«Äusserst brutal vorgegangen»: Thurgauer Obergericht verschärft Strafe für den Dämonenaustreiber von Wagenhausen

Der Täter im Tötungsdelikt Wagenhausen muss nun zwölf Jahre ins Gefängnis. Das Obergericht Thurgau erhöhte das Strafmass des Bezirksgerichts Frauenfeld um drei Jahre. Am 2. Januar 2016 hatte ein Vater seine behinderte Tochter bei einer Art Dämonenaustreibung mit Tritten tödlich verletzt.

Stefan Hilzinger
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Letzter Verhandlungstag im Tötungsfall Wagenhausen: Der Angeklagte wird von der Polizei ins Bezirksgericht Frauenfeld begleitet. (Bild: Reto Martin, 9. März 2018)

Letzter Verhandlungstag im Tötungsfall Wagenhausen: Der Angeklagte wird von der Polizei ins Bezirksgericht Frauenfeld begleitet. (Bild: Reto Martin, 9. März 2018)

  • Gegen das Urteil des Bezirksgerichts Frauenfeld legten sowohl der Strafverteidiger als auch die Staatsanwaltschaft Berufung ein.
  • Im seinem Urteil folgt das Thurgauer Obergericht nun im wesentlichen den Anträgen der Staatsanwaltschaft. Es bestätigt die (unbestrittene) Verurteilung wegen eventualvorsätzlicher Tötung.
  • Das Obergericht sprach den Täter zusätzlich der Schändung schuldig.
  • Auch deswegen erhöht es das Strafmass von neun auf zwölf Jahre.
  • Das Obergericht qualifiziert die Tat als äusserst brutal. Das Vorgehen des Täters - dem Vater des Opfers - läge näher beim Vorsatz als bei Fahrlässigkeit.
  • Die Verteidigung unterlag mit ihrem Antrag, das Strafmass auf 4,5 Jahre zu reduzieren.
  • Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Die Frist für eine Beschwerde ans Bundesgericht läuft noch.

Die Ansichten liegen weit auseinander: Während der Strafverteidiger auf Milde und die Halbierung des Strafmasses auf noch 4,5 Jahre hoffte, forderte die Thurgauer Staatsanwaltschaft vor dem Thurgauer Obergericht eine wesentlich härter Bestrafung des Täters im Tötungsfall Wagenhausen.

Das in diesen Tagen an die Parteien verschickte Urteil der höchsten Thurgauer Richter gibt nun der Staatsanwaltschaft weitgehend recht. Das Obergericht erhöht das Strafmass von neun auf zwölf Jahre und spricht den nun 51-jährigen Täter zudem der Schändung schuldig. Von diesem Vorwurfe hatte ihn das Bezirksgericht Frauenfeld noch freigesprochen. 

Strafmass für den Täter zu hoch

Am Berchtoldstag 2016 traktierte der Vater seine behinderte Tochter in einer Wohnung in Wagenhausen dermassen, dass sie an massiven inneren Verletzungen verstarb (siehe weiter unten). Das Urteil des Bezirksgerichtes wegen eventualvorsätzlicher Tötung akzeptierte der Vater zwar, nicht aber das Strafmass von neun Jahren.

In dem 35-seitigen Urteil teilt das Thurgauer Obergericht die Erwägungen von Vorinstanz und Staatsanwaltschaft im wesentlichen, auch was die Schwere der Tat und das Verschulden des Vaters angeht: 

«Mit Blick auf  die objektive Tatschwere ist festzuhalten, dass der Berufungskläger (der Vater) äusserst brutal vorging.»

Weiter liegt für das Richtergremium die Tat näher beim Vorsatz als bei Fahrlässigkeit: «Wer alsdann mit solcher Brutalität vorgeht, handelt fast schon wissentlich bis willentlich.» Das Obergericht erhöht das Strafmass, trotz leicht strafmildernder Komponenten, allein für die eventualvorsätzliche Tötung um zwei auf elf Jahre. Den Antrag von 4,5 Jahre seitens der Verteidigung beurteilen die Richter als «völlig unangemessen». 

Mit den Fingern penetriert

Ein weiteres Jahr Haftstrafe trägt dem Vater nun die zusätzliche Verurteilung wegen Schändung zu. Hier folgte das Obergericht der Argumentation des Bezirksgericht nicht. Nachdem die Tochter infolge der Verletzungen zusammengebrochen und bewusstlos war, hat der Vater sie mit Fingern vaginal und anal penetrierte, angeblich um Chakra-Punkte zu stimulieren und ihre Lebensgeister zu wecken. Zwar sah auch das Bezirksgericht die Handlung als untauglich und nicht rechtens an, allerdings hielt es dem Vater zu Gute, dass der aus seiner Sicht in guter Absicht gehandelt habe.   

Groteske Stimulation

Wie die Staatsanwaltschaft erachtet auch das Obergericht  vom Vater ins Felde geführten Wiederbelebungsversuch durch intime Chakra-Stimulation als eine Schutzbehauptung. Er könne keinen sogenannten Putativnotfall geltend machen, der in gewissen Notfällen illegale Handlungen rechtfertige, denn er habe eine Alternative gehabt: «Er hätte den Rettungsdienst verständigen und/oder die Nachbarn zu Hilfe rufen können», steht im Urteil. Und weiter: «Der Anlass zu diesen Simulation mutet grotesk an.» Der Vater habe Rituale durchgeführt, die schlicht einer Grundlage entbehren:

«Die Vorgehensweise und Begründung für die sexuelle Handlung zeugt von einer bizarren Weltanschauung und Lebensweise fernab jedes vernünftigen Handelns.»

Das Urteil ist noch nicht rechtsgültig. Den Parteien bleibt ab Erhalt der Urteilsschrift 30 Tage Zeit gegen das Verdikt beim Bundesgericht Beschwerde einzulegen. Nebst der Haftstrafe sieht sich der Vater mit Verfahrens- und Anwaltskosten sowie Genugtuungszahlungen von total knapp 125'000 Franken konfrontiert

Massive Innere Verletzungen durch Fusstritte

Was genau sich am Abend des 2. Januar 2016 in jener Wohnung in Wagenhausen abgespielt hat, wird man wohl nie genau erfahren. Was jedoch erwiesen ist, dass damals eine junge Frau an massiven inneren Verletzungen zu Tode gekommen ist. Ihr 51-jährige Vater befindet sich seit dem Urteil des Bezirksgerichts Frauenfeld im März 2018 im vorzeitigen Strafvollzug.

Das Bezirkgericht sah es als erwiesen an, dass die geistig behinderte und kleinwüchsige Tochter an den Folgen von massiven inneren Verletzungen gestorben ist, die ihr der Vater mit Tritten beigebracht hatte. Der Hergang und die Folgend der Handlungen standen vor Obergericht nicht mehr grundsätzlich zur Diskussion, da der Vater den Schuldspruch wegen eventualvorsätzlicher Tötung akzeptiert hat.

Leicht bis mittel verminderte Schuldfähigkeit

Der Vater habe die Tochter am Abend des 2. Januar 2016 zwar nicht töten wollen, hiess es in der mündlichen Urteilsbegründung vor Bezirksgericht. Er habe aber schwerste Körperverletzungen, ja den Tod in Kauf genommen, weshalb er eventualvorsätzlich gehandelt habe. Das Bezirksgericht billigte ihm eine leicht bis mittel verminderte Schuldfähigkeit zu. Opfer und Täter stammten aus dem Raum Ravensburg, weshalb der Fall auch in den süddeutschen Medien Beachtung fand.

Die Tochter kannte ihren leiblichen Vater erst sei kurzem. Sie feierten den Jahreswechsel 2015/2016 mit einem gemeinsamen Freund in dessen Wohnung in Wagenhausen. Der Freund wurde im Rahmen der Strafuntersuchungen der unterlassenen Nothilfe angeklagt, vom Bezirksgericht Frauenfeld in der Folge freigesprochen.

Anhänger der Mittelalterszene

Der Vater wie auch der Gastgeber verkehrten in der Mittelalterszene und hatten einen Hang zum Okkulten, weshalb die Tat in den Medien auch als Teufels- oder Dämonenaustreibung bezeichnet wurde.  Auch das Gericht gebraucht diesen Begriff in Anführungszeichen. Der Vater hatte der Tochter nach seinen Aussagen «auf eigenen Wunsch» mit den Füssen eine Art Heilmassage verabreicht, weil sie «aggro» gewesen sei. (hil)

Selbst die Nachbarn ahnten nichts

WAGENHAUSEN. Ein junge Frau ist in Wagenhausen kurz nach dem Jahreswechsel Opfer eines Gewaltverbrechens geworden. Das gab die Staatsanwaltschaft Thurgau erst gestern bekannt und überraschte damit selbst die Dorfbewohner.
Gudrun Enders