«Zeugnisse muss es geben»: Wie die Thurgauer Schulen damit umgehen, dass der Präsenzunterricht wegen Corona möglicherweise bis zu den Sommerferien ausfällt

Das aktuelle Schuljahr muss möglicherweise mit Fernunterricht abgeschlossen werden. Ins Zeugnis kommt ein Corona-Vermerk.

Silvan Meile
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Aktuell ist wegen der Coronakrise Lernen daheim angesagt.

Aktuell ist wegen der Coronakrise Lernen daheim angesagt.

Bild: Keystone

Der Kanton bereit sich auf eine längere Schliessung der Schulen vor. In einem Schreiben an die Bildungsverantwortlichen teilt Monika Knill, Vorsteherin des Departements für Erziehung und Kultur, mit: Es sei davon auszugehen, dass «ab 20. April 2020 der ordentliche Unterricht nicht aufgenommen werden kann». Bis zu diesem Datum hat der Bundesrat sämtliche Schulen des Landes als Massnahme gegen die Ausbreitung des Coronavirus geschlossen.

Offensichtlich rechnet der Kanton damit, dass die Landesregierung diesen Termin weiter gegen hinten verschieben wird. Gemäss Schreiben wappnet sich der Thurgau sogar für eine Verlängerung dieser Massnahme bis zu den Sommerferien am 3. Juli. Für die Schüler würde das bedeuten, dass sie das Schuljahr mit Fernunterricht zu Hause abschliessen. Schon jetzt ist klar: In ihrem Zeugnis wird ein historischer Vermerk angebracht:

«Die Zeit der Corona-Pandemie fällt in diese Zeugnisperiode.»

«Zeugnisse muss es geben», sagt Beat Brüllmann, Chef des Thurgauer Volksschulamts. Die Schulkarrieren dürften keinen Unterbruch erfahren. In einzelnen Fächern wird aber lediglich der Vermerk «besucht» angebracht, da aufgrund der ausserordentlichen Situation schlicht keine Beurteilung gemacht werden könne. Das betrifft vor allem die Schüler der Sekundarstufe, die semesterweise ein Zeugnis erhalten.

«In der aktuellen Situation können keine Prüfungen geschrieben werden», sagt Anne Varenne, Präsidentin des Thurgauer Lehrerverbands. Der Unterricht findet derzeit bei jedem Kind individuell zu Hause statt. Per Post, E-Mail oder per schulintern organisierten Boten bekommt es seine Aufgaben, welche es dann seiner Lehrperson ausgefüllt wieder zurückschickt oder abgibt. Für die älteren Schüler können Schulstunden übers Internet durchgeführt werden.

An jeder Schule herrschen andere Voraussetzungen

Einen Überblick, wie die einzelnen Schulen im Kanton die derzeitige Situation tatsächlich bewältigen, habe im Moment niemand, sagt Varenne. Einerseits seien die digitalen Möglichkeiten der einzelnen Schulen «total verschieden». Anderseits gibt es auch Elternhäuser, in denen eine Internetverbindung – oder zumindest eine genügend schnelle – für einen Unterricht über Webplattformen fehle.

Extrem gefordert sind die Lehrer. Sie müssen auch versuchen, die Chancengleichheit zu wahren. Diese gerät aber schon deshalb ins Wanken, weil nicht alle Kinder zu Hause die gleichen Voraussetzungen haben, sei es aufgrund der Infrastruktur oder der Unterstützung durch die Eltern.

«Am anspruchsvollsten ist der Fernunterricht bei den Kleinsten, den Kindergärtnern, Erst- und Zweitklässlern», sagt Brüllmann. Sie sind in einem Alter, in dem sie eher noch von Tabletts und Computern ferngehalten werden. Doch auch sie müssen zu Hause den Schulstoff abarbeiten.

Trotz Fernunterricht liege ein besonderer Fokus auf der individuellen Lernbegleitung», sagt Varenne. Der persönliche Kontakt sei nun besonders wichtig. Ein solcher müsse gewährleistet bleiben.

«Die Lehrperson muss erkennen, bei welchen Aufgaben ein Kind ansteht.»

In solchen Fällen treffen die Lehrer ihre Schüler einzeln oder in sehr kleinen Gruppen für kurze Besprechungen persönlich, «unter Einhaltung der Vorschriften». Wo das nicht möglich sei, weil es etwa die Eltern nicht zulassen, hilft das Telefon.


«Wir erwarten, in allen Fächern die wichtigsten Minimalziele des Lehrplans zu erreichen», sagt Varenne. Sie denkt nicht, dass aufgrund der Coronakrise mehr Kinder als üblich die Klasse repetieren müssen. Und sie hegt die Hoffnung, dass sich mit Einhaltung der Distanzregel die Anzahl Ansteckungen deutlich vermindern wird und nach den Pfingstferien der Präsenzunterricht damit schrittweise wieder aufgenommen werden kann.

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