Analyse

Thurgauer Grossratswahlen: Grüner Erfolg ist breit abgestützt, das Parlament altert und die EDU hat treue Wähler

Die Analyse der Grossratswahlen zeigt, was zum Resultat führte. Und sie belegt: Eine Verjüngung findet nicht statt.

Sebastian Keller
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Das Thurgauer Grosse Rat während einer Sitzung in Weinfelden.

Das Thurgauer Grosse Rat während einer Sitzung in Weinfelden. 

Bild: Donato Caspari

Vor zehn Tagen wählten die Thurgauer ihr Parlament neu. Als Gewinnerin ging die Grüne Partei hervor, sie legte um sechs Sitze auf neu 15 zu. Auch für die wählerstärkste Partei, die SVP, schien die Sonne: Sie kommt mit zwei weiteren auf neu 46 Grossratsmandate. Freude über je einen Sitzgewinn kam auch bei der GLP und der EVP auf. Bitter war der Wahlsonntag für die BDP, sie flog aus dem Parlament.

Die SVP bleibt die wählerstärkste Partei

Stärke der Parteien in Prozent seit 1972
SVP
FDP
CVP
SP
GP
glp
EVP
EDU
BDP
Übrige
1972197319741975197619771978197919801981198219831984198519861987198819891990199119921993199419951996199719981999200020012002200320042005200620072008200920102011201220132014201520162017201820192020Wahljahr010203040

Sitze büssten auch die drei weiteren Regierungsparteien SP (-3), FDP (-2) und CVP (-2) ein. Ihre fünf Mandate halten konnte EDU. Die Dienststelle für Statistik hat die Wahlen genauer unter die Lupe genommen. Die Auswertung zeigt, wie die Parteien in einzelnen Gemeinden abschnitten, wie sich die Altersstruktur des Parlaments veränderte und wohin die Panaschierstimmen flossen. Ein paar statistische Häppchen.

Das Parlament altert

Der durchschnittliche Kantonsrat war bei seiner Wahl am 15. März 52,4 Jahre alt. Damit ist er älter als jener vor vier Jahren: 2016 war er 52,3 Jahre alt. Die Dienststelle für Statistik stellt fest: «Der Grosse Rat wird älter.» Wurden 2016 noch zwei Personen unter 25 Jahren ins Parlament gewählt, sind die beiden jüngsten Gewählten in der neuen Legislatur 26 Jahre alt.

Deutlich erhöht hat sich die Zahl der über 65-jährigen Kantonsräte. Dieser Gruppe gehören neu 12 Politiker an. Einen Rückgang musste die Altersklasse der 46 bis 55-jährigen hinnehmen: In der neuen Legislatur gehören 13 Personen weniger dieser Gruppe. Im Schnitt sind die neugewählten Kantonsrätinnen mit 49 Jahren um fünf Jahre jünger als ihre männlichen Ratskollegen. Vor vier Jahren waren die Frauen durchschnittlich 50,6 Jahre alt, die Männer 53.

SVP ist breit verankert

Die SVP macht ihrem Titel alle Ehre: In 78 der 80 Gemeinden darf sie sich als wählerstärkste Partei bezeichnen. Nur in Kreuzlingen wird sie von der SP überholt, in Bichelsee-Balterswil von der CVP. Raperswilen ist die unbestrittene SVP-Hochburg. 76 Prozent beträgt die Parteistärke in dieser Gemeinde.

Weniger erbaulich ist die Statistik für die FDP: In 65 Gemeinden verlor sie im Vergleich zu 2016 an Rückhalt, zulegen konnte sie in 15 Gemeinden. Die CVP schnitt in 49 Gemeinden besser ab als 2016. Die SP verlor in drei Viertel aller Gemeinden Rückenwind. Der Siegeszug der Grünen ist breit abgestützt, nur in wenigen Gemeinden konnte sie nicht zulegen. Über einen Wählerzuwachs freuen konnte sich die GLP in 70 Gemeinden.

EDU hat treue Wähler

Insgesamt nahmen 55'639 Thurgauer an den Grossratswahlen 2020 teil. Das mündet in eine Wahlbeteiligung von 32,6 Prozent. Wer wählte, legte meist einen veränderten Wahlzettel ein. Nur etwas mehr als jeder Dritte verwendete einen vorgedruckten Wahlzettel − so nützt es den Partien am meisten.

In diesem Bereich triumphierte die EDU. 61 Prozent der EDU-Listen wurden ohne Kumulierung, Panaschierung oder Streichung von Namen abgegeben. Anders bei der CVP: Nur 26 Prozent der CVP-Listen waren unverändert. Zum Stift griffen auch BDP- und FDP-Wähler oft.

Attraktiv für andere

Die Dienststelle hat die echten Panaschierstimmen analysiert. Dies erlaubt Aussagen etwa zur überparteilichen Attraktivität der Kandidaten. Die überparteilich attraktivste Gruppe von Kandidaten haben Parteibücher der SVP und FDP. Die bürgerlichen Parteien verstanden es gut, Persönlichkeiten auf ihre Listen zu setzen, die auch für Wähler anderer Couleur wählbar waren. 

Vom Panaschierstimmentausch profitierte besonders die SVP: Sie erhielt in allen Bezirken viele Panaschierstimmen, musste im Gegenzug wenige abgeben. Von den Wahlzetteln der FDP gab es einen markanten Panaschierstimmenstrom zur SVP. Dafür gab es von der CVP eine hohe Panaschierneigung zur FDP. Wenn SP-Wähler Stimmen an andere Kandidaten gaben, gingen diese am häufigsten an die Grünen. Das funktionierte auch in der Gegenrichtung.

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