Interview

Thurgauer Psychologe zum familiären Hosenlupf während der Coronakrise: «Es funktioniert nur, wenn alle – auch die Kinder – Abstriche machen»

Die Kinder sind nun primär zu Hause und jetzt sind Frühlingsferien: Felix Suter, Psychologe bei der «Perspektive Thurgau», erklärt, welche Risiken und Chancen das birgt.

Sebastian Keller
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Felix Suter, Psychologe bei der «Perspektive Thurgau».

Felix Suter, Psychologe bei der «Perspektive Thurgau».

Bild: PD

Felix Suter leitet den Fachbereich Paar-, Familien- und Jugendberatung bei der «Perspektive Thurgau». Im Interview nimmt der Psychologe und Vater dreier schulpflichtiger Kinder Stellung zu den familiären Herausforderungen von Corona.

Spüren sie das Coronavirus in der Beratung?

Felix Suter: Wir erleben Familien, die sehr gut mit der Situation klarkommen, aber auch solche, bei denen eine grosse Not da ist. Die neue Situation bringt zusätzliche Aufgabenpakete mit sich: Nebst dem Haushalt sind plötzlich noch das Homeoffice, die Kinderbetreuung und das Homeschooling zu leisten. Beim Homeschooling fragen sich die Eltern, welche ihre Rolle dabei ist.

Welche ist es?

Das lässt sich nicht pauschal sagen. Zuerst teilen alle eine Sorge: Keine Mutter und kein Vater will, dass das eigene Kind den Schulstoff verpasst und zu wenig lernt. Zentral ist, das Gespräch mit der Lehrperson zu suchen. Wenn man zum Beispiel findet, die Arbeitsaufträge sind zu kompliziert formuliert oder die Arbeitsmenge ist dem Kind nicht angemessen.

Die Lehrperson sieht das Stirnrunzeln im Klassenzimmer auch nicht mehr.

Genau, sie muss sich aktiv um ein Feedback der Schüler und Eltern bemühen. Dazu werden verschiedene technische Möglichkeiten ausgelotet, zum Beispiel die Videotelefonie.

Die Eltern müssen die Kinder beschulen und dann noch bespassen – eine 24-Stunden-Betreuung.

Diese Rechnung geht am Schluss nicht auf. Es funktioniert nur, wenn alle – auch die Kinder – Abstriche machen. Hilfreich ist, wenn man sich bewusst macht, dass alle Familien mit ähnlichen Herausforderungen kämpfen.

Hilft der geplante Coronavermerk im Zeugnis?

Das hilft sicher. Aber der Druck bleibt natürlich, vor allem, wenn dem Kind oder dem Jugendlichen ein Übertritt bevorsteht oder wenn das Kind in der Schule sonst schon Mühe bekundet.

Nun sind Ferien: Entspannung oder Herausforderung?

Wenn das Homeschooling schwierig war, können die Ferien zur Entspannung beitragen.

Verreisen ist kaum möglich.

Zuerst ist es traurig, weil man sich auf die Ferien gefreut hat. Ich sehe aber auch Chancen. Man kommt davon weg, noch weiter fliegen zu wollen. Es findet eine Besinnung auf das Einfache statt. Eine Velotour oder ein Ausflug in den Wald. Kinder müssen nicht nach Amerika fliegen, um glücklich zu sein.

Geigenunterricht und Fussballtraining fallen aus.

Wichtig ist, dass die Kinder weiterhin mental und körperlich gefordert werden. Sie sollen weiterhin ihr Instrument üben und sich viel bewegen. Kinder brauchen Bewegung, ansonsten sind sie unausgeglichen und es kommt zu Konflikten mit Eltern und Geschwistern.

Wie ist es für Paare?

Ich nenne ein Beispiel: Wenn die Frau normalerweise nach der Arbeit zweimal in der Woche zum Fitness geht, deckt das mehrere Bedürfnisse ab: sozialer Austausch und körperliche Betätigung. Weil das nicht mehr möglich ist, führt das vielleicht zu Unzufriedenheit und vermehrten Konflikten.

Was kann man dagegen tun?

Telefonieren zum Beispiel. Für die körperliche Betätigung bieten sich Aktivitäten wie ein Waldspaziergang oder eine andere Form der Bewegung an. Gerade in dieser Zeit mit der hohen Beanspruchung ist eine gute Selbstfürsorge wichtig.

Telefonische Beratungen

(red) Die Perspektive Thurgau hält in der Coronakrise ihr Beratungsangebot aufrecht. Telefonische Beratungen stehen allen offen; Beratungen vor Ort finden nur in Ausnahmefällen statt. Erreichbar ist die Organisation unter der Nummer 071-626-02-02 von Montag bis Freitag, 8.30 bis 12 Uhr und 13.30 bis 17 Uhr. Die Mütter- und Väterberatung hat ihre Telefonberatungszeiten erweitert. Aktuelle Informationen zu den Kontaktmöglichkeiten werden auf www.perspektive-tg.ch/corona publiziert. Die E-Mail-Adresse lautet info@perspektive-tg.ch.

Was versteht man darunter?

Jeder muss sich fragen, was er braucht, um ausgeglichen zu sein. Und diese Bedürfnisse soll man dem Partner und den Kindern mitteilen. Miteinander soll dafür gesorgt werden, dass die wichtigen Bedürfnisse ihren Platz haben. Manchmal braucht es dazu auch eine Portion Egoismus und man muss für sich und seine Bedürfnisse einstehen. Familien wie auch Paarbeziehungen sind gewachsene Gleichgewichte. Diese geraten eventuell aus den Fugen und müssen nun neu justiert werden.

Bringt Corona Konflikte schneller zum Eskalieren?

Ich denke schon, weil alle enger beieinander sind. Ein Beispiel: Es kommen sieben Geschäfts-E-Mails, die Kinder streiten und dann klagt der Sohn, dass es schon wieder keine Pommes frites gibt. Dann explodiert es. Es geht natürlich nicht um die Pommes frites, sie sind nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Zentral ist, innerhalb des Tages immer wieder dafür zu sorgen, dass die eigene Anspannung in einem gesunden Ausmass bleibt, damit nicht eine Kleinigkeit zur Explosion führt.

Soziale Kontakte sind wichtig. Aber die Grosseltern soll man nicht besuchen.

Auch hier sind kreative Lösungen gefragt. Ich habe drei schulpflichtige Kinder. Sie schreiben den Grosseltern Briefe oder sie machen ein Klavierkonzert am Telefon. Viele Menschen nehmen die Verbundenheit mit der älteren Generation nun intensiver wahr.

Werden die Leute kreativ?

Ich erlebe, dass Familien plötzlich wieder Spiele machen. In Beratungen hören wir, dass durch leere Terminkalender Ruhe und Entschleunigung einkehren. Geschwister spielen mehr miteinander und man wird in der momentanen Aktivität weniger gestört.