Thurgauer Kantonsrat Josef Gemperle zu Tänikon: «Ein Sterben in Raten»

Der Fischinger Meisterlandwirt und CVP-Kantonsrat Josef Gemperle kritisiert den Standortentscheid. Dieser sieht vor, Tänikon zu einer Versuchsstation zu degradieren. Dies dürfe auf keinen Fall akzeptiert werden.

Sebastian Keller
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Eine Kuh am Agroscope-Standort im thurgauischen Tänikon. (Bild: Andrea Stalder)

Eine Kuh am Agroscope-Standort im thurgauischen Tänikon. (Bild: Andrea Stalder)

Am Freitag hat der Bundesrat Nägel mit Köpfen gemacht. Er hat einen Grundsatzentscheid zur Standortstrategie von Agroscope gefällt (Ausgabe vom 1. Dezember). Anders als im Frühling geplant, soll nicht die komplette landwirtschaftliche Forschung des Bundes in Posieux (FR) konzentriert werden.

Dennoch soll dort der zentrale Forschungscampus errichtet werden. Dazu gesellen sich regionale Forschungszentren in Changins (VD) und Reckenholz (ZH). Der Agroscope-Standort Tänikon wird –wie andere auch –zu einer dezentralen Versuchsstation. Laut Bund sollen rund 50 Arbeitsplätze im Thurgau verbleiben.

CVP-Kantonsrat Josef Gemperle. (Bild: Reto Martin)

CVP-Kantonsrat Josef Gemperle. (Bild: Reto Martin)

Mit dem Plan ist Josef Gemperle überhaupt nicht zufrieden. Der Meisterlandwirt und CVP-Kantonsrat aus Fischingen hatte im März die befürchtete Zentralisierung mit einer dringlichen Interpellation, die von 109 Kantonsräten unterschrieben wurde, in den Grossen Rat getragen. In einer Stellungnahme schreibt er nun von einer «erneuten Brüskierung der Ostschweizer Kantone».

Der Diskussion wird vorgegriffen

Er bemängelt, dass mit dem Standortentscheid einer Diskussion im eidgenössischen Parlament vorgegriffen werde. Diverse Vorstösse seien noch nicht diskutiert worden. «Alle fordern einen Marschhalt und eine Grundsatzdiskussion sowie eine klare Strategie vor einem Entscheid über die Standorte.» Nun versuche der Bundesrat erneut, Parlament und die meisten Standortkantone auszuhebeln.

Mit dem Entscheid - Forschungscampus, zwei Forschungszentren und Versuchsstationen –gehe der Bundesrat «ein bisschen auf die Forderungen ein» und hoffe damit, den Widerstand – reduziert um die Kantone Waadt und Zürich – zu schwächen. «Das eidgenössische Parlament und die Ostschweizer Kantone können aber diesen Entscheid aus meiner Sicht auf gar keinen Fall akzeptieren.»

Kosten pro Mitarbeiter steigen

Tänikon werde zu einer Versuchsstation degradiert. Offen bleibe, wie lange der Standort bestehen bleibe. Er führt die Infrastrukturkosten ins Feld. Mit dem Stellenabbau stiegen die Kosten pro Mitarbeiter. Denn: Die Grundinfrastruktur werde nur noch von wenigen Leuten genutzt. «Daher dürfte dies nur ein Zwischenschritt zu einer weiteren Konzentration sein», schreibt er. «Ein Sterben in Raten also!»

Gemperle verweist darauf, dass der Thurgau dem Bund unlängst Hand geboten hatte. Im August 2017 wurde der Vertrag unterschrieben. Inhalt: Der Kanton übernimmt vom Bund den Landwirtschaftsbetrieb in Tänikon und hilft diesem beim Sparen. Dieser Hilfestellung voraus gingen Pläne, den einzigen Standort in der Ostschweiz dichtzumachen. Dass der Bundesrat nun mit der «Schliessung auf Raten» den Musterknaben derart abstrafen will, ärgert Gemperle.

Landwirtschaft hat grosse Bedeutung im Thurgau

Er hält fest, dass der Thurgau zu den führenden Landwirtschaftskantonen der Schweiz zähle. Weil Tänikon der einzige Ostschweizer Standort sei, können die Zahlen der ganzen Region in die Waagschale geworfen werden: Bis zu 30 Prozent der gesamtschweizerischen Produktion stamme aus der Ostschweiz.

Zudem würden im Thurgau fast 14 Prozent der Beschäftigten in der Land- und Ernährungswirtschaft arbeiten. Der CVP-Kantonsrat fordert: «Die Forschung von Agroscope muss zurück zu den praktizierenden Landwirten und zur Ernährungswirtschaft.»

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