Atommüll-Endlager in Thurgauer Nachbarschaft wird konkreter

Bohrungen zeigen: Das Zürcher Weinland eignet sich grundsätzlich als Atommüll-Tiefenlager. Doch der Entscheid für die Region Zürich Nordost ist damit noch nicht gefallen.

Thomas Günter
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Die Tiefenbohrungen in Trüllikon sind abgeschlossen und der Platz ist fast leer.

Die Tiefenbohrungen in Trüllikon sind abgeschlossen und der Platz ist fast leer.

Bild: PD/Nagra
  • Die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) hat das Bohrgerät in Trüllikon abgebaut.
  • Sie konnte während der gesamten Bohrung gute Gesteinsproben gewinnen und alle geplanten Tests im Bohrloch durchführen.
  • Die Gesteinsproben werden nun in verschiedenen Laboren ausgewertet. Besonders im Fokus steht bei allen Bohrungen das Wirtgestein Opalinuston, in dem das Tiefenlager dereinst gebaut wird.
  • Beim Standort Zürich Nordost gilt auch der Thurgau als Standortkanton.  Konkret geht es um die Gemeinde Schlatt im Westen des Kantons.

Am Montag veröffentlichte die Nagra (Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle) per Online-Konferenz die ersten Ergebnisse der Tiefenbohrungen in Trüllikon für ein mögliches Atommüll-Endlager im Weinland. Die Probebohrungen, die vom Bundesamt für Energie geleitet wurden, gingen bis in eine Tiefe von über 1300 Meter und sind technisch sehr gut verlaufen.

Die Bohrkerne wurden in Trüllikon genau untersucht.

Die Bohrkerne wurden in Trüllikon genau untersucht.

(Bild: PD/Nagra)

Dabei profitierte die Nagra von den Erfahrungen der ersten Bohrungen bei Bülach. In Trüllikon konnten aus allen Steinschichten 20 Zentimeter lange Bohrkerne entnommen und untersucht werden. Besonders interessant waren dabei die Proben aus der Gesteinsschicht Opalinuston, in die ein Atommüll-Tiefenlager letztendlich kommen soll, sowie die unmittelbaren Schichten darunter und darüber.

Die Resulate passen ins Bild

Der Opalinuston wurde in einer Tiefe von 815 Meter erreicht und erstreckte sich bis in eine Tiefe von 920 Meter. Die abgelagerten Tonmineralien haben sich zu festem Gestein verbunden, das keine sichtbaren Hohlräume aufweist, in denen Wasser zirkulieren kann, und somit wasserundurchlässig ist. «Die Resultate passen ins Bild und es gab keine Überraschungen», sagte Philipp Senn von der Nagra. Der über 100 Meter dicke Opalinuston eignet sich als Wirtgestein für ein Tiefenlager.

Die Resultate gleichen sehr den Ergebnissen der Bohrungen, die bereits Ende der 1990er-Jahre in Benken (ZH) gemacht wurden. «Das Bild innerhalb der Standortregion hat sich verdichtet und ist schlüssig», sagte Senn.

Eine Standortauswahl kann zum jetzigen Zeitpunkt allerdings noch nicht gemacht werden, da in der Region Jura Ost noch gebohrt werden muss. Fast das gesamte Equipment wurde bereits auf den Bohrplatz in den Aargau gezügelt, wo in Bözberg Ende des Monats die Bohrungen beginnen sollen. Das Bohrloch in Trüllikon ist zwar verschlossen, doch der Bohrplatz bleibt vorerst bestehen. Eventuell wird ein Langzeitbeobachtungssystem im Bohrloch eingerichtet. Auch eine zweite Bohrung wäre möglich, wovon die Nagra derzeit allerdings nicht ausgeht.

In Marthalen wird weiter gebohrt

Um die Erkenntnisse in der Standortregion Zürich Nordost zu ergänzen, laufen seit Anfang Februar in Marthalen die zweiten Bohrungen. In einer Tiefe von rund 750 Meter ist man bereits auf Opalinuston gestossen. In Trüllikon kamen bis zur Einstellung wegen der Coronapandemie Mitte März rund 700 Personen; es gab eine Besucherplattform.

Das Bohr-Equipment von Trüllikon wurde bereits nach Bözberg in den Aargau gezügelt, wo die nächsten Bohrungen durchgeführt werden.

Das Bohr-Equipment von Trüllikon wurde bereits nach Bözberg in den Aargau gezügelt, wo die nächsten Bohrungen durchgeführt werden.

(Bild: Thomas Güntert)

Bis zum 8.Juni werden wegen der Auflagen des Bundes auch in Marthalen keine Besucher empfangen. Sollten danach die Vorschriften gelockert werden, soll die Bevölkerung wieder informiert werden. Es ist angedacht, im Freien kleinere Informationsveranstaltungen abzuhalten oder die Öffentlichkeit online zu informieren. Da die Marthaler Bohrungen bis im Sommer fertiggestellt werden sollen, wird es vermutlich nicht mehr dazukommen.