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In Aktion: Der Thurgauer Mülltaucher und Lebensmittel-Retter. (Bilder: Helio Hick)

In Aktion: Der Thurgauer Mülltaucher und Lebensmittel-Retter. (Bilder: Helio Hick)

«Es ist eine Schande»: Thurgauer holt Lebensmittel aus dem Abfall und isst sie – aus Protest gegen die Verschwendung

Mario Niederhauser* fischt Lebensmittel aus dem Müll hinter dem Supermarkt. Was der Thurgauer findet, kommt auf den Tisch. Familie und Freunde essen mit.
Hana Mauder

Es ist still. So still, wie ein 1400-Seelen-Dorf nach Einbruch der Nacht nur sein kann. Vielleicht klingt der eigene Herzschlag deshalb so laut in den eigenen Ohren. Oder es liegt am Adrenalin, das durch den Körper pumpt? Hinter dem Dorfladen springt der Bewegungsmelder an. Prompt taucht eine Neonlampe die Szene in kühles Licht. Der Blick fällt auf zwei Müllcontainer, die an der Rückwand des Gebäudes an die Wand lehnen.

Ein junger Mann zieht sich die Maske übers Gesicht und stellt seinen schwarzen Rucksack auf den Boden. «Ich arbeite so schnell wie möglich.» Mit einem Finger tippt er die Stirnlampe an. Die Hände müssen frei bleiben. «Geht ein Zivilist vorbei, grüsse ich freundlich und versuche zu solidarisieren. Taucht die Polizei auf, renne ich weg.»

Zwischen unerwünscht und illegal

Mario Niederhauser ist ein Thurgauer Mülltaucher. Er fischt Lebensmittel zum Eigengebrauch aus den Abfallcontainern der Detailhändler und Discounter. Nicht aus Geldnot. Sondern als Protest gegen die Verschwendung. Das geschieht bei Nacht und im toten Winkel von Überwachungskameras. Denn seine Aktion bewegen sich auf einem schmalen Grad der gesetzlichen Grauzone zwischen unerwünscht und illegal. Er stellt klar:

«Ich würde nie ein Schloss aufbrechen»

Er sei kein Dieb, sondern ein Lebensmittel-Retter. Mit seinem nächtlichen Tun steht Niederhauser in der Schweiz nicht allein da. In urbanen Gebieten geniesst das Mülltauchen bereits Szene-Charakter. Aber im ländlichen Thurgau? «Ich kenne hier keinen, der das macht.»

Das Retten von Lebensmitteln hat der Thurgauer im Ausland entdeckt. Nach der Lehre zog es den am Bodensee aufgewachsenen Metallbauschlosser in die Welt hinaus. Eine Aktivisten-Gruppe in Berlin nahm ihn damals mit zum 40 Kubikmeter grossen Container einer Grossbäckerei. «Da lagen Tonnen von Torten im Müll», erinnert sich Niederhauser. Ein Angestellter ertappte sie und begann zu schimpfen. Frust, Protest und Empörung suchten ein Ventil. «Plötzlich flog die erste Torte … die warf übrigens der Sicherheitsbeamte.»

Eine Tortenschlacht der Verzweiflung nennt er diesen Moment im Rückblick. Seit zwei Jahren lebt der Lebensmittel-Recycler wieder in der Region. Von seinen Reisen hat er die Überzeugung mitgebracht, dass Nahrung nicht in die Tonne gehört.

Keine zweite Chance für das heikle Fleisch

Beim Anheben des Containers ächzt der Deckel. Der Geruch steigt sofort in die Nase. Wie gemähtes Gras, das nach dem Regen in der Sonne gärt. Routiniert packt Nieder­hauser zu. Mit jedem Handgriff fördert er neue Schätze zutage. Ein Netz mit Kartoffeln – Karotten, Zucchini, Tomaten, Fenchel oder Salatköpfe. Sogar ein Wurstkäse-Salat in intakter Plastikbox und eine Trutenpiccata in Originalverpackung. «Die ist im Kern noch kühl», meint er, trotzdem bekommen diese beiden Produkte keine zweite Chance.

«Ich bin Vegetarier. Und Fleisch ist extrem heikel.»

Beim Gedanken an den enormen Energie-Aufwand für die Fleischproduktion schüttelt der Lebensmittel-Retter bedauernd den Kopf. Er greift noch einmal beherzt in die Tonne. Ein Dessert kommt zum Vorschein: Ein «Speckmöckli», offensichtlich eine Spezialität vom regionalen Bäcker.

Die Ausbeute ist etwas mager heute Nacht. Der 31-Jährige wischt sich die Hände an den Hosen ab und packt alles in den Rucksack. Vor Sonn- und Feiertagen, erzählt er, seien die Tonnen jeweils randvoll. «Vor Pfingsten habe ich mehrere Taschen gefüllt.» Die geborgenen Lebensmittel sind in der Regel tadellos und sauber.

Es braucht einen Aufschrei

«Es ist unfassbar, was da alles im Abfall landet», meint er. «Pizzen kurz vor dem Ablaufdatum. Schokolade. Brot, Auberginen, Bananen oder Fleisch. Wenn die Tomate schrumpelt oder die kleine Gurke keinen Käufer findet» sei Schluss. «Das ist eine Schande. Es müsste einen Aufschrei durchs Universum gehen.» Doch das Universum schweigt. Nur die Turmuhr schlägt die volle Stunde.

Mario Niederhauser wirft einen letzten Blick über die Schulter und schaltet die Stirnlampe aus. Er hinterlässt keine Unordnung und keine Spuren. Die ganze Aktion hat knapp zwölf Minuten gedauert. Die Nacht ist noch jung. «Jetzt geht es zu einem anderen Laden.»

Der Lebensmittel-Recycler ist in der Region aufgewachsen und weiss, wo sich der nächtliche Aufwand lohnt. Die Schweizer Grossverteiler wie Coop, Lidl oder Migros schieben solchen Menschen wie ihm rigoros den Riegel vor.

«Sie stecken die Abfälle in spezielle Lastwagen oder Müllpressen und schliessen ab. Da kommt man nicht ran.»

Mario Niederhauser packt seinen Rucksack und macht sich wieder auf den Weg. Er braucht noch ein paar Dinge mehr. Denn: «Ich lade Freunde und Familie zum Essen ein.»

Die Beute an einem durchschnittlichen Tag sieht so aus.

Die Beute an einem durchschnittlichen Tag sieht so aus.

Tatsächlich. Wenige Tage später schmurgelt in seinem Zuhause in der Pfanne eine Pilzrahmsauce. Der Lebensmittel-Retter wohnt an der Peripherie einer Thurgauer Stadt. Hier herrscht jene Gemütlichkeit, die sich nicht in barer Münze messen lässt. Im wilden Garten duften Thymian und Basilikum um die Wette. Niederhausers Mutter rüstet den Salat. Ob sie weiss, was ihr Sohn nachts tut und woher er den Salat hat?

Ab und zu ist sogar die Mutter dabei

«Für mich ist das kein Geheimnis», sagt Niederhausers Mutter bestimmt. «Einmal brachte er mir eingeschweisste Auberginen mit. Das Gemüse war makellos! Das ist pure Verschwendung und eigentlich ethisch untragbar.» Ab und zu begleitet sie ihren Sohn sogar auf seinen «Einkaufstouren». Alle geborgenen Lebensmittel werden sorgfältig gewaschen und verstaut.

«Es ist eine Frage des gesunden Menschenverstandes. Man merkt, was noch geniessbar ist.»

Familie und Freunde wissen, was auf den Teller kommt. Keinen stört das. Zumindest nicht mehr. «Zuerst hat es mich gegruust», meint Niederhausers Bruder Andreas. «Das alles lag ja im Abfall!» Der gelernte Koch steht neben dem Bruder und Mülltaucher am Herd und dünstet Zwiebeln. Überzeugt habe ihn schliesslich die Qualität, meint er, und schnuppert am Vollrahm.

Aus Müll ein Menü zu zaubern, das schafft er heute mit links. Rund 90 Prozent des Abendessens stammt von nächtlichen Beutezügen. «Das war stressig», meint der Gastgeber. Ein- bis dreimal pro Woche containert er in der Region. Was dann noch fehlt, kauft er regulär.

Eine reich gedeckte Tafel, und der Jüngste ist eineinhalb

Die bunt gemischte Gruppe aus Freunden, Geschwistern und Partnerinnen setzt sich unter einem schattigen Baum zu Tisch. Der jüngste Gast ist der kleine Neffe. Er ist eineinhalb Jahre alt und greift schon kräftig zu. Die Tafel ist reich gedeckt: Peperoni mit Ziegen-Parmesankäse und einem Hauch von Meerrettich. Eine Gemüse-Quiche. Rosmarinkartoffeln, Salat, überbackene Auberginen, Fruchtsalat, Bananen mit Schokoladensauce. «Es schmeckt sehr fein. Niemand würde glauben, dass wir Müll essen», meint einer der Tafelgäste.

An der Tafel schmeckt es allen.

An der Tafel schmeckt es allen.

Die Gespräche drehen sich um die Auswüchse einer Gesellschaft, die den Überfluss zum Standard erklärt und dabei kein schlechtes Gewissen hat. Der Mülltaucher will der Masslosigkeit der Gesellschaft die Stirn zu bieten. Er recherchiert fleissig zum Thema Food-Waste: 300 Kilo Lebensmittel landen pro Kopf und Jahr in der Schweiz im Müll.

«Den grössten Anteil an der Lebensmittel-Verschwendung haben die Landwirtschaft, Produktion und Privathaushalte.» Der Lebensmittel-Retter ist kein Träumer mit Robin-Hood-Komplex. Die Zusammenhänge von Kühlkette und Verfallsdatum sind im bewusst. Trotzdem will er die Verantwortlichen in die Pflicht nehmen.

«Man könnte so viel mehr tun.»

Dazu macht er sich seine Gedanken: Über Lebensmittel-Klappen wie in Frankreich. Die Optimierung von Aktionen. Eine gratis Lebensmittel-Abgabe kurz vor Ladenschluss. Eine stärkere Wertschätzung regionaler Produkte oder Lebensmittel-Kunde an den Primar-Schulen.

Die Welt lässt sich nicht über Nacht umkrempeln. «Aber es braucht immer Menschen, die auf Missstände aufmerksam machen.» Die Teller auf dem Tisch sind längst leer. Geschmeckt hat es allen. «Morgen werde ich wieder auf Tour gehen», sagt Niederhauser. Es geht nicht um den Kick. «Jede Veränderung muss man erst einmal in Gang setzen.» Sein Rucksack und die Stirnlampe liegen griffbereit.

* alle Namen geändert.

Nicht ausdrücklich verboten

In der Schweiz ist containern – anders als in den USA und Deutschland – nicht ausdrücklich verboten. Aber nur, wenn keine Schlösser geknackt oder Absperrungen überwunden werden müssen und sich der Abfall nicht auf Privatgelände befindet. Sonst begeht man Hausfriedensbruch. (mau)

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