Interview

Thurgauer Regierungsratskandidat Ueli Fisch: «Man sollte mehr ostschweizmässig denken»

Ueli Fisch, GLP, will die Kommunikation der Regierung verbessern. Er ist ausserdem der Meinung, dass es dem Regierungsrat gut tun würde, wenn noch ein Unternehmer im Gremium vertreten wäre.

Larissa Flammer
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Ueli Fisch vor seinem Arbeitsplatz bei der Wederundgut AG in Frauenfeld.

Ueli Fisch vor seinem Arbeitsplatz bei der Wederundgut AG in Frauenfeld.

Bild: Andrea Stalder

Nach den nationalen Wahlen im Herbst waren Sie enttäuscht. Glauben Sie dieses Mal an einen Erfolg?

Ich schätze meine Wahlchancen schon realistisch ein. Aber ich wäre bereit, wer weiss. Ich werde sicher nicht mehr so enttäuscht sein, wenn es nicht klappt. Das musste ich meiner Frau versprechen.

Mit wie vielen Stimmen von Wählern der Grünen rechnen Sie?

Ich finde es nicht schlecht, dass wir beide antreten, es hat aber auch ein gewisses Risiko. Vielleicht kommen die Stimmen, die ich von den Grünen erhalten hätte, jetzt nicht zu mir. Es kann aber durchaus sein, dass die, die links-grün wählen, jetzt vielleicht zwei ökologische Stimmen wählen.

Gab es keine negativen Reaktionen von Seiten der Grünen auf Ihre Kandidatur? Sie sagten ja, Sie kandidieren nicht, woraufhin die Grünen jemanden gesucht haben.

Wir standen immer in Kontakt. Und es hiess bei ihnen bis relativ kurz vor der Entscheidung, wir haben auch noch niemanden. Ich sagte mir, das kann nicht sein. Also überlegte ich, ob ich nicht doch antreten soll, damit es eine Auswahl gibt. Und dann kam der Entscheid der Grünen Knall auf Fall, jetzt komme Karin Bétrisey doch.

Sie sagten, Sie seien zu einer Kandidatur ermuntert worden. Von wem?

Querbeet. Unternehmer, die politisch nicht aktiv sind. Von links bis rechts.

Hat Sie das umgestimmt?

Ja, das und eben die Situation, dass es bis am Schluss so aussah, als ob niemand kommen würde. Ich hatte den Rückzug-vom-Rückzug-Entscheid gefällt und dann haben die Grünen doch auch nominiert und ich wollte mich mental nicht nochmals umstellen. Das Hin und Her hat mir dann auch gereicht.

«Und wir sind der Meinung, es braucht vielleicht noch eine Kandidatur, die ein bisschen bekannter ist.»

Im Wahlkampf 2016 war Ihr Argument, der Finanzhaushalt des Kantons sei nicht im Lot, es brauche einen Unternehmer in der Regierung. Und jetzt?

Den Unternehmer braucht es immer noch. Der würde der Regierung definitiv guttun. Es sollte nicht zu viele Gemeindepräsidenten in der Regierung geben, sondern noch jemanden aus der Wirtschaft. Ich sage nicht, dass so jemand es besser macht. Aber anders.

Zur Person

Sei 2012 politisiert Ueli Fisch für die GLP im Grossen Rat. Dort präsidiert er seit vier Jahren die Fraktion GLP/BDP. Für den 57-Jährigen ist es nicht der erste Regierungsratswahlkampf. 2016 erreichte er das absolute Mehr, schied aber als Überzähliger aus. Walter Schönholzer zog damals neu in die Regierung ein. Im Herbst 2019 wollte Fisch National- oder Ständerat werden – bei beiden Wahlen ging er leer aus. Der Ottoberger wuchs in Bischofszell auf, ist verheiratet und zweifacher Vater. Der Betriebsökonom ist Mehrheitsaktionär und Geschäftsführer der Wederundgut AG sowie Inhaber der Fischtextiles GmbH.

Laut Smartspider ist Ihnen «ausgebauter Umweltschutz» und «liberale Wirtschaftspolitik» sehr wichtig. Ist das kein Widerspruch?

Eben nicht. Das ist es, was die GLP ausmacht. Wir versuchen, die Energiewende mit der Wirtschaft zusammen zu machen. Was extrem viele Chancen bietet. Das ist auch der Unterschied zwischen uns und den Grünen. Sie wollen die Energiewende auch, aber immer auf Kosten des Staates.

Am 20. Januar gibt Ueli Fisch seine Kandidatur bei einem Medientermin der GLP Thurgau bekannt.

Am 20. Januar gibt Ueli Fisch seine Kandidatur bei einem Medientermin der GLP Thurgau bekannt.

Bild: Reto Martin

Alle Unternehmen werden sich aber nicht mit Anreizen in Richtung Umweltschutz lenken lassen.

Ganz ohne Regulierungen wird es nicht gehen. Aber es darf nicht zu viele geben. Es braucht auch Verbote, bei den Heizungen zum Beispiel. Ich glaube, ein Unternehmer sieht selber, dass er nicht in alte Technologien investieren soll.

Auch in der Landwirtschaft sind Sie für Anreize für eine ökologische Bewirtschaftung.

Ich werde auf Facebook immer wieder von Kantonsratskollegen, die Landwirte sind, angegriffen. Mir geht es auch bei den Bauern darum, dass sie eine liberale Politik verfolgen und nicht einfach warten, bis der Geldsegen kommt. Ich bin schon für eine gesunde Landwirtschaft im Thurgau. Das ist mir viel wert. Aber die Bauern müssen sich auch bewegen.

Sie treten oft gegen das System an – Stichwort Transparenz. Hat man im Regierungsgebäude Angst vor Ihnen?

Angst glaube ich nicht. Aber für mich ist es auch eine Bestätigung, wenn Köby Stark sagt, er spitze die Ohren immer besonders, wenn ich spreche. Ich habe mit den Regierungsräten persönlich ein gutes Verhältnis. Aber ich habe mich schon immer gegen das System mit den fixen Machtansprüchen der vier grossen Parteien gestellt und habe einen gewissen Gerechtigkeitssinn.

Würden Sie sich nicht wohler fühlen in der Opposition?

«Die, die immer ein grosses Maul haben, müssen beweisen, dass sie es anders machen können.»

Mir ist das schon gegeben, dass ich mitbestimmen will. Als Kantonsrat kann man wohl Vorschläge machen, man wird aber oft abgesägt. Das ist ein Don-Quijote-Kampf. Aber ich könnte in der Regierung den Schalter umlegen und sagen, jetzt bin ich in der gestaltenden Position, jetzt muss ich mitmachen. Dann habe ich es selber im Parlament mit solchen Typen wie mir zu tun (schmunzelt).

Ueli Fisch im Februar 2019 im Grossen Rat.

Ueli Fisch im Februar 2019 im Grossen Rat.

Bild: Andrea Stalder

Was würden Sie anpacken?

Ich kenne natürlich nicht alle Geschäfte. Aber ich würde im Gesamtgremium bei der Kommunikation mitarbeiten. Ich finde, sie haben zum Teil unglücklich, zögerlich reagiert in einigen Fällen ...

Zum Beispiel?

Hefenhofen, PH Thurgau, jetzt die Entlassung des Chefs des Amts für Informatik. Das sind alles Fälle, die ich nicht aus der Innensicht beurteilen kann. Aber aus der Aussensicht hatte ich das Gefühl, Kommunikation ist nicht die Stärke des Regierungsrats. Dort würde ich versuchen, meinen Input zu bringen.

Was noch?

Man sollte mehr ostschweizmässig denken, nicht nur der Thurgau für sich, St.Gallen für sich.

Sie würden sich dafür stark machen, dass die Ostschweiz gemeinsam auftritt?

Ich glaube, das wäre wirklich eine gute Geschichte. Man kann sich stärken und sagen, wir sind auch jemand, wir bieten auch was. Uns werden immer mehr Fachkräfte fehlen. Wir müssen versuchen, sie hier auszubilden und hier zu halten. Das kann man nicht nur in den Grenzen des Kantons Thurgau denken.

Redaktionelle Einschätzung:

Vorteil durch Transparenz

Ueli Fisch kennt als Unternehmer die Thurgauer Wirtschaft und ist als Kantonsrat und Fraktionspräsident bestens vernetzt. Dass er den Sprung in die Regierung schon 2016 fast geschafft hat, zeigt, dass er für die Thurgauer wählbar ist. Aber die GLP und damit Ueli Fisch haben gegen die grossen Parteien schlechte Karten. Sein Vorteil besteht darin, dass die Bevölkerung mit überwältigender Mehrheit mehr Transparenz bei den Kantonsbehörden wünschte (Öffentlichkeitsprinzip). Dafür steht Fisch. (lsf)

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Silvan Meile