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Thurgauerin leidet an schwerer Magersucht – deshalb darf sie ihre Tochter nicht mehr betreuen

Bei der Trennung der Eltern erhält der Vater die Obhut ­für die fünfjährige Tochter, obwohl er voll arbeitet. Die Mutter wehrt sich erfolglos dagegen.
Ida Sandl
Illustration: Patric Sandri

Illustration: Patric Sandri

Der Albtraum von Linda Meier* dauert fast schon zwei Jahre: Anfang 2018 war es so schlimm mit dem Husten, dass sie notfallmässig ins Kantonsspital Münsterlingen eingewiesen wurde. Sie wog noch 25 Kilo bei einer Grösse von 1,61 Metern, hatte eine schwere Lungenentzündung und schwebte in Lebensgefahr. Gegen ärztliche Behandlung hat sie sich wochenlang gewehrt. Sie war so beschäftigt mit Weihnachten. Es sollte das perfekte Fest für die damals viereinhalbjährige Tochter Johanna* und ihren Ehemann werden. Den eigenen Körper spürte sie nicht mehr. Noch heute sagt sie: «Es war ein Super-Weihnachten.»

Linda ist in Panik, ihr Leben entgleitet ihr

Linda sitzt am Tisch bei ihren Eltern im Thurgau. Eine 41-jährige Frau, zart wie eine Feder mit viel zu dünnen Armen und grossen Augen. Etwas mehr als 35 Kilo. Linda ist magersüchtig. Sie selbst sträubt sich gegen diesen Begriff. Sie fühle sich wohl mit ihrem Gewicht, betont sie. In ihrer Familie seien alle dünn.

Den körperlichen Zusammenbruch hat sie überlebt. Knapp vier Wochen bleibt sie im Spital, dann soll sie entlassen werden – das glaubt sie jedenfalls. Doch statt nach Hause wird Linda gegen ihren Willen in die Psychiatrische Klinik Münsterlingen gebracht. Die fürsorgerische Unterbringung hat der Ehemann beantragt. Sie ist in Panik, ihr Leben entgleitet ihr Stück für Stück, sie will zur Tochter, möchte ihre Familie zurück.

Es kommt noch schlimmer. Über seinen Anwalt habe ihr Mann ihr mitteilen lassen, das er sich scheiden lassen will, berichtet sie. Es habe sie getroffen wie ein Schlag aus heiterem Himmel. «An Weihnachten hat er noch beteuert, wie sehr er mich liebt.»

Der Vater schaltet die Kesb ein

Linda ist in Panik, sie verweigert die Therapie, kämpft gegen die Einweisung bis vor Obergericht. Ohne Erfolg. In der Zwischenzeit reicht ihr Ehemann eine Gefährdungsmeldung bei der Kesb ein. Er fürchte um das Wohl des Kindes. Seine Frau habe einen «Kontrollzwang», wenn es um das Essen von Johanna geht. Die Portionen seien zu klein. Er beantragt das alleinige Sorgerecht für Johanna. Auch ein psychiatrisches Kurzgutachten über Linda kommt zum Schluss, «die schädlichen Verhaltensweisen und Essensregeln der Mutter» könnten sich auf Johanna übertragen.

Zweieinhalb Monate bleibt Linda in Münsterlingen. Mitte April wird sie entlassen, mit der Auflage, sich einer ambulanten Therapie zu unterziehen. Johanna wird vom Vater und seinen Eltern betreut.

Der Ehemann darf im Haus mit der Tochter wohnen

Linda wiegt jetzt zwischen 35 und 36 Kilo und hat kein Zuhause mehr. Das zuständige Bezirksgericht hat dem Ehemann superprovisorisch die alleinige Nutzung des Hauses gemeinsam mit der Tochter zugesprochen. Auch die Obhut für die Tochter erhält der Vater superprovisorisch. Linda darf Johanna jedes zweite Wochenende und drei Nachmittage pro Woche sehen. Während der Zeit mit Johanna darf sie ins gemeinsame Haus. Das Kind bekommt einen Beistand.

Das alles begreift Linda nicht. Seit Johannas Geburt hat sie für das Kind gesorgt und jetzt plötzlich darf sie es nicht mehr. «Es war doch alles in Ordnung, Johanna hat es an nichts gefehlt.» Das Kind leide unter der Situation, schildert Linda.

«Johanna klammert sich an mich und weint, wenn sie gehen muss.»

Über Linda stürzt alles zusammen, sie zieht erst zu ihren Eltern, dann in ein Hotel. Die Schuld für ihre Misere gibt sie dem Noch-Ehemann. Er habe die Familie zerstört, um seine Affären ausleben zu können, wirft sie ihm vor. Die Fronten verhärten sich, als er eine neue Freundin hat, die Übergaben von Johanna enden häufig in gegenseitigen Beschuldigungen. Es folgt ein juristischer Schlagabtausch bis vor Obergericht. Ein Rosenkrieg ist entbrannt. An eine Einigung zwischen Linda und ihrem Mann ist nicht zu denken.

Im Mai 2018 kommt es zur Hauptverhandlung im Eheschutzverfahren vor dem Bezirksgericht. Beide Eltern beantragen die alleinige Obhut für Johanna. Das Gericht gibt beim Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienst ein Gutachten in Auftrag. Es geht um die Obhut für Johanna. Im Zentrum steht die Frage, ob das Kindeswohl bei einer alleinigen Obhut der magersüchtigen Mutter gefährdet ist.

Johanna wünscht sich ein Elefäntli und ein Pony

Einzelgespräche folgen, Hausbesuche, Beobachtungen während Johannas Therapiestunde. Als Johanna gefragt wird, was sie sich wünsche, sagt sie: «Ein Pony, ein Elefäntli und eine Giraffe.» Im Gutachten heisst es zwar, dass beide Elternteile grundsätzlich fähig seien, Johanna «adäquat zu betreuen, zu erziehen». Die Feststellung wird aber durch Lindas Magersucht relativiert. Johanna könnte ebenfalls eine Essstörung entwickeln, mutmassen die Gutachter. Das Kind beobachte und lerne, wie die Mutter sich ernährt.

Auch das «grenzwertig zwanghafte Verhalten» von Linda wird im Gutachten erwähnt. Es könne sich auf Johanna übertragen. Selbst eine engmaschige Betreuung durch einen Beistand reiche nicht, um den negativen Einfluss der Mutter auf das Kind wettzumachen. Schon jetzt sei Johanna «eher dünn und untergewichtig». Die Fünfjährige wiegt 15 Kilo bei einer Grösse von einem Meter. Die Gutachter empfehlen, die Obhut dem Vater zuzusprechen.

Der Hausarzt spricht von «Anorexie-Hysterie»

Es gibt aber auch andere Meinungen. Lindas Therapeutin hält sie für «vollumfänglich in der Lage, für ihre Tochter zu sorgen». Sehr viel deutlichere Worte findet der langjährige Hausarzt der Familie. Er spricht von einer «Anorexie-Hysterie» der hier involvierten ärztlichen Gutachter und der Behörden. Denn:

«Aus Public-Health-Sicht machen übergewichtige Menschen mehr Sorgen als untergewichtige.»

Konsequenterweise müssten dann auch stark übergewichtigen Müttern die Kinder weggenommen werden. Linda habe ihr Kind fünf Jahre lang bestens versorgt, das könne er bestätigen. Er ist nicht sicher, ob eine Betreuung durch verschiedene Menschen dem Kind nicht mehr schade als die anorektische Mutter. Insgesamt ist der Hausarzt vom Vorgehen enttäuscht: «Meine Meinung war ja nicht gefragt.» Bisher habe ihm auch niemand eine Statistik über die Gefährdung der Tochter für eine Anorexie liefern können. «Ich frage mich, ob die Wahrscheinlichkeit einer Gefährdung des Kindes diese brutale Trennung der Tochter von der Mutter rechtfertigt.»

Das Bezirksgericht folgt den Empfehlungen der Gutachter. Im Februar 2019 wird dem Vater im Eheschutzverfahren die Obhut zugesprochen. Linda darf ihre Tochter jedes zweite Wochenende zu sich nehmen, dazu zwei Nachmittage pro Woche. Der Entscheid trifft sie hart: Johanna werde hin- und hergeschoben, zwischen dem Vater, den Eltern des Noch-Ehemannes, der Tagesmutter. «Sogar seine Freundinnen dürfen mein Kind betreuen. Nur ich, die eigene Mutter, darf es nicht.»

Anfang nächsten Jahres ist der Termin für die Scheidung. Linda macht sich keine grossen Hoffnungen, dass sie die alleinige Obhut für die Tochter bekommen wird. Sie sagt:

«Ich bin zufrieden, wenn beide Eltern Johanna je zur Hälfte betreuen können.»

*Name von der Redaktion geändert

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