Thurgauer wundern sich: Woher kommen all diese Möwen?

Mehrere Thurgauer haben in den vergangenen Tagen grössere Scharen von Möwen beobachtet. Teils weitab von Gewässern und auf Feldern, auf denen in den vergangenen 15 Jahren nie solche Vögel gesichtet wurden. Ein Vogelexperte erklärt das Phänomen.

Stephanie Martina
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In Islikon hat sich ein Schwarm Möwen niedergelassen. (Bild: Leserreporter)

In Islikon hat sich ein Schwarm Möwen niedergelassen. (Bild: Leserreporter)

«Ich musste zwei Mal hinschauen, ob es wirklich Möwen sind», schreibt ein Tagblatt-Leser, der auf Feldern in Islikon seit mehreren Tagen immer wieder Vögel beobachtet. «In den 15 Jahren, in denen ich hier arbeite, habe ich so etwas noch nie gesehen.» Er ist nicht der einzige, der sich wundert. Eine weitere Leserin meldet, dass sie bei Weinfelden eine grosse Gruppe Möwen entdeckt habe. Auch Beat Leuch aus Zuben, oberhalb von Altnau, hat Besuch von Möwen erhalten. «Sie picken auf unseren Feldern herum, und nach ein paar Stunden sind sie wieder weg», schildert der Co-Präsident des Thurgauer Vogelschutzes. Immer wenn er die Möwen beobachte, komme ihm eine alte Bauernregel in den Sinn. «Wenn sich die Möwen zusammentun, kommt der Schnee», zitiert Leuch. Seit seiner Kindheit höre er diese Weisheit immer wieder. «Manchmal hat sie sich in den vergangenen 40 bis 50 Jahren sogar bewahrheitet.»

Mehr zu fressen, weniger Gefahren

Wie viele Bauernregeln sei auch diese nicht völlig aus der Luft gegriffen, sagt Michael Schaad von der Vogelwarte Sempach. Viele Vogelarten wie etwa Stare, Enten und eben auch Möwen seien nach der Brutzeit gerne in der Gruppe unterwegs. Das habe zwei Gründe, erklärt der Biologe: «Mehrere Vögel sehen mehr als ein einzelner Vogel, daher finden sie zusammen leichter Nahrungsquellen. Dazu kommt, dass das Risiko, von einem Feind angegriffen zu werden, im Schwarm kleiner ist.» Daher seien grössere Möwengruppen zu dieser Jahreszeit ein häufig zu beobachtendes Phänomen. Auch, dass sich die Möwenschwärme auf Feldern weitab von Gewässern aufhalten, sei nicht aussergewöhnlich. «Möwen sind flexibel und im Gegensatz zu anderen Wasservögeln weniger an Seen und Flüsse gebunden. Daher legen sie bei der Nahrungssuche teils grössere Strecken zurück.»

Möwenschwärme in der ganzen Ostschweiz

Um welche Art Möwe es sich auf dem Foto des Tagblatt-Lesers aus Islikon handelt, kann Schaad nicht mit Sicherheit sagen. Es sei jedoch sehr wahrscheinlich, dass es Lachmöwen seien. «In den vergangenen Tagen wurden uns aus den Kantonen Thurgau und St.Gallen mehrere grössere Gruppen von Lachmöwen gemeldet», sagt der Experte.

Allerdings müsse es sich bei im Winter gesichteten Möwen nicht unbedingt um Vögel handeln, die auch bei uns brüten. Schaad erklärt: «Wenn es im Norden und Nordosten Europas kalt wird und Böden und Seen zufrieren, finden die Vögel weniger Nahrung. Sie sind gezwungen, anderswo Fressbares zu suchen – viele tun das bei uns, weil die Schweizer Gewässer selten von einer Eisschicht bedeckt sind.» Da die Überlebenschancen gut seien, überwintere jährlich etwa eine halbe Million Wasservögel in der Schweiz. Im Vergleich mit anderen europäischen Ländern sei dies eine stattliche Zahl.

Sind die Winter im nördlichen und nordöstlichen Europa hingegen mild, kämen deutlich weniger Möwen in die Schweiz, sagt Schaad. «Sie machen sich erst in Scharen auf den Weg zu uns, wenn der Winter kommt – auch dieses Verhalten zeigt, dass in der Bauernregel ein Funken Wahrheit steckt.»