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Thurgauer Podium gegen Gewalt an Frauen – Das Problem sind alte Rollenbilder und Machtgefälle

Die Fachstelle für Häusliche Gewalt der Kantonspolizei und die CVP Frauen sensibilisieren in Weinfelden für das Thema Gewalt gegen Frauen. Damit die Gewalt aufhört, muss sich unter anderem die Gesellschaft verändern.
Larissa Flammer
Die Podiumsteilnehmer: Uta Reutlinger (Fachstelle Häusliche Gewalt Kapo Thurgau), Ilona Swoboda (Frauenhaus Winterthur, Beratungsstelle für gewaltbetroffene Frauen Thurgau), Moderatorin Anne Varenne, Hannes Schäfer (Fachstelle Konflikt.Gewalt) und Barbara Holzer (Leiterin Selbstverteidigungskurse). (Bild: PD/Maja Bodenmann)

Die Podiumsteilnehmer: Uta Reutlinger (Fachstelle Häusliche Gewalt Kapo Thurgau), Ilona Swoboda (Frauenhaus Winterthur, Beratungsstelle für gewaltbetroffene Frauen Thurgau), Moderatorin Anne Varenne, Hannes Schäfer (Fachstelle Konflikt.Gewalt) und Barbara Holzer (Leiterin Selbstverteidigungskurse). (Bild: PD/Maja Bodenmann)

Der Kurzfilm, der am Montagabend im Weinfelder «Trauben» gezeigt wird, ist heftig. Es geht um häusliche Gewalt. Um die Tochter, die wegen des handgreiflichen Streits ihrer Eltern die Polizei ruft. Wie die Mutter auf dem Polizeiposten gegen ihren Mann aussagen muss und ihm trotzdem verzeiht, nur um wieder Opfer seiner Gewalt zu werden. Wie ihr Traum von einer glücklichen Familie zerplatzt.

Als der Film endet, bleiben die gut 35 Besucher des Podiums «Gewalt an Frauen – alle sind gefordert!» erst mal mucksmäuschenstill. Ein komisches Gefühl hat sich durch die Konfrontation mit häuslicher Gewalt im Bauch ausgebreitet – auch wenn es nur über einen Film geschehen ist. Die Kantonspolizei Solothurn hat diesen produziert, um die Bevölkerung für das Thema zu sensibilisieren.

«Der zerplatzte Traum» - Ein Film der Kantonspolizei Solothurn

«Szenen wie im Film kommen täglich auch im Thurgau vor», sagt Uta Reutlinger, Leiterin der Fachstelle Häusliche Gewalt bei der Kantonspolizei Thurgau. Fast zweimal pro Tag rückt die Polizei im Kanton deswegen aus, wie Reutlinger unlängst gegenüber unserer Zeitung sagte.

Am Podium in Weinfelden möchte sie auf das Thema aufmerksam machen: «70 Prozent der Tötungsdelikte in der Schweiz finden im häuslichen Bereich statt.» Jährlich werden schweizweit im Durchschnitt 22 Frauen und vier Männer vom aktuellen oder ehemaligen Partner getötet. Auch Frauen sind Täter, auch sie üben im häuslichen Bereich Gewalt aus. Doch meistens sind es Männer.

Veranstalter des Podiums sind die Fachstelle der Kapo und die CVP Frauen Thurgau. Es passt in die internationale Kampagne «16 Tage gegen Gewalt an Frauen», die noch bis nächsten Montag läuft.

Wer Zeuge von Gewalt wird, soll Hilfe holen

«Gewalt betrifft uns alle», sagt Anne Varenne, Präsidentin der CVP Frauen Thurgau und Moderatorin des Podiums. «Hoffentlich nicht direkt, aber sicher indirekt.» Jeder solle sich gegen Gewalt einsetzen.

Ilona Swoboda rät Zeugen von Gewalt: «Reagieren Sie, aber gehen Sie nicht selber hin.» Die Co-Leiterin des Frauenhauses Winterthur und Leiterin der Beratungsstelle für gewaltbetroffene Frauen Thurgau sagt:

«Rufen Sie direkt die Polizei oder sprechen Sie mit der Frau und bieten ihr an, jederzeit Hilfe zu holen.»

Barbara Holzer ist Leiterin von Selbstverteidigungskursen für Mädchen und Frauen und stärkt so auch ihr Selbstbewusstsein. Sie rät Zeugen von öffentlicher Gewalt, laut zu werden. Zu rufen, andere auf das Geschehen aufmerksam zu machen und vielleicht gemeinsam auf den Täter zuzugehen. Sie sagt:

«Ich wünsche mir, dass Eltern ihre Kinder zu selbstbewussten Menschen erziehen und nicht ihre eigenen Ängste auf sie projizieren.»

Uta Reutlinger ist überzeugt, dass Gewalt erst aufhört, wenn die geschlechtstypischen Rollenbilder verschwinden. «Wie oft unterstützen wir diese unbewusst, indem wir Jungen keine Haarspangen tragen lassen oder Mädchen ermahnen, sich nicht so wild zu gebärden?» Auch Machtgefälle sind für die Fachstellenleiterin ein Übel. «Gewalt ist ein Machtmissbrauch.» Die vielen bereits bestehenden Präventions- und Sensibilisierungsprojekte wirken dem entgegen. Reutlinger sagt:

«Ich wünsche mir, dass jedes Kind mal ein solches Projekt erlebt und nicht Glück haben muss, dass sein Lehrer sich dafür interessiert.»

Therapie der Täter stösst manchmal an Grenzen

Hannes Schäfer arbeitet bei der Fachstelle Konflikt.Gewalt mit Tätern. Er konfrontiert sie damit, dass ihre Handlung eine Straftat ist, weckt Mitgefühl in ihnen, zeigt ihnen andere Männlichkeitsideale auf und bringt sie dazu, Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen. «Viele Opfer übernehmen selber einen Teil der Verantwortung für das Geschehene, weil sie hoffen, dass sie so das Verhalten des Gegenübers beeinflussen können. Das klappt nicht», sagt er.

Nicht immer bringt die Therapie positive Ergebnisse. «Dann ist es wichtig, dass das Opfer grossen Support erhält und sich vielleicht aus der Co-Abhängigkeit lösen kann.» Im Thurgau wohnhafte Personen können das Angebot der Fachstelle in den ersten zwei Monaten kostenlos in Anspruch nehmen.

Hinweis: www.konflikt-gewalt.ch
www.frauenberatung-tg.ch
www.frauenhaus-winterthur.ch

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