Thurgauer Gewerkschaften stehen für den Lohnschutz zusammen

Die im Thurgau aktiven Gewerkschaften kämpfen gemeinsam für den Lohnschutz. Aktuelle Themen der Arbeitnehmervertreter sind aber auch die Diskriminierung älterer Mitarbeiter und die Arbeitszeit.

Sebastian Keller
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Vertreterinnen und Vertreter der Gewerkschaften an der Pressekonferenz des Thurgauer Gewerkschaftsbundes: Dominik Dietrich, Felix Birchler, Edith Graf-Litscher, Rita Kägi, Maria Huber und Anke Gähme. (Bild: Andrea Stalder)

Vertreterinnen und Vertreter der Gewerkschaften an der Pressekonferenz des Thurgauer Gewerkschaftsbundes: Dominik Dietrich, Felix Birchler, Edith Graf-Litscher, Rita Kägi, Maria Huber und Anke Gähme. (Bild: Andrea Stalder)

Der etwas über 50-jährige Mann bewirbt sich auf eine Stelle. Am Wochenende. Per Internet. 20 Minuten später erhält er eine E-Mail. Inhalt: Eine Absage. Von diesem Fall berichtet Edith Graf-Litscher an der Pressekonferenz des Thurgauer Gewerkschaftsbundes, den sie präsidiert. Sie vermutet: «Da ist ein Algorithmus hinterlegt, der ältere Arbeitnehmer aussiebt.»

Die Altersdiskriminierung auf dem Arbeitsmarkt sei Realität: Personen über 50 Jahre bekunden Schwierigkeiten. «Sie laufen Gefahr, in die Sozialhilfe abzurutschen.» Ein Schwerpunktthema für alle Gewerkschaften im Land ist in diesem Jahr der Lohnschutz. Dieser ist wegen des Rahmenabkommens mit der EU unter Druck. Für Graf-Litscher ist klar: «Ohne Lohnschutz droht sogar gelernten Fachkräften der Gang zum Sozialamt.»

Lohnerhöhung für Kantonsangestellte

Maria Huber, Regionalsekretärin des Verbandes des Personals öffentlicher Dienste (VPOD), vermeldete einen Erfolg: Thurgauer Kantonsangestellte bekomme ab diesem Jahr eine Lohnerhöhung. Anders die Kollegen in St. Gallen, wo es keine Reallohnerhöhung gibt.

Huber berichtet von einem aktuellen Projekt: So gelte der Wechsel von der Privat- in die Arbeitskleidung nicht in allen Spitälern als Arbeitszeit. Der VPOD führt derzeit eine Umfrage durch. Mit dem Ergebnis sollen die Arbeitgeber konfrontiert werden. Die Forderung: Umziehen gehört zur Arbeitszeit. «Das steht so im Arbeitsgesetz», sagt Huber.

Die Gewerkschaft des Verkehrspersonals (SEV) machte vor Weihnachten mit Protestaktionen auf eine unerfüllte Forderung aufmerksam: Die Mitarbeiter der Frauenfeld-Wil-Bahn erhielten das siebte Jahr in Folge keine generelle Lohnerhöhung. Regionalsekretär Felix Birchler sagt: «Mit der Teuerung im Jahr 2018 mussten die Mitarbeiter einen Nettolohnverlust hinnehmen.»

Weil die Verantwortlichen keine Zugeständnisse machten, sei man nicht mehr an die Friedenspflicht gebunden. Das heisst: Selbst ein Streik ist nicht auszuschliessen. Birchler relativiert auf Nachfrage: «Das Unternehmen müsste sich schon sehr ungeschickt verhalten, bist gestreikt wird.»

Liberale Ladenöffnungszeiten

Die Arbeit geht auch der Unia nicht aus. Im Thurgau sind die Ladenöffnungszeiten ein Thema, wie Gewerkschafterin Anke Gähme sagt. Die liberale Gesetzgebung wirke sich negativ auf die Angestellten aus: So leide das Familienleben. Zudem stellt die Gewerkschaft vermehrt fest, dass Personen mit «extrem tiefen oder flexiblen Pensen» gesucht werden. Von denen werde dann verlangt, vor Weihnachten viele Stunden zu arbeiten; zu anderen Zeiten werden sie aber kaum aufgeboten.

Im Köcher ist immer noch eine kantonale Initiative gegen Lohndumping. «Diese ist nicht vom Tisch», sagt Gähme auf Nachfrage. 2020 werde es konkreter. Zuerst wollte man den Vorstoss von Jacob Auer (SP, Arbon) für einen kantonalen Mindestlohn abwarten. Diesen hatte der Grosse Rat aber im Dezember 2018 abgeschmettert.

Dominik Dietrich von der Gewerkschaft Syndicom berichtet von einem Erfolg, der im Thurgau seinen Anfang nahm. Der mit Captia, einem in Tägerwilen tätigen Unternehmen in der Call-Center-Branche, ausgehandelte Gesamtarbeitsvertrag (GAV) wurde im Sommer 2018 vom Bundesrat für allgemein verbindlich erklärt. Er gilt nun für die gesamte Branche.

Weniger Freude hat die Gewerkschaft an der Post. Diese will bis 2020 zwölf der 35 Poststellen im Thurgau schliessen. Doch der «Kahlschlag» sei nicht vorbei. «Ab 2020 wird die Post das Netz erneut überprüfen», sagt Dietrich. Syndicom setze sich für einen flächendeckenden Service public ein.