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Mit dem Schicksal nicht allein: Wie ein Thurgauer Projekt krisengeschüttelten Personen hilft

Wie wertvoll der Austausch über Tiefpunkte im Leben ist, zeigt das Thurgauer Projekt «Peer-Begleitung».
Judith Schuck
Die Peer-Begleitung macht vielen Betroffenen bewusst, dass sie mit ihrem Schicksal nicht alleine sind. (Bild: Ralph Ribi)

Die Peer-Begleitung macht vielen Betroffenen bewusst, dass sie mit ihrem Schicksal nicht alleine sind. (Bild: Ralph Ribi)

Sarah Nick war die erste Peer-Mitarbeiterin bei der Selbsthilfe Thurgau. Sie selbst litt unter einer Borderline-Störung und war drei Jahre in der Kerngruppe «Trialog Borderline Ostschweiz», bevor sie eine eigene Selbsthilfegruppe gründete. Dort erfuhr sie von der Peer-Ausbildung und trat mit der Selbsthilfe Thurgau in Kontakt. Die Ausbildung machte sie von 2014 bis 2015 bei Pro Mente Sana in Zürich. «Dank meiner Tätigkeit als Peer bin ich nur noch halbe IV-Rentnerin, vorher waren es 100 Prozent.» Für Sarah Nick ist das ein unglaublich gutes Gefühl.

«Wir lernen selbst aktiv zu werden und Verantwortung zu übernehmen»

Seine Erfahrungen im Umgang mit Krisen zu teilen, ist der Grundgedanke der Peer-Begleitung. Vor vier Jahren startete die Selbsthilfe Thurgau dazu ein Projekt, das vom Erfolg geradezu überrannt wurde. Aus ursprünglich geplanten 150 Arbeitsstunden wurden bis zum Projektende 660.

«Unser Peer-Bestand musste bald von 3 auf 9 aufgestockt werden»

sagt Ingeborg Baumgartner, Leiterin der Selbsthilfe Thurgau mit Sitz in Weinfelden. Es sei eine richtige Freude gewesen, so etwas auf die Beine zu stellen. «Alle waren begeistert, haben ihre Ideen eingebracht und das Projekt weiterentwickelt.»

Die Möglichkeit, gesund zu werden

Neben Selbsthilfegruppen mit Peer-Begleitung führt die Selbsthilfe Thurgau zusammen mit der Ambulanten Erwachsenenpsychiatrie in Münsterlingen Recovery-Seminare durch, die von Peers geleitet werden. Das sei ein Meilenstein in der Betreuung psychisch Erkrankter. Menschen, die eine seelische Erschütterung durchlebt haben und bisher als unheilbar galten, könnten jetzt sagen: «Ich gehe in den Gesundungsprozess», so Baumgartner; denn auch mit Einschränkungen könne man ein aktives und zufriedenes Leben führen. Wer den Recovery-Durchlauf absolviert, hat anschliessend die Möglichkeit, die von Betroffenen gegründete Selbsthilfegruppe «Zältli» zu besuchen, und so weiter an seiner Krisen- und Alltagstauglichkeit zu arbeiten.

Menschen, die keine Hoffnung mehr hatten, würden so wieder in den Alltag integriert und entdeckten ihre Lebensqualität neu. «Viele finden wieder einen Job auf dem ersten Arbeitsmarkt», freut sich die psychologische Beraterin und Erwachsenbildnerin. Dafür ist Sarah Nick ein gutes Beispiel. «Wir waren erst nur wenige Peers, bis die Institutionen begonnen haben, uns einzubinden.» Heute ist sie bei der Clienia AG Littenheid festangestellt. Eine wichtige Erkenntnis sei, dass man sich nicht schuldig fühlen dürfe, wenn man am Arbeitsplatz nicht die volle Leistung bringen könne. «Auch mit eingeschränkten Ressourcen lässt sich viel bewirken», weiss Nick aus eigener Erfahrung.

Ein Wandel im Gesundheitssystem

Nicht nur Betroffene profitieren von diesem Angebot. Indem viele wieder im Arbeitsleben Fuss fassten, «ist es auch für das Sozialsystem ein Riesengewinn», betont Baumgartner. Seit Januar 2019 unterstützt der Kanton diese und andere Dienstleistungen der Selbsthilfe Thurgau mit neu 60 000 statt wie bisher 50 000 Franken pro Jahr. Die Peer-Begleitung kann dadurch als offizielle Dienstleistung der Selbsthilfe Thurgau angeboten werden. Begeistert ist Ingeborg Baumgartner zudem, wie stark sich Stiftungen mit finanzieller Unterstützung für das Projekt einsetzten: «Von anfänglich 30 000 Franken kamen wir am Schluss auf knapp 87 000 Franken.»

Für die Zukunft gibt es zahlreiche Ideen. In Chur arbeite schon ein Peer bei der IV, das wäre auch für den Thurgau denkbar. Auch Pro Infirmis Betroffene könnten von diesem Angebot profitieren. Peers nur mit psychischen Erkrankungen in Verbindung zu bringen, sei zu kurz gegriffen, findet Baumgartner. «Jede Frau, die an Brustkrebs erkrankte, ist ein Peer. Hier geht es generell um den Austausch von Erfahrungen», dafür sei bisher im Gesundheitswesen noch kein Platz gewesen. «Aber künftig wird da noch sehr viel kommen.»

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