Standort
Ein Lager für die Ewigkeit – wird radioaktiver Abfall bald an der Thurgauer Grenze gelagert?

Im kommenden Jahr will die Nagra entscheiden, wo das Tiefenlager entstehen soll. Auch Thurgauer Orte sind betroffen von diesem Entscheid. Die Forderung nach Entschädigungen für die Gemeinden der Region steht bereits im Raum.

Silvan Meile
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Rund 1000 Kisten mit je einem Meter langen Bohrkernen (Gesteinsproben) aus verschiedenen Tiefbohrungen der möglichen Standorte werden durch Geologen charakterisiert.

Rund 1000 Kisten mit je einem Meter langen Bohrkernen (Gesteinsproben) aus verschiedenen Tiefbohrungen der möglichen Standorte werden durch Geologen charakterisiert.

Bild: Gaëtan Bally/Key

Zehn Dreifachturnhallen bis unter das Dach gefüllt. So viel Platz wird der in der Schweiz angefallene radioaktive Abfall in etwa beanspruchen, wenn er in 40 Jahren in einem Tiefenlager rund 600 bis 700 Meter unter der Erdoberfläche für immer entsorgt werden soll. Noch unklar ist, wo das tatsächlich geschehen soll.

Seit Jahren sucht die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) einen Standort für ein Endlager. Um den sichersten Untergrund zu ermitteln, führte sie geologische Untersuchungen und Tiefenbohrungen durch. Im kommenden Jahr, möglicherweise im Herbst, will die Nagra sagen, wo das Tiefenlager zu stehen kommen soll. Von diesem Entscheid ist auch der Thurgau betroffen.

Thurgauer Gemeinden sind wirtschaftlich und gesellschaftlich betroffen

Radioaktive Abfälle lösen in der Bevölkerung Ängste aus. «Ist der sicherste Standort ein sicherer Standort?», wollte jemand am Mittwochabend in der Mehrzweckhalle im zürcherischen Trüllikon wissen. Dort informierte die Nagra zusammen mit dem Bundesamt für Energie und dem Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorat (ENSI) über das geplante Tiefenlager. Natürlich verneinte die Frage niemand von den Fachpersonen. Felix Altorfer, Leiter Aufsichtsbereich Entsorgung bei der ENSI, strich hervor, dass sich in den Tiefen Tongestein befinde, was ein grosser Vorteil für die Lagerung radioaktiver Abfälle darstelle.

Trüllikon grenzt an die Thurgauer Gemeinde Schlatt. Diese Region im Zürcher Weinland gehört – nebst jener im Nordwesten Bülachs ZH und dem Gebiet westlich von Brugg AG – zu den drei Standorten, die für ein Tiefenlager in Frage kommen. Falls tatsächlich hier dereinst radioaktiver Abfall entsorgt wird, könnte das unterirdische Lager in den Thurgau hineinreichen, unter das Gebiet der Gemeinde Schlatt. Das sei noch immer möglich, sagt Jürg Hertz, ehemaliger Chef des Thurgauer Amtes für Umwelt. Er vertritt als Projektleiter die Haltung des Kantons Thurgau. Im Gespräch mit dieser Zeitung sagt er:

«Das Tiefenlager muss am sichersten Standort gebaut werden, nicht dort, wo man sich am wenigsten dagegen wehrt.»

Sollte die Region bei Schlatt nachvollziehbar begründet als Standort ausgewählt werden, akzeptiere das der Thurgau.

Die Thurgauer Gemeinden Diessenhofen, Basadingen-Schlattingen und Neunforn würden nebst Schlatt ebenfalls als «gesellschaftlich und wirtschaftlich betroffen» gelten. Dabei geht es um negative Einflüsse eines Tiefenlagers, etwa auf Immobilienpreise, den Absatz landwirtschaftlicher Produkte oder den Tourismus.

Entschädigungen für Standortgemeinden?

Stefan Jordi vom Bundesamt für Energie stellt klar: «Es gibt keine gesetzliche Verpflichtung, Standortgemeinden zu entschädigen.» Doch er sagt auch, dass der politische Wille dafür vorhanden sein könnte.

«Wir gehen aber davon aus, dass das keine einfachen Verhandlungen geben wird.»

Aus dem Jahr 2017 besteht ein Leitfaden, der den Weg für Verhandlungen nach der Standortwahl ebnen soll. Auch der Thurgau hat ihn unterschrieben. Ein Betrag ist nicht genannt. Hinter vorgehaltener Hand wurde schon eine Summe von 800 Millionen Franken erwähnt, die über Jahre in die betroffene Region fliessen könnte.

Der Kanton Zürich lehnt die «Heisse Zelle» ab

Oberste Priorität habe die Sicherheit, wurde in der Mehrzweckhalle Trüllikon mehrfach erwähnt. Dort, wo der geeignetste Untergrund ausgemacht werde, gehöre das Tiefenlager hin. Der Standortentscheid der Nagra wird dann von der Aufsichtsbehörde ENSI und weiteren Expertenteams bis in jedes Detail geprüft. 2029 soll der Bundesrat schliesslich darüber befinden. Auch das Parlament muss den Entscheid genehmigen. Und falls das Referendum ergriffen wird, kommt es zu einer Volksabstimmung.

Ein tatsächliches Mitspracherecht haben die betroffenen Regionen nur bei den oberirdischen Anlagen des Tiefenlagers. Grosse und mächtige Gebäude für Betrieb und Unterhalt, Lüftungsschächte und Zufahrtsstrassen werden mehrere Hektaren verschlingen.

Annette Spörri, Raumplanerin beim Kanton, verwies auf die enormen Grundwasservorkommen in jenem Gebiet entlang des Rheins und zog im Namen der Zürcher Regierung eine rote Linie:

«Keine Anlageteile für die Entsorgung radioaktiver Abfälle über strategisch wichtigen Trinkwassergebieten.»

Zu heissen Diskussionen dürfte ausserdem die Verpackungsanlage führen, die sogenannte «Heisse Zelle». Diese ruft in der Bevölkerung Ängste hervor. In einer hohen Halle werden die radioaktiven Abfälle in die endgültigen Gefässe umgepackt, um bis zu einer Million Jahre darin lagern zu können. Wenn sich herausstelle, dass sich der sicherste Standort für ein Tiefenlager im Kanton Zürich befinde, müsse die Verpackungshalle «im Sinne einer Lastenverteilung» anderswo zu stehen kommen, sagte Spörri.

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