Thurgauer Kantonsräte warnen: Mehr Kleinkinder brauchen Hilfe – Ruf nach obligatorischer Förderung wird laut

Kantonsräte sehen Handlungsbedarf bei den Förderangeboten für zwei- bis vierjährige Kinder. Es müsse vorgeschrieben werden können, dass diese auch besucht werden.

Larissa Flammer
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Für Kinder im Vorschulalter sind nicht die Schulen zuständig. An diese Zielgruppe richtet sich die Frühe Förderung. (Bild: Peer Füglistaller)

Für Kinder im Vorschulalter sind nicht die Schulen zuständig. An diese Zielgruppe richtet sich die Frühe Förderung. (Bild: Peer Füglistaller)

Kinder kommen zunehmend «verzauselt» in den Kindergarten. Kantonsrat Daniel Vetterli meint damit keineswegs die Frisuren, sondern die Sozialkompetenzen. Der Aufwand, den Schulen und Kindergärten für die Sozialisierung der Kinder aufwenden müssten, steige.

Vetterli (SVP, Rheinklingen) präsidiert die Kommission, die sich kürzlich mit dem aktuellen Bildungsbericht Thurgau beschäftigte. In seinem Bericht schreibt er:

«Die Kommission machte sich stark für die Frühe Förderung, die unbestritten ist, weil der Anteil verhaltensauffälliger Kinder im Kindergarten signifikant ansteigt.»

Aufgrund der gesellschaftlichen Veränderungen würden mehr Kinder spezielle Massnahmen benötigen.

Eigentlich ist Familie zuständig

Auf Anfrage erklärt Vetterli: «Aus dem Schulbereich wird der Ruf laut, man – wer genau ist offen – soll etwas für die Sprachkenntnisse und die Sozialisierung der Zwei- bis Vierjährigen unternehmen.» Eigentlich werden Kinder vor dem Kindergarten von ihren Familien und anderen Bezugspersonen gefördert. Für die Kinder und Eltern gibt es begleitende Unterstützungsmassnahmen.

SVP-Kantonsrat Daniel Vetterli. (Bild: Andrea Stalder)

SVP-Kantonsrat Daniel Vetterli. (Bild: Andrea Stalder)

Vetterli gibt jedoch zu bedenken: «Es gibt dazu keine Regeln.» Niemand ist verpflichtet, Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Die Kommission diskutierte daher darüber, was bei der Frühen Förderung Staatsauftrag sei, wer sie anbiete und ob diese Personen mit den Kindergärtnerinnen in Kontakt stehen. Die Fachpersonen würden schliesslich nicht alle an der PH ausgebildet.

Die Schulen Frauenfeld zum Beispiel richten Fördermassnahmen explizit an fremdsprachige Kinder, erklärt Vetterli. Das Problem: Wenn sie nicht besucht werden, nützen sie nichts.

Druck über Portemonnaie ist nicht mehr erlaubt

Schon im vergangenen Jahr, als wegen eines Bundesgerichtsentscheids das Thurgauer Volksschulgesetz geändert werden musste, diskutierten die Politiker über diesen Punkt. Die zuvor teilweise angewandte Praxis, Eltern für zusätzlich nötige Deutschkurse nach der Einschulung Rechnungen zu schicken, ist nicht mehr erlaubt.

Im Oktober beauftrage der Grosse Rat den Regierungsrat, eine Standesinitiative auszuarbeiten, mit der die Bundesverfassung in diesem Punkt geändert werden soll. Dies, obwohl Erziehungsdirektorin Monika Knill damals sagte, dass man die Situation kantonal verbessern wolle: «Wir prüfen ein selektives Obligatorium, wie es Basel-Stadt bereits kennt.» Auch andere Wege würden angeschaut.

Basel: Obligatorische Förderung im Vorschulalter

«Kinder, die kein oder nur ganz wenig Deutsch sprechen, müssen im Jahr vor dem Kindergarteneintritt obligatorisch mit dem Deutschlernen beginnen.» Das schreibt das Erziehungsdepartement der Kantons Basel Stadt auf seiner Website. Dort erhalten alle Eltern eineinhalb Jahre vor dem Kindergarteneintritt einen Fragebogen, mit dem sie die Deutschkenntnisse ihres Kindes einschätzen müssen. Wenn die Auswertung zeigt, dass ein Kind kein oder zu wenig Deutsch spricht, wird es zur Deutschförderung verpflichtet. Die Eltern bestimmen dann, ob ihr Kind eine Spielgruppe, ein Tagesheim oder eine deutschsprachige Tagesfamilie besucht. Der Kanton übernimmt die Kosten für zwei halbe Tage pro Woche in der Spielgruppe. Eine Studie der Universität Basel aus dem Jahr 2014 zeigt, dass das Obligatorium wirksam ist, heisst es beim Departement.

Demnächst wird sich der Grosse Rat mit dem Thurgauer Bildungsbericht befassen und dabei voraussichtlich auch die Anmerkungen der Kommission zur Frühen Förderung thematisieren.