Thurgauer Kantonsrätin streitet mit der IV um einen Blindenstock mit Laser

SP-Kantonsrätin Barbara Müller kämpft immer wieder mit der IV-Stelle um die Bezahlung eines Hilfsmittels. Diesmal fordert die sehbehinderte Geologin einen Laseraufsatz auf den Blindenstock. Bekommt sie ihn nicht, will sie einen Blindenhund in Anspruch nehmen.

Thomas Wunderlin
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Barbara Müller im Grossen Rat; ihr Gesichtsfeld ist aufgrund einer Netzhauterkrankung von 180 auf 10 Grad geschrumpft. (Bild: Donato Caspari)

Barbara Müller im Grossen Rat; ihr Gesichtsfeld ist aufgrund einer Netzhauterkrankung von 180 auf 10 Grad geschrumpft. (Bild: Donato Caspari)

Seit dreissig Jahren erblindet Barbara Müller immer mehr. Inzwischen kann sie sich nur noch unter Schwierigkeiten allein im öffentlichen Verkehr bewegen. «Ich habe es lange ohne Stock gemacht», sagt die Geologin und SP-Kantonsrätin aus Ettenhausen mit Jahrgang 1963. «Das geht jetzt nicht mehr. Ich habe nicht immer Begleitpersonen.»

Müller möchte sich eine technische Errungenschaft zunutze machen, die besonders für Sehbehinderte gemacht ist: einen Laseraufsatz für den Blindenstock. Dieser Laser funktioniert laut Müller «wie das Echolot einer Fledermaus». Auf mehrere Meter Distanz, weiter als der Stock reicht, tastet der Strahl den Gehweg ab: Der Stockgriff vibriert, wenn der Laser ein Hindernis erfasst. Je geringer die Distanz ist, umso stärker ist die Vibration. «Ich habe es ausprobiert; damit kann ich mich besser davor schützen, unter einen Lastwagen zu geraten.»

Müller droht mit einem Antrag auf Blindenhund

Die IV-Stelle will ihr das 3000 Franken teure Gerät aber nicht finanzieren. Müller versteht nicht wieso, die IV habe auch andern Sehbehinderten einen Laseraufsatz bewilligt. Nach ihrer Ansicht würde die Invalidenversicherung Geld sparen, wenn sie ihr den Laser zahlt. Denn sonst werde sie einen Blindenhund beantragen, den die IV bewilligen müsste.

In den acht Jahren, in denen ein Hund üblicherweise im Einsatz ist, verursacht er laut Müller Kosten von 60000 Franken, die von der IV übernommen werden müssten. «Die Thurgauer IV-Stelle ist stur», findet sie, «und boykottiert die berufliche Integration.»

Schon 15 Gerichtsverfahren gegen die IV

15 Gerichtsverfahren hat Barbara Müller nach eigenen Angaben bereits gegen die IV geführt. Bei 11 davon sei es um ein Hilfsmittel gegangen. «Ich werde aggressiv, wenn ich nicht bekomme, was ich brauche.» Unter anderem hatte sich Müller 2014 erstritten, dass ihr Reisebegleiter mit 30 Franken pro Stunde entschädigt wird, wenn er ihr Unterlagen für ihre Arbeit im Grossen Rat vorliest. Die Politikerin, die seit 2012 im Grossen Rat sitzt, könnte den Laser auch auf eigene Rechnung anschaffen, doch sie sieht nicht ein weshalb: «Ich bin versichert. Wir haben klipp und klar ein Gesetz, das sagt, welche Hilfsmittel bezahlt werden.»

Eine weitere laufende Auseinandersetzung mit der IV betrifft ihren Antrag, dass ihre Dreiviertelrente auf eine volle Rente erhöht wird. Die IV hat deswegen ein externes medizinisches Gutachten in Auftrag gegeben.

Das Brustbein aufgesägt

Barbara Müller leidet an einer seltenen genetisch bedingten degenerativen Netzhauterkrankung, die bei ihr 1990 erstmals diagnostiziert wurde. Ihr Gesichtsfeld ist dadurch mittlerweile von den normalen 180 Grad auf 10 Grad geschrumpft. Sie will ihren Lebensunterhalt weiterhin verdienen, so gut es geht. Nachdem sie 2007 eine doppelte Lungenembolie erlitt, verringerte sich ihre Arbeitsfähigkeit auf 50 Prozent und sie verlor ihre ETH-Stelle.

Bei der lebensrettenden Operation wurde ihr Brustbein aufgesägt. Danach gewöhnte sie sich wegen einer fehlenden Rehabilitationstherapie eine Schonhaltung an. Oft hält sie sich deswegen gebückt, besonders im Sitzen. Die Spätfolge der Schonhaltung habe sich nach 2013 bemerkbar gemacht, sagt Müller. Seither sei sie noch zu 30 Prozent arbeitsfähig.

Die Geologin instruiert Nepalesen in ihrer Sprache

Dennoch treibt sie seit Jahren ein Hilfsprojekt in Nepal voran. Zu dessen Finanzierung kann sie immer wieder Stiftungsgelder auftreiben. Dabei geht es um das Arsen im Trinkwasser, mit dem sich Bewohner des nepalesischen Tieflands vergiften. Wie Müller herausgefunden hat, wird das Arsen aus dem Gestein des Himalayas herausgespült und von den Flüssen heruntergetragen.

Da Rost Arsen bindet, propagieren eine kanadische und eine nepalesische Organisation Filter mit rostigen Nägeln zur Trinkwasserreinigung. Barbara Müller, die Nepali gelernt hat, hilft mit, die Tieflandbewohner beim richtigen Umgang mit den Filtern zu instruieren. Unter anderem müssen sie darauf achten, dass sie immer mit Wasser gefüllt sind.

Einen Blindenhund würde sie nicht auf ihre Nepalreisen mitnehmen: «Ich würde einen Ferienplatz für ihn suchen.»

Die IV-Stelle hat Barbara Müller bereits Dienstleistungen von 1763 Franken pro Monat zugesprochen

Das Dossier von Barbara Müller umfasst rund 4500 Seiten, sagt Andy Ryser, Direktor des Sozialversicherungszentrums Thurgau, des früheren Amts für AHV und IV. Müller hat ihn von seiner Schweigepflicht entbunden. Gemäss Rysers schriftlicher Stellungnahme muss sich die IV-Stelle bei der Abgabe von Hilfsmitteln nach unterschiedlichen gesetzlichen Vorgaben richten, je nachdem ob diese für eine Erwerbstätigkeit oder anderes wie etwa die Selbstsorge dienen.

● Für berufliche Zwecke können auch «Dienstleistungen Dritter» zugesprochen werden, allerdings «nur anstelle eines Hilfsmittels und keinesfalls zusätzlich zu Hilfsmitteln». Die IV-Stelle habe Barbara Müller  «neben vielen anderen Leistungen» solche Dienstleistungen zugesprochen, und zwar im Wert von 1763 Franken pro Monat – «entspricht dem maximal möglichen Betrag», wie Ryser anmerkt. Dabei handle es sich um das Vorlesen berufsnotwendiger Texte und «Dienstleistungen zur Überwindung von Arbeitswegen»

● Hilfsmittel für andere Zwecke als berufliche müssten «in einfacher und zweckmässiger Ausführung» abgegeben werden. Bei einem Laser-Langstock handle es sich aber um die «bestmögliche Versorgung». Deshalb ist die IV-Stelle laut Ryser «klar der Ansicht», dass sie dieses Hilfsmittel nicht abgeben kann.

Zum Vorwurf der Sturheit erkärt Ryser: «Es ist unser Auftrag und uns ein grosses Anliegen, wo immer möglich die Arbeitsmöglichkeit unserer Kunden zu erhalten und zu unterstützen. Dabei sind wir jedoch an einen gesetzlichen Rahmen gebunden. Aufgrund des Gesetzes kommt es immer wieder vor, dass wir nicht allen Gesuchen und Wünschen unserer Kunden entsprechen können, auch wenn es aus Kundensicht notwendig oder sinnvoll ist.» (wu)

Kantonsrätin erhält höhere IV-Rente

ETTENHAUSEN. Das Bundesgericht hat zwei Entscheide zugunsten der sehbehinderten Barbara Müller gefällt. Neben einer höheren IV-Rente erhält die Geochemikerin zudem weiterhin Ergänzungsleistungen von der Ausgleichskasse. Auch in Zukunft wird ihr Vorleser entschädigt.
Inge Staub

Kleine Gebühr für Gratisbillett

WEINFELDEN. Der Thurgau verlangt neu 25 Franken für den Behindertenbegleiter-Ausweis. SP-Kantonsrätin Barbara Müller fürchtet, das sei erst der Anfang. Bei der Thurgauer IV-Stelle könnten weitere Begehrlichkeiten geweckt werden.
Thomas Wunderlin