Thurgauer sind sich uneins - wie viel Platz soll der Thur zustehen?

Drei Viertel der Thurgauer will einen natürlicheren Lauf der Thur. Das zeigt eine Umfrage des Forschungsinstituts Gfs. Die Hochwassergefahr schätzen die Befragten aber eher tief ein.

Silvan Meile
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Umweltverbände verlangen bei der Thurkorrektur einen grosszügig bemessenen Gewässerraum mit Anbindung an die Auenwälder.

Bild: IG lebendige Thur

Die Thur bei der Murgmündung ausserhalb Frauenfelds. Über den Fluss führt die Rorerbrücke in Richtung Warth-Weiningen.

Die geplante Thurkorrektion lässt weder Bauern noch Umweltverbände ruhig schlafen. Derzeit wirft das Jahrhundertprojekt des Kantons in der öffentlichen Vernehmlassung Wellen. Die Landwirte schlagen Alarm, weil durch das Revitalisierungsprojekt viel zu viel Ackerland innerhalb der heute definierten Aussendämme verloren gehe. Die Umweltverbände wollen hingegen dem Fluss noch mehr Platz als vom Kanton angedacht zugestehen.

Um die Meinung der Bevölkerung zu erfahren, hat die Interessengemeinschaft Lebendige Thur (IG) beim Forschungsinstitut Gfs Bern eine Umfrage in Auftrag gegeben. Der IG gehören Pro Natura, der WWF, Aqua Viva, Birdlife und der Fischereiverband an. Gemäss Gfs nahmen an der repräsentativen Umfrage 611 Thurgauerinnen und Thurgauer teil.

Das Resultat zeigt, dass nur 26 Prozent der Befragten von einer hohen Gefahr durch Hochwasser ausgeht. Dennoch sprachen sich 56 Prozent mit «ja» oder «eher ja» dafür aus, dass das Flussbett der Thur für eine bessere Hochwassersicherheit verbreitert werden soll. 80 Prozent davon sind auch dann für eine Verbreiterung, wenn dafür Landwirtschaftsflächen aufgegeben werden müssen.

Grosse Zustimmung für mehr Ökologie

Dass ein Grossteil der Bevölkerung die Hochwassergefahr an der Thur als tief einschätzt, habe ihn erstaunt, sagt Christian Hossli, Geschäftsführer der IG. Möglicherweise sei vielen nicht bewusst, wie gross die Gefahr von Hochwasser tatsächlich ist. «In diesem Bereich muss die Bevölkerung noch besser informiert werden.» Schliesslich sei der Hochwasserschutz kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit.

Deutlich mehr Zustimmung erhält der ökologische Aspekt in der Umfrage. Ein breites Flussbett mit dynamischen Auenwäldern sowie Tier- und Pflanzenarten in grosser Häufigkeit und Vielfalt ist der Bevölkerung gemäss Umfrage sehr wichtig. Mit 4,1 auf einer Skala von 1 bis 5 unterstreichen die Befragten die Wichtigkeit. Ausserdem erachten 79 Prozent die Investition in ein ökologisches Hochwasserschutzkonzept als gut investiertes Geld. Der aktuelle Entwurf eines neuen Hochwasserschutz- und Revitalisierungskonzepts des Kantons sieht eine Umgestaltung der Thur während 30 Jahren für 340 Millionen Franken vor.

Umweltverbände wollen der Thur mehr Raum geben

Der vorliegende Projektentwurf des Kantons geht den Umweltverbänden aber zu wenig weit. «Das vorhandene Potenzial wird zu wenig ausgeschöpft», sagt Hossli. Zu sehr schränke auch die vom Kanton vorgeschlagene Thurkorrektion den Fluss weiterhin ein. Hossli sagt:

«Die Gewässerräume wurden zu gering bemessen und eine konsequente Anbindung der Auenwälder von nationaler Bedeutung verpasst.»

Zu wenig werde etwa der historische Aspekt betrachtet, wie die Thur einst ohne Dämme ihren Weg zum Rhein bahnte. Natürlich könne man jenen Zustand wie vor 200 Jahren nicht mehr anstreben, sagt Hossli weiter. Doch dieses Projekt biete die Jahrhundertchance, «Ökologie, Hochwasserschutz und Naherholung zu verbinden». Denn die nun publizierte Umfrage zeige eben auch, dass sich drei Viertel der Bevölkerung Zugang zur Thur als natürliches und nicht kanalisiertes Gewässer wünschten.

«Bisherige Projekte, wie etwa der Murgauenpark in Frauenfeld, zeigen, wie begeistert die Leute nach der Umsetzung sind.››

Das sagt Hossli. Die IG versucht derzeit, die Bevölkerung für entsprechende Stellungnahmen beim Kanton zu motivieren, damit der Thur doch noch mehr Raum zugestanden wird.