren, wie der Medienverantwortliche der Staatsanwaltschaft, Marco Breu, mitteilt.

Der Bauer hatte im Juni 2020 beim Mähen einer Wiese neben der Parkgarage des Kantonsspitals Frauenfeld trotz Warnungen drei Rehkitze zerhackt. Eine Anzeige lautete auch auf nicht artgerechte Haltung eines Pferds und eines Ponys.

Der rechtskräftige Strafbefehl erfolgte zudem wegen Strassenverkehrsdelikten. Diese fielen jedoch nicht stark ins Gewicht. Die Tierquälerei allein machte laut Staatsanwaltschaft etwa 120 Tagessätze aus.

Bezüglich der Pferdehaltung hatte das Veterinäramt umgehend verfügt, dass der Bauer ein Auslaufjournal ausfüllen müsse. Nach Angaben von Robert Hess, Amtsleiter des Veterinäramts, wird dieses Verfahren in Kürze abgeschlossen. Möglich sei die Anordnung verwaltungsrechtlicher Sanktionen.

Anwohnerin und Gärtner hatten den Bauern gewarnt

Die Tierschützerin Carmen Hviid, die neben der Wiese wohnt, hatte den Bauern vor dem Mähen auf die Rehkitze hingewiesen. Das hatte auch der Leiter der Spitalgärtnerei, Guido Stadelmann, getan, der die Wiese dem Bauern seit 2016 verpachtet hatte. Carmen Hviid zeigt sich zufrieden mit dem Strafbefehl gegen den Bauern: «Er hat es in Kauf genommen, dass die Tiere sterben.»

Positiv wertet Hviid rückblickend die vielen Reaktionen, die sie erhalten habe. Der Fall habe «eine Riesenwelle» ausgelöst und zu einem Umdenken geführt:

«Die Landbesitzer und Pächter sind noch mehr sensibilisiert dafür, dass man so nicht mit den Tieren umgehen kann.»

Stadelmann hat die Wiese dieses Jahr einem andern Bauern verpachtet: «Im Vertrag ist eine Vorgabe, dass er vor dem Mähen die Jagdaufsicht informieren muss.» Die Wiese dürfe erst ab Mitte Juni gemäht werden, wenn die Blumen verblüht sind.

Der Jagdaufseher wird in Zusammenarbeit mit einem Drohnenpiloten die Wiese nach Rehkitzen absuchen. Dieses Vorgehen wird auch vom Jägerverband und dem Thurgauer Landwirtschaftsamt empfohlen.

Auch Fleischvergiftung bei Kühen kommt vor

In einem Mail an 2500 Thurgauer Bauern bezieht sich Peter Siegwart, Vorstandsmitglied von Jagd Thurgau, auf die drei im Juni 2020 bei Mäharbeiten in Frauenfeld getöteten Rehkitze. Tierkadaver im Futter würden auch immer wieder zu Botulismus-Fällen führen; dabei handelt es sich um Fleischvergiftungen bei Kühen.

Jagd Thurgau ruft die Landwirte ausserdem im «Thurgauer Bauern» dazu auf, «sich mindestens einen Tag vor dem Mähen mit der örtlichen Jagdgesellschaft in Verbindung zu setzen», um gemeinsam «unnötiges Tierleid» zu verhindern.

In den letzten Jahren haben Tierschützer begonnen, die Wiesen vor dem Mähen frühmorgens mit einer Drohne abzusuchen. Auf einer Wärmebildkamera können Kitze erkannt werden. Bei Sonnenschein verringert sich der Kontrast ihres Körpers zur Umgebung, sodass sie ab etwa acht Uhr nicht mehr zu erkennen sind.

Freiwillige fliegen Wiesen mit Drohnen ab

Unter anderen bietet der 2019 gegründete Verein Rehkitz-Rettung Thurgau seine Hilfe mit Drohnenflügen an. Nach eigenen Angaben hat der Verein letztes Jahr rund 100 Rehkitze gerettet. Aufgrund der Medienberichte reichte er ebenfalls Strafanzeige gegen den Thundorfer Bauern ein. Die Wiese beim Spital Frauenfeld hätte mit einer Drohne innert fünf Minuten abgeflogen werden können, schrieb Vereinspräsident Kurt Bär in der Anzeige.

Im Thurgau bieten derzeit zwanzig Teams ihre Dienste mit Drohnenflügen an, sagt Bär auf Anfrage. Im Raum Diessenhofen würden noch Leute gesucht. Er persönlich habe dieses Jahr schon 17 Rehkitze gerettet. Eine Rettung sei nicht immer möglich, bedauert Bär. Wenn ein Bauer nicht gleich nach der Suche mähen könne, sei ein Kitz vielleicht nach zwei, drei Stunden wieder in der Wiese.