Interview

Thurgaus grüner Nationalrat: «Ich starte nochmals durch»

Kurt Egger hat sich im Bundeshaus eingelebt. Seine Heimat ist der Hinterthurgau. Er könnte sich aber vorstellen, in Winterthur zu leben.

Nicole D’Orazio
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Kurt Egger hofft kurz nach seiner Wahl in den Nationalrat schon von einer Wiederwahl.

Kurt Egger hofft kurz nach seiner Wahl in den Nationalrat schon von einer Wiederwahl.

Donato Caspari

Letzten Herbst sind Sie überraschend in den Nationalrat gewählt worden. Haben Sie die Ereignisse verdaut?

Kurt Egger: Ja, mittlerweile bin ich in der Bundespolitik angekommen. Vom 20.Oktober bis Mitte Januar ist wirklich alles Schlag auf Schlag gegangen. Die ganze Geschichte um meine Wahl ist schon bewegend – Ich bin nun einer von 200 Nationalräten.

Hätten Sie als junger Mann je gedacht, dass Sie eines Tages als Nationalrat im Bundeshaus sitzen?

Nein, überhaupt nicht. Für mich stellt das Amt eine Challenge dar und ich starte nochmals durch.

Andere konzentrieren sich in meinem Alter auf ihre Hobbys und ich mache Bundespolitik.

Es ist ein toller neuer Lebensabschnitt für mich.

Wie war Ihr erster Tag im Bundeshaus?

Nur schon das Gebäude ist sehr eindrücklich. Es hat etwas Majestätisches. Wenn man reinkommt, merkt man sofort, dass dies ein besonderer Ort ist. Das geht einem nahe.

Haben Sie sich zurechtgefunden?

Ich war schon zuvor einige Male im Bundeshaus. Wirklich zurecht findet man sich allerdings nicht. Es ist ein sehr kompliziertes Gebäude. Nur schon die Nummerierung der Sitzungszimmer ist unlogisch. Da habe ich schon noch Mühe, alles zu finden. Den bisherigen Fraktionsmitgliedern war es auch nicht möglich, den Neuen alles einzeln zu zeigen.

Haben Sie gute Banknachbarn?

Ja, ich sitze in der zweitvordersten Reihe neben Felix Wettstein. Ich kenne ihn seit 40 Jahren aus der kirchlichen Jugendarbeit. Es ist nun ein schöner Zufall, dass wir Banknachbarn sind. Zudem finde ich es gut, dass ich am Rand sitze. So kann ich immer schnell raus und habe auch etwas mehr Platz. Die Bankreihen sind schon sehr eng. Ich habe lieber etwas Luft.

Konnten Sie den Platz auswählen?

Nein, die Fraktionsleitung macht einen Vorschlag. Ich hätte mich aber wehren können, wenn ich nicht einverstanden gewesen wäre. Die Verteilung hat aber auch mit der Hierarchie zu tun. Die Chefs, also die Fraktions- und Parteiführenden, sitzen hinten.

Es gibt viele parlamentarische Sport- und Freizeitgruppen. Haben Sie sich einer angeschlossen?

Ja, da gibt es wirklich alles. Da ich kein besonders sportlicher Typ bin, habe ich mich bisher keiner angeschlossen. In der Fraktion haben wir allerdings herausgefunden, dass viele Mitglieder gerne jassen und überlegen deswegen, eine Jassgruppe zu bilden.

Gibt es noch keine?

Anscheinend nicht. Oder wir wissen es einfach nicht.

Welche Themen sind Ihre Steckenpferde?

Energie, CO2, Bauen, Heimatschutz und Raumplanung. Das hängt nicht nur von meinen persönlichen Interessen und meinem Wissen ab, sondern auch von den Fraktionskollegen. Es würde ja nichts bringen, wenn sich alle mit dem Gleichen beschäftigen würden.

Aber Sie bringen als Ingenieur und Energie- und Umweltfachmann ja viel Wissen und Erfahrung mit.

Das ist richtig. Deswegen war ich thematisch auch schnell drin. Kürzlich hatten wir die erste Kommissionssitzung.

Erzählen Sie davon.

Eine Kommissionssitzung dauert zwei Tage. Ich musste mich gut vorbereiten und war etwas nervös, ob ich dort bestehen würde. Danach fühlte ich mich aber angekommen.

Dann hatten Sie Respekt?

Ja natürlich. Ich fragte mich, ob ich den Ansprüchen genüge. Zudem durfte ich an einem Podium des Schweizerischen Stromkongresses neben Albert Rösti von der SVP und Jürg Grossen von der GLP teilnehmen. Das war ein Erlebnis.

Kurt Egger spricht an der Delegiertenversammlung der Gruene, aufgenommen am Samstag, 25. Januar 2020 in Frauenfeld.

Kurt Egger spricht an der Delegiertenversammlung der Gruene, aufgenommen am Samstag, 25. Januar 2020 in Frauenfeld.

Ennio Leanza / KEYSTONE

Also mitten unter den Grossen.

Ja, die einen sind schon 15 Jahre im Parlament und kennen alle Geschichten. Aber es ist gut gegangen und es war eine gute Woche für mich.

Welcher Kommission gehören Sie denn an?

Der Urek, der Kommission für Umwelt, Raumplanung und Energie. Für die grüne Partei ist das natürlich die wichtigste. Ich darf mich glücklich schätzen, dass ich einen der vier Plätze erhalten habe. Von den 30 Fraktionsmitgliedern wollten 14 einen Sitz in der Urek haben.

Wohnen Sie während der Session im Hotel oder haben Sie eine Wohnung gemietet?

Ich bin ins Hotel gegangen. Für den Anfang zumindest. Ich lasse es auf mich zukommen, ob ich mir später ein Zimmer oder eine kleine Wohnung nehmen will. Da gibt es viele Angebote.

Sind Sie wie angekündigt als Thurgauer Kantonsrat zurückgetreten?

Ja, am 15. Januar war meine letzte Sitzung. Den Rücktritt hatte ich im Dezember eingereicht.

War das für Sie schwierig?

Ja, der Abschied ist mir nicht einfach gefallen. Ich war sieben Jahre mit dabei und ich war sehr gerne Kantonsrat. Nach dieser Zeit war ich auch in den Themen drin und konnte etwas bewirken. Auf kantonaler Ebene kann man grundsätzlich mehr erreichen als auf Bundesebene.

Im Grossen Rat hatte ich mir einen Namen gemacht. Das muss ich mir in Bern nun alles wieder erarbeiten.

Ich will nun auch im Nationalrat Präsenz erlangen und den Ansprüchen der Partei und der Wähler gerecht werden. Ich möchte in vier Jahren wiedergewählt werden.

Dann ist das schon jetzt klar für Sie?

Ja. Natürlich kann immer etwas dazwischenkommen. Doch meiner Meinung nach sollte man zwei Legislaturen absolvieren, um etwas zu erreichen.

Anfang Dezember wurden Sie ins Who is Who der Thurgauer Zeitung gewählt. Hat Sie das gefreut?

Natürlich fühlt man sich da geehrt. Aber ich glaube, alle Thurgauer Nationalräte gehören dazu. Im Zusammenhang mit meiner Wahl war ich deswegen nicht sonderlich überrascht.

Wie ist es, wenn Sie Ihren bekannten, politischen Gegnern wie dem SVP-Präsidenten nun persönlich begegnen?

Ah, das ist kein Problem. Vielleicht bei der ersten Begegnung fällt einem das auf. Es sind aber Politikerkollegen und man ist wie eine grosse Familie. Jeder weiss vom anderen, was er denkt. Aber das ist kein Grund, um nicht auszukommen oder unfreundlich zu sein.

Warum wohnen Sie in Eschlikon?

Ich bin einer, der nie gross aus dem Hinterthurgau rausgekommen ist. In Fischingen bin ich aufgewachsen, dann lebte ich in Aadorf und nun in Eschlikon. Während des Studiums wohnte ich zehn Jahre in Zürich. Der Hinterthurgau ist aber meine Heimat. Sie ist mir wichtig und ich bin ihr verbunden. Heimat ist dort, wo ich die Leute kenne. Und es ist eine wunderbare Gegend.

Wenn Sie den Thurgau verlassen müssten, wohin würden Sie ziehen?

Nach Winterthur, für mich die beste Stadt der Schweiz. Dort gibt es einen guten Mix zwischen dem Urbanen und dem Familiären. Winterthur hat ein schönes Zentrum und ich bin gerne dort. Ich kann mir gut vorstellen, im Alter in der Stadt zu leben.

Nach der Wahl in den Nationalrat: Kurt Egger wird in der Turnhalle Wallenwil gefeiert.

Nach der Wahl in den Nationalrat: Kurt Egger wird in der Turnhalle Wallenwil gefeiert.

Bild: Donato Caspari (20.11.2019)

Was tun Sie, um gesund zu bleiben?

Zu wenig. Weil ich autolos bin, bin ich aber viel zu Fuss unterwegs und komme gut auf 10000 Schritte pro Tag. In der Freizeit spiele ich Golf und wandere gerne. Nach eineinhalb Stunden sollte aber immer eine Beiz in der Nähe sein.

Haben Sie einen Restauranttipp?

Das Fotomuseum Winterthur. Es hat ein gemütliches Café mit viel Licht, ideal für den Sonntagmorgen.

Was haben Sie immer im Kühlschrank?

Käse. Ich bin in einer Käserei aufgewachsen.

Was haben Sie als Kind am Liebsten gegessen?

Ghackets und Hörnli.

Welche Musik haben Sie zuletzt für sich entdeckt?

Ich fand Rod Steward schon immer toll. Kürzlich habe ich eine Radiosendung über ihn gehört, was ihn wieder etwas in meinen Fokus gerückt hat. Ich bin allerdings nicht musikaffin. Ich gehe lieber ins Theater oder Kino.

Sind Sie auf Social Media aktiv?

Ja, als Politiker muss man das. Ich habe Accounts auf Twitter, Facebook und Instagram. Oft kommentiere ich Zeitungsartikel und poste auch Privates wie etwa Ferienfotos.

Zur Person

Kurt Egger
Donato Caspari

Kurt Egger

Kurt Egger ist 64 Jahre alt und lebt mit seiner Frau in Eschlikon. Aufgewachsen ist er in Fischingen. Seine Eltern führten eine Käserei, die später sein Bruder leitete. Er hat an der ETH in Zürich studiert und ist diplomierter Maschineningenieur. Seit 1996 ist er Mitinhaber und Geschäftsleiter der Nova Energie GmbH in Sirnach, einer Umwelt- und Energieberatungsfirma. Er ist zudem Präsident der Grünen Thurgau und war sieben Jahre Mitglied des Grossen Rates. Im Oktober 2019 wurde er in den Nationalrat gewählt. (red.)
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