Thurgauer Obergericht
«Es ist alles ermittelt, was zu ermitteln war»: So verlief der erste Prozesstag des Jahrhundertfalls Kümmertshausen

Am Thurgauer Obergericht wird nochmals der Jahrhundertfall Kümmertshausen aufgerollt. Die Verhandlung fand aber nicht wie üblich im Obergerichtsgebäude, sondern im Stadtcasino Frauenfeld statt.

Thomas Wunderlin
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Anwälte bereiten sich bei einem Kaffee auf ihr Plädoyer vor.

Anwälte bereiten sich bei einem Kaffee auf ihr Plädoyer vor.

Bild: Andrea Tina Stalder

Es war schon Nachmittag, als Staatsanwalt Christoph Buner daran erinnerte, dass da einmal ein Mensch gestorben war. Einer der grössten Prozesse, die je von der Thurgauer Justiz geführten wurden, dreht sich um den Tod des damals 53-jährigen Peter G. am 20. November 2010 in seinem Haus in Kümmertshausen.

Am Dienstag um 8.30 Uhr eröffnete Obergerichtspräsidentin Katharina Glauser Jung den zweitinstanzlichen Prozess. In der fünfstündigen Verhandlung wurden nur Vorfragen geklärt, Beweisergänzungsanträge gestellt. Das Obergericht wird am zweiten Verhandlungstag nächsten Dienstag seine Entscheide bekanntgeben. Nebst all den Formalitäten kamen keine Straftaten zur Sprache.

Obergericht tagt im Frauenfelder Stadtcasino

Die Verhandlung fand nicht wie üblich im Obergerichtsgebäude, sondern im Stadtcasino Frauenfeld statt. Glauser Jung thronte, begleitet von zwei Obergerichtskollegen und zwei Schreibern, auf der Bühne. Im Parkett sassen hinter Tischen die sieben Anwälte und der Staatsanwalt, die der Reihe nach an eines der beiden Rednerpulte traten.

Obergerichtspräsidentin Anna Katharina Glauser Jung und Oberrichter Cornel Inauen betreten das Casino Frauenfeld.

Obergerichtspräsidentin Anna Katharina Glauser Jung und Oberrichter Cornel Inauen betreten das Casino Frauenfeld.

Bild: Andrea Tina Stalder

Ein Berufungskläger verfolgte die Verhandlung vom Tisch seines Anwalts aus. Die übrigen sechs hatten sich dispensieren lassen. Fünf anwesende Journalisten wurden auf die Empore verwiesen. Sonstiges Publikum erschien keines.

Die Anklage, über die das Bezirksgericht Kreuzlingen in erster Instanz geurteilt hatte, umfasste 28 einzelne Delikte. 2017 und 2018 sprach das Bezirksgericht nach 46 Verhandlungstagen 12 von 14 Angeklagten schuldig. Acht davon zogen das Urteil weiter. Die Staatsanwaltschaft erklärte in sieben Fällen Berufung oder Anschlussberufung.

Als Drahtzieher gilt der 51-jährigen Nasar M. Das Bezirksgericht verurteilte ihn unter anderem wegen Anstiftung zu Raub und Schleusung zu 14 Jahren Freiheitsentzug. Sein Anwalt beklagte vor Obergericht das fehlende Gesamtverzeichnis der Überwachungsmassnahmen:

«Eine wirksame Verteidigung ist nicht möglich.»

Laut Staatsanwalt sind alle Anträge der Anwälte bereits vorgängig abgewiesen worden:

«Es ist alles ermittelt, was zu ermitteln war.»

Beispielsweise seien die Randdaten der Handyüberwachung des 43-jährigen Yilmaz B. nicht mehr erhältlich. Die Antennenstandorte und das Bewegungsprofil vom 19. bis zum 21. November 2010 hätten weiteren Aufschluss über das Gewaltdelikt von Kümmertshausen geben können. Das Bezirksgericht hatte diese 2017 angefordert; gemäss gesetzlicher Vorgabe ist das nur rückwirkend für sechs Monate möglich.

Der Staatsanwalt kritisierte insbesondere den Pflichtverteidiger des 58-jährigen Müslüm D. für seine «ausufernden Ausführungen». Das Gericht dürfe seinen Aufwand nicht vollständig entschädigen. Der Kritisierte warf der Staatsanwaltschaft vor, sie habe mit Yilmaz B. einen Deal geschlossen. Für seine Kooperation habe sie ihm in Aussicht gestellt, er werde maximal mit fünf Jahren Gefängnis bestraft. Der Staatsanwalt widersprach: «Es gab keinen Kronzeugen.» Auch das Bezirksgericht hatte den Vorwurf als unbegründet erachtet.

Peter G. hatte sich mit Akdeniz I., einem Mitglied einer Schlepperbande, angefreundet. Als dieser in Griechenland in Haft geriet, verlangte G. von Nasar M., der Familie von I. Geld zu überweisen, damit diese einen Anwalt für I. aufbieten könne. Mehrfach drohte G., er werde sonst die Polizei über die Schlepperbande informieren. Dass G. für die Bande Heroin lagerte, wie die Staatsanwaltschaft annahm, ist laut Bezirksgericht nicht zu beweisen.

Zwei Haupttäter sind in der Türkei auf freiem Fuss

Als Reaktion schickte jedenfalls Nasar M. Leute zu G., die ihn berauben und einschüchtern sollten. Gemäss Bezirksgerichtsurteil warfen zwei dieser Männer, Serkan D. und Nurullah D., den gehbehinderten G. im Eingang seines Hauses zu Boden, knebelten und fesselten ihn, worauf G. erstickte. Nasar M. soll vor Wut sein Handy zu Boden geworfen haben, als er von G.s Tod erfuhr.

Serkan D. und Nurullah D. wurden als türkische Staatsangehörige nicht an die Schweiz ausgeliefert, aber in der Türkei vor Gericht gestellt. Laut Obergerichtssprecher Thomas Soliva ist das Verfahren gemäss Auskunft der türkischen Behörden noch nicht abgeschlossen. Die Hauptverhandlung sei mehrfach verschoben worden. Beide Angeklagten befänden sich nicht mehr in Haft.

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