Thurgauer Grossratswahlen: Die Strategen suchen die beste Verbindung

Die Parteien bemühen sich um vorteilhafte Listenverbindungen für die Thurgauer Grossratswahlen 2020. Die FDP Arbon wagt es wieder allein trotz schlechter Erfahrungen beim letzten Mal.

Thomas Wunderlin
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Wahlen 2016: Blick ins Wahlzentrum in Frauenfeld. Bild: Reto Martin

Wahlen 2016: Blick ins Wahlzentrum in Frauenfeld. Bild: Reto Martin

Reto Martin

Die FDP des Bezirks Arbon hätte bei den Grossratswahlen 2016 einen weiteren Sitz gewonnen, wenn sie nicht eine Listenverbindung mit der SVP abgelehnt hätte. Davon profitierte die CVP: Der heutige Arboner Stadtpräsident Dominik Diezi wäre nicht in den Grossen Rat eingezogen.
Die FDP erhielt 16,6 Prozent der Stimmen im Bezirk Arbon. Auf die CVP entfielen nur 12,1 Prozent, doch sie profitierte von der Listenverbindung mit der EVP, die 4,9 Prozent erhielt. So kam die CVP auf vier Sitze wie die FDP.

CVP-Kantonsrat Dominik Diezi.

CVP-Kantonsrat Dominik Diezi.

Reto Martin

Viele Diskussionen bei Entscheid

Dennoch zieht die FDP Arbon wieder ohne Listenverbindung in die Grossratswahlen vom 15. März 2020. «Wir wollen den Wählern die Möglichkeit geben, das Original zu wählen», sagt Bezirkspräsident Adi Koch auf Anfrage. Bei Listenverbindungen stehe oft aussen etwas anderes, als was drin sei. So sei es möglich, dass ein Kandidat gewählt werde, obwohl er viermal weniger Stimmen als ein Nichtgewählter erhalte. Unbestritten war der Entscheid parteiintern nicht, wie Koch andeutet:

«Es hat viele, viele Diskussionen gegeben.»

Von den Listenverbindungen steht in der Regel wenig in der Wahlwerbung der Parteien. Sie haben aber grossen Einfluss auf die Sitzverteilung. Bei den Thurgauer Nationalratswahlen 2020 hätte FDP-Nationalrat Hansjörg Brunner seinen Sitz nicht an den GP-Kandidaten Kurt Egger verloren, hätte die FDP eine Listenverbindung mit den Mitteparteien eingehen können – statt mit der SVP und der EDU.

Bei den Grossratswahlen sind Listenverbindungen etwas weniger wichtig, da die Zahl der zu verteilenden Sitze grösser ist. Je nach Bezirk sind zwischen 22 (Münchwilen) und 32 (Frauenfeld) Sitze zu verteilen, während dem Kanton Thurgau nur 6 Nationalratssitze zustehen. Doch auch bei den Grossratswahlen kommt es auf die richtigen Verbindungen an, wie das Beispiel Arbon zeigt.

FDP-Kantonalpräsident David H. Bon.

FDP-Kantonalpräsident David H. Bon.

Donato Caspari

2016 hatte die FDP Kantonalleitung den Bezirksparteien empfohlen, sich mit der SVP zusammenzutun. Abgesehen von der FDP Arbon hielten sich alle daran. Diesmal gibt es von der FDP-Leitung keine derartige Empfehlung, sagt Parteipräsident David H. Bon. «Nach der Geschichte mit den Nationalratswahlen» sei eine Empfehlung für die Verbindung mit der SVP nicht mehr möglich. Die Situation in den Bezirken sei auch zu unterschiedlich:

«Die Bezirksparteien müssen die Ergebnisse verantworten.»

Im Bezirk Kreuzlingen kommt es bei den Grossratswahlen 2020 wie vor vier Jahren zu einer grossen Listenverbindung der Mitte. Neu stösst die FDP dazu, die bei den Wahlen 2016 ihre Liste mit der SVP verbunden hatte. Damals legte die FDP von drei auf vier Sitze zu, wobei die Listenverbindung mit der SVP keine Rolle spielte.

Alexander Salzmann, Präsident der FDP des Bezirks Kreuzlingen.

Alexander Salzmann, Präsident der FDP des Bezirks Kreuzlingen.

Donato Caspari

Laut FDP-Bezirkspräsident Werner Salzmann gab es bei den Nationalratswahlen 2019 im Bezirk Kreuzlingen gegenüber den Grossratswahlen 2016 so grosse Veränderungen, dass die möglichen Varianten der Listenverbindungen nicht mehr zu berechnen sind:

«Es geht bei den Listenverbindungen um Stellenprozente hinter dem Komma.»

Deshalb sei es sinnvoll, eine möglichst breite Listenverbindung einzugehen in der Hoffnung, ein Restmandat werde an diese gehen – und innerhalb der Listenverbindung an die eigene Partei. «Das ist die Sicht der FDP», sagt Salzmann, «andere Parteien mögen eine andere Optik haben».

In den übrigen Bezirken waren die Verhandlungen in den letzten Tagen noch nicht beendet. Einige Parteien sind jetzt vor allem damit beschäftigt, ihre Listen zu füllen. Dabei stehen sie unter Zeitdruck, wie der Frauenfelder GLP-Kantonsrat Stefan Leuthold erklärt. Am 16. Dezember ist der erste Tag, an dem die Listen auf der Staatskanzlei eingereicht werden können.

Nur wer dann dabei ist, der hat bei der Verlosung der Listennummern die Chance, in allen fünf Bezirken mit derselben Nummer antreten zu können, was die Wahlwerbung vereinfacht. Erst am 13. Januar läuft die Frist zur Bekanntgabe von Listenverbindungen ab.

Robert Meyer, Präsident der GLP Thurgau.

Robert Meyer, Präsident der GLP Thurgau.

Reto Martin

Auch bei den Grünliberalen sind die Bezirksparteien verantwortlich dafür, mit wem sie ihre Liste verbinden. Die Kantonalleitung gibt laut Parteipräsident Robert Meyer nur vor, dass sie sich nicht mit der SVP oder der EDU zusammentun. Die Grünliberalen hoffen, ihre Sitzzahl im 130-köpfigen Kantonsparlament von sieben auf zehn zu erhöhen. Besonders in Frauenfeld sieht Meyer eine Chance, von zwei auf drei zu kommen. «Letztes Mal haben wir auch wegen der Listenverbindung knapp den dritten Sitz verpasst.»

In Münchwilen braucht es 4,5 Prozent für einen Sitz

Im Bezirk Frauenfeld, der 32 Sitze zu vergeben hat, genügt ein Wähleranteil von etwa 3 Prozent für einen Sitz. In Münchwilen, das 22 Sitze zu vergeben hat, braucht es 4,5 Prozent; die Grünliberalen können deshalb in Münchwilen keinesfalls mit drei Sitzen rechnen. Sie müssen zufrieden sein, wenn sie ihre Mandate von eins auf zwei erhöhen können. Das könnte möglich sein, da die GLP bei den Nationalratswahlen kantonsweit auf 8,1 Prozent gekommen ist.

CVP-Kantonalpräsident Paul Rutishauer

CVP-Kantonalpräsident Paul Rutishauer

Donato Caspari

Laut CVP-Kantonalpräsident Paul Rutishauser hat seine Partei bei den Grossratswahlen 2016 drei bis vier Überhangmandate gewonnen. Davon seien sicher zwei dank der richtigen Listenverbindung bei der CVP gelandet. Nur in Frauenfeld habe es nicht geklappt. Dort habe die CVP drei Sitze erhalten, die Stimmen hätten aber fast für vier gereicht.

Die SVP ist offen bezüglich Listenverbindungen mit der FDP und der EDU, sagt Wahlkampfleiter Thomas Gemperle. Die Kantonalpartei habe schon vor vier Jahren empfohlen, diese einzugehen. Zuständig seien die Bezirksparteien. Das Beispiel des Bezirks Arbon 2016 zeigt für Gemperle, dass Listenverbindungen sinnvoll sind, wenn sie richtig gemacht würden. Auch einem FDP-Wähler sei es lieber, wenn seine Stimme einem SVP-Vertreter statt einem Linken helfe.

Listenverbindungen der Thurgauer Parteien

Bei den Grossrats- und Nationalratswahlen

Für die Grossratswahlen vom 10. April 2016 gab es im Thurgau folgende Allianzen (mit gewonnenen Sitzen):
Bezirk Arbon, 27 Sitze:
EDU-BDP (2) / EVP-CVP (5) / GP-SP (6) / ohne Verbindung ausserhalb der Parteifamilie: SVP (9) / FDP (4) / GLP (1).
Bezirk Frauenfeld, 32 Sitze:
EDU-FDP-SVP (17) / EVP-CVP-BDP (6) / GP-GLP (4) / SP (5).
Bezirk Kreuzlingen, 23 Sitze:
EDU-CVP (3) / EVP-GLP-BDP (3) / GP-SP (6) / FDP-SVP (11).
Bezirk Münchwilen, 22 Sitze:
EDU-EVP (1) / GP-GLP (3) / CVP-BDP (6) / FDP-SVP (11) / SP (1).
Bezirk Weinfelden, 26 Sitze:
EDU-EVP (3) / GP-SP (4) / CVP-GLP-BDP (6) / FDP-SVP (13).
Bei den Nationalratswahlen 2019 lauteten die Verbindungen: SVP-FDP-EDU (3) / CVP-EVP-BDP (1) / GLP-GP-SP (2). (wu)

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