Thurgauer Obergericht

Kurz vor der Verjährung: 29-Jährige reicht Anzeige wegen Vergewaltigung gegen Freund der Mutter ein

Eine junge Frau wirft dem Freund ihrer Mutter vor, sie als Mädchen zwei Jahre lang sexuell missbraucht zu haben.

Thomas Wunderlin
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Die Verhandlung findet im Thurgauer Obergericht in Frauenfeld statt.

Die Verhandlung findet im Thurgauer Obergericht in Frauenfeld statt.

Donato Caspari

Zu Beginn der Verhandlung spricht H. so leise, dass ihn die Präsidentin des Thurgauer Obergerichts nicht versteht. Im Schlusswort wird er lauter, wobei seine Stimme einen weinerlichen Ton annimmt. Er sagt, die Anschuldigungen hätten ihn schockiert, die D., die heute 29-jährige Tochter seiner Freundin, vor zwei Jahren gegen ihn erhoben hat.

Seither müsse er sich dagegen verteidigen, beklagt sich der 58-jährige Montageleiter mit schweizerischer und türkischer Staatsbürgerschaft. Eine seiner Töchter besuche ihn nicht mehr. Bis zu einer Verurteilung gelte man doch als unschuldig: «Ich werde nicht so behandelt.»

Die Mutter hält ihre Tochter für unglaubwürdig

Während der Obergerichtsverhandlung am Mittwoch sitzt seine Freundin hinter ihm. Sie möchte gern zu seinen Gunsten in die Verhandlung eingreifen, doch die Obergerichtspräsidentin weist sie zurück.

Ihre Aussagen liegen bereits in den Akten. Die Mutter hält die Vorwürfe ihrer Tochter für erfunden. «Sie kennen D. nicht. Sie sagt immer sofort, was ihr nicht passt», erklärte sie in der Verhandlung des Bezirksgerichts Frauenfeld am 4. Mai 2020.

Das Bezirksgericht glaubte der Tochter trotzdem. Ihre Aussagen seien über mehrere Einvernahmen hinweg im Kern konstant und einfühlbar geblieben, heisst es im Urteil. Sie seien durch Aussagen und Wahrnehmungen von Drittpersonen ergänzt worden. Das Bezirksgericht sprach H. schuldig, D. von 2003 bis 2005 drei bis vier Mal wöchentlich sexuell missbraucht zu haben.

Von Nachhilfe zu Missbrauch

Es hatte damit begonnen, dass er ihr Nachhilfe in Mathematik gab. Er kam jeweils nach der Arbeit in ihre Wohnung in Rorschach, später in Frauenfeld, und nützte die Zeit, bis ihre Mutter heimkam. D. musste ihn meist oral befriedigen. Im Sommer oder Herbst 2005 vergewaltigte er sie.

Nur wenig hat gefehlt und der Beschuldigte hätte sich in die Verjährung gerettet. Die 15-jährige Verjährungsfrist ist mit der Verhandlung des Bezirksgerichts gestoppt worden. Nach Meinung des Bezirksgerichts kann er für die Sachverhalte vor dem 4. Mai 2005 nicht verurteilt werden.

Es hat den Mann mit den kurzgeschnittenen grauen Haaren zu vier Jahren Gefängnis verurteilt und verpflichtet, seinem Opfer eine Genugtuung von 20000 Franken zuzüglich 5 Prozent Zins seit dem 1. August 2005 zu bezahlen. Die Staatsanwältin verlangte neun Jahre Gefängnis.

Sie vertritt die Auffassung, dass die Straftaten «eine natürliche Strafeinheit» darstellen, weshalb die Verjährung erst nach dem 1. August 2005 zu laufen begonnen habe. Der Beschuldigte hält die Vorwürfe für «Quatsch». Sein Verteidiger verlangt einen Freispruch.

Als Kind lebte D. drei Jahre bei ihrem Vater

H. ist verheiratet und lebt bis heute mit seiner Frau zusammen, hat aber gleichzeitig eine Beziehung zur Mutter von D., einer Arbeitskollegin. Er hatte dieser einst geholfen, ihre Tochter zurückzuholen, die gemäss Zeugenaussagen von ihrem Vater «nach Rumänien und in die Türkei entführt» worden war.

Die Zeit zwischen dem 7. und 10. Lebensjahr, in der D. bei ihrem Vater lebte, spielt im Plädoyer des Verteidigers eine Schlüsselrolle. Er bestreite den Kerngehalt der Aussagen des Opfers nicht. Die sexuellen Übergriffe könnten aber auch an einem andern Ort, einer andern Zeit und durch einen andern Täter begangen worden sein, nämlich in der Zeit ihrer Entführung.

Keine übermässige Belastung

Die Staatsanwältin betont, dass das Opfer darauf verzichtet habe, H. übermässig zu belasten. Das bestätige ihre Glaubwürdigkeit. Sie hält an ihrem Antrag auf neun Jahre Gefängnis fest. Wie bei einem Graffiti, das an mehreren Abend gesprayt werde, seien die sexuellen Missbräuche als Einheit zu betrachten.

Der Verteidiger legt dem Obergericht mehrere alte türkische und schweizerische Reisepässe seines Mandaten vor. Aufgrund der türkischen Ein- und Ausreisestempel gehe hervor, dass er nicht im Juli 2004 in der Türkei gewesen war, wo gemäss Anklage einer der Übergriffe stattfanden.

Nach Meinung der Staatsanwältin können die Pässe die Reise weder bestätigen noch widerlegen: «Eine Einreise in die Türkei ist meines Wissens auch mit einer türkischen ID möglich.» Das Obergericht wird sein Urteil schriftlich eröffnen.