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Missbrauchsopfer M. aus dem Thurgau erzählt seine Geschichte: «Oralverkehr, vom Onkel verübt»

Ein Onkel hat ihn vor 15 Jahren sexuell missbraucht: Der heute 31-jährige Thurgauer leidet noch immer darunter. Hier erzählt er seine Geschichte, um andere Betroffene für eine Selbsthilfegruppe zu finden.
Sebastian Keller
Ein sexueller Übergriff vor über zehn Jahren warf den heute 31-jährigen M. aus der Bahn. (Bild: Andrea Stalder)

Ein sexueller Übergriff vor über zehn Jahren warf den heute 31-jährigen M. aus der Bahn. (Bild: Andrea Stalder)

Die Zeit heilt alle Wunden. Das verheisst ein Sprichwort. Doch für M.* verblasst diese Verheissung jeden Tag ein Stück mehr. Seine Wunde quält ihn seit bald 15 Jahren. Es fällt dem heute 31-jährigen Mann schwer, darüber zu reden. Schwer, in Worte zu fassen, was ihn plagt, seit er 17 Jahre alt war.

Rückblende in die dunkelsten Stunden seines bisherigen Lebens: ein Familienessen in einem Dorf, irgendwo im ländlichen Thurgau. Danach verabreden sich M. und sein Onkel auf einen Drink. Auswärts in einem Lokal. «Der Onkel hat sich betrunken», erzählt M. «Danach nahm er mich mit zu sich nach Hause. Mit dem Auto.» M. stockt, sein Mund ist ausgetrocknet. Er nimmt einen Schluck Wasser.

Der Onkel war's

Im Haus des Onkels passiert es. «Im beduselten Zustand kam es zum Übergriff», erzählt M. Es tönt, als wolle er mit der Verwendung des unpersönlichen Subjekts das Geschehene von sich zu schieben. Doch es betraf ihn damals und schmerzt ihn bis heute. Welche Art Übergriff? «Oralverkehr, vom Onkel verübt», sagt M.

«Ich war wie gelähmt, konnte mich nicht wehren.»

Am Morgen fährt ihn der Onkel zum Bahnhof. «Erst da wurde mir langsam bewusst, dass etwas lätz gelaufen ist», erzählt M. «Ich wurde von meinem eigenen Onkel sexuell missbraucht.» Danach fährt er zur Arbeit. «Ich tat, als ob nichts gewesen wäre.» Das gelingt ihm. Vorerst. Für ein paar Monate, vielleicht ein Jahr.

Ein Klinikaufenthalt als Folge des Missbrauchs

Dann bricht er zusammen. Einlieferung in eine psychiatrische Klinik. Diagnose: schizoaffektive Störung. «Ich versuchte, den Missbrauch aufzuarbeiten», sagt M. Es ist sein zweiter Aufenthalt in einer Psychiatrie. Wegen einer Depression war er schon vorher in Behandlung. Der Missbrauch habe ihn zurückgeworfen. Noch heute besucht er eine Therapie. Jede Woche. «Seit Jahren.»

Das Erzählen fällt ihm schwer. Er reibt sich mit den Zeigfingern die Schläfen. So wie es manche tun, um Kopfschmerzen zu bekämpfen. Doch sein Schmerz lässt sich nicht wegmassieren. Sein Kopf ist nach unten geneigt. Er visiert das Wasserglas vor sich auf dem Tisch an.
Der Missbrauch wirft ihn aus der Bahn.

«Ich musste die Ausbildung abbrechen, stand quasi auf der Strasse.»

Später beginnt er – mithilfe der Invalidenversicherung – eine neue Ausbildung, in der Gastronomie. Heute arbeitet er im Büro.

Aussage gegen Aussage

Der Übergriff frisst eine tiefe Wunde in seine Seele. Hat sich der Onkel dafür entschuldigt? «Nein, er stritt es gegenüber einem Verwandten ab», sagt M., der selber nie die Kraft fand, seinen Peiniger damit zu konfrontieren. In der Familie sei der Vorfall totgeschwiegen worden. Angezeigt hat er den Onkel nicht. «Die Opferhilfe hat mir davon abgeraten», sagt M., «Aussage gegen Aussage.» Dem Onkel geht er aus dem Weg; Familientreffen meidet er.

Der Übergriff hat seine Fähigkeit, Vertrauen zu anderen Menschen aufzubauen, zermürbt. Auch mit der Liebe sei es schwierig. «Ich bin alleine», sagt der 31-Jährige. Er habe Mühe, Nähe zuzulassen. Eine längere Beziehung mit einem Mann ging in die Brüche.

Auch wenn er sich physisch vom Onkel distanziert, in seine Gedanken findet dieser immer noch den Weg. «Wenn ich seine Zigarettenmarke rieche, bekomme ich einen Flashback», erzählt M. Dann tauche der Täter blitzartig vor seinem inneren Auge auf. Dabei habe er nur eine Empfindung: Ekel. «Ich wollte, es wäre Wut oder Hass.» Doch dafür fehlt ihm die Kraft. M. reibt sich die Schläfen. Phasenweise suchte er sein Heil im Alkohol. «Viel Alkohol», wie er erzählt. Doch der Kater verstärkte den Schmerz nur noch zusätzlich.

«Ich habe bis heute keine gute Strategie gefunden»

Die Verarbeitung des Missbrauchs ist nicht so weit fortgeschritten, wie es sich M. wünschte. «Ich habe bis heute keine gute Strategie gefunden.» Deshalb sucht er den Austausch mit anderen Betroffenen. Doch das gestaltet sich schwierig. Niemand trägt auf der Stirn einen Kleber «Missbrauchsopfer». Auch eine Selbsthilfegruppe existiert nicht. Nirgends in der Deutschschweiz.

Die Organisation Selbsthilfe Thurgau unterstützt ihn nun dabei, eine Gruppe aufzubauen. Stellenleiterin Ingeborg Baumgartner sagt: «Ich hatte schon früher Anfragen, musste sie aber ablehnen.» Als M. auf sie zugekommen sei, habe sie sich gesagt: «Versuchen wir es.» Derzeit läuft die Ausschreibung für die Gruppe. Sie richtet sich an Männer, die sexuellen Missbrauch erfahren mussten.

Selbsthilfegruppe ersetzt eine Therapie nicht

Bei einer Selbsthilfegruppe tauschen sich Betroffene aus. Über ihre Erfahrungen. Über Strategien, mit dem Erlebten umzugehen. «Das Ziel ist es, einen guten Umgang mit einer Krankheit oder einem Vorfall zu finden», sagt Baumgartner. «Doch eine Selbsthilfegruppe ersetzt eine Therapie nicht», betont sie. Ob sich jemand meldet, ist ungewiss. «Bei Missbrauchsopfern ist die Scham gross», sagt Baumgartner. «Bei betroffenen Männern dürfe sie noch grösser sein.»

M. hofft, dass sich mindestens eine Person meldet. Ingeborg Baumgartner hofft das auch – für ihn. «Ich kann es aber nicht garantieren.» Sie habe schon Selbsthilfegruppen ausgeschrieben, für die sich zwei Jahre keine einzige Person gemeldet hat.

M. klammert sich an die Hoffnung, dass ihm der Austausch mit anderen hilft. Wenn die Tage länger werden, wie jetzt im abklingenden Winter, hellt sich sein Gemütszustand auf. Zaghaft nur, wie erste Sonnenstrahlen im Frühling. «Vor allem Zeit in der Natur hilft mir», sagt M. und lächelt gequält. Für ein herzhaftes Lachen fehlt ihm die Kraft – seit über zehn Jahren. «Er hat mir das Strahlen geraubt.»

*Name der Redaktion bekannt.

Selbsthilfegruppe Thurgau richtet sich an Männer

Selbsthilfe Thurgau baut derzeit eine neue Gruppe auf. Sie richtet sich an Männer, die sexuellen Missbrauch erfahren haben. Der Austausch bezweckt, das Geschehen zu verarbeiten und einen adäquaten Umgang damit zu finden, um trotzdem eine gute Lebensqualität für sich zu entdecken. Häufigkeit und Treffpunkt werden bei einem Gründungstreffen festgelegt.

Auskunft und Anmeldung bei: Selbsthilfe Thurgau, Freiestrasse 10, 8570 Weinfelden, 071 620 10 00, info@selbsthilfe-tg.ch, www.selbsthilfe-tg.ch

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