Thurgauer Bier-Sommelière: «Bier muss nach Bier schmecken»

In der Ostschweiz wird zurzeit an Oktoberfesten an jeder Ecke literweise Bier ausgeschenkt. Ob das noch etwas mit Genuss zu tun hat, verrät die Thurgauer Bier-Sommelière Sandra Lopar.

Rossella Blattmann
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Die Bier-Sommelière Sandra Lopar aus Amriswil in der «Huus-Braui» in Roggwil. (Bilder: Michel Canonica)

Die Bier-Sommelière Sandra Lopar aus Amriswil in der «Huus-Braui» in Roggwil. (Bilder: Michel Canonica)

Der letzte September-Samstag ist ein Herbsttag, wie er im Buche steht. Auch in Roggwil, in dessen Zentrum die «Huus-Braui» steht. Davor wartet bereits Sandra Lopar. Die 30-Jährige ist eine von 21 frisch zertifizierten Bier-Sommeliers und Bier-Sommelièren in der Schweiz. Neben Lopar haben mit Renato Gabriel aus St. Gallen, Roger Senn aus Buchs und Evelyn Tanner aus Gossau drei weitere Ostschweizerinnen und Ostschweizer ein Zertifikat erhalten.

Die Bar in der «Huus-Braui» ist klein, aber fein. «Welches Spezialbier habt ihr heute?», fragt Lopar die Bedienung. Das frage sie immer, wenn sie ein Bier bestelle. «Egal, wo auf der Welt ich bin: Ich mag es, neue Biersorten auszuprobieren.» Die Saison-Spezialität, ein dunkles, stärkeres Oktoberfestbier, lehnt Lopar ab und wählt ein leichteres, helles Bier. «Ich mag auch kräftigere Spezialbiere, doch es kommt ganz auf den Anlass an.»

Bier-Sommelier-Kurs: Eine spontane Entscheidung

Seit August studiert Lopar Hotelfach in Passugg. «Vor Studienbeginn hatte ich diesen Sommer einen Monat frei. Per Zufall habe ich auf Facebook gesehen, dass im Bier-Sommelier-Kurs von Gastro-Suisse in Zürich kurzfristig ein Platz frei geworden war. Dieses Seminar war eigentlich erst für nach dem Studium geplant. Aber das nennt man wohl Glück», sagt die Amriswilerin. Nach einem Monat theoretischen Unterrichts und zahlreichen Ausflügen in Brauereien und Bars stand die Abschlussprüfung an.

Lopar überprüft den Spunddruck in einem der Gärtanks.

Lopar überprüft den Spunddruck in einem der Gärtanks.

«Ich bin glücklich darüber, dass ich bestanden habe, und ich nun zertifizierte Bier-Sommelière bin. Doch ich sehe mich erst am Anfang.» Auf die aktuellen Biertrends angesprochen sagt Lopar, dass sie die Kreativität und Vielfalt der unabhängigen Craft-Bier-Brauer schätze. «Es gibt alle möglichen Kreationen, zum Beispiel auch Sauerbiere mit Chriesi-Geschmack.» Sie sage zu keinem Bier, es sei nicht gut. Doch wenn ein Bier zu süss sei oder zu viele Röstaromen habe, trinke sie es weniger gern. «Für mich muss ein Bier noch nach Bier schmecken.»
In der Ostschweiz feiert in diesen Wochen jede noch so kleine Ortschaft Oktoberfest. Damit hat die Bier-Expertin aber kein Problem.

Sie war auch schon am Original in München

«Oktoberfeste gehören zur Saison.» Sie selber sei auch schon am Original in München gewesen. Oktoberfeste hätten aber wenig mit ihrer Tätigkeit als Bier-Sommelière zu tun: «Genuss und die Sensorik des Bieres stehen nicht im Vordergrund.» Aber Bier werde an Oktoberfesten zelebriert, einfach auf eine andere Art. Und das sei die Hauptsache.

In der Schweiz steigt die Zahl an unabhängigen Bierbrauereien und Privatpersonen, die in den eigenen vier Wänden Bier brauen. Zu letzteren gehören auch Lopar und ein befreundetes Paar aus Häggenschwil. «Zu dritt brauen wir schon länger unser eigenes Bier.» Das gehe ohne komplizierte und teure Gerätschaften. Wichtig sei, dass man die Temperatur des Gebräus ständig unter Kontrolle habe und die Rezeptur genau einhalte. Mit der Thermomix-Küchenmaschine klappe das gut. «Aber langfristig würde ich mir gerne ein richtiges, professionelles Brau-Set leisten», sagt Lopar.

Jedes Bier sollte im richtigen Glas und bei einer bestimmten Temperatur serviert werden.

Jedes Bier sollte im richtigen Glas und bei einer bestimmten Temperatur serviert werden.

Noch immer gibt es Stimmen, die behaupten, Biertrinken gehöre sich für Frauen nicht. «Bier trinken ist nicht ‹ladylike›? Darüber kann ich nur schmunzeln.» Wenn sie ihre Verwandten in Süditalien besuche, höre sie manchmal, dass man als Frau nicht in Bars gehe und Bier trinken unweiblich sei. «Solche Kommentare kann ich zum Glück gut ignorieren. Warum soll Biertrinken denn nicht weiblich sein?» Trotz der Vorbehalte gegen biertrinkende Frauen: Auch in Lopars italienischer Heimat erfreuten sich kleine, unabhängige Bierbrauereien grosser Beliebtheit. Doch wenn es um Bier geht, ist ein Land für Lopar die klare Nummer eins: «Ich möchte unbedingt einmal nach Belgien reisen.» Es gebe ihrer Meinung nach kein anderes Land, das Bier so zelebriere. «In Belgien hat Bier den Stellenwert, den es verdient», schwärmt sie. «Jedes Bier wird mit der richtigen Temperatur und mit seinem eigenen Glas serviert.»

Vor dem Bier war der Fussball

Lopar hatte vor dem Bier ein anderes grosses Hobby: Fussball. Sie spielte zehn Jahre in verschiedenen Ostschweizer Teams. Das Fussballer-Gen liegt bei Lopar in der Familie: Der ältere Bruder Daniel ist Goalie beim FC St. Gallen, der Vater arbeitete früher als Fussballtrainer in Romanshorn. «Nach dem Sport ein neues Hobby zu finden war schwierig.» Sie verfolge zwar die Spiele des FCSG oder ihrer Lieblingsmannschaft Juventus Turin. Selber spiele sie nicht mehr. «Doch mit dem Bier und meinem Studium habe ich eine Beschäftigung gefunden, die mich glücklich macht.»

Die «Huus-Braui» in Roggwil.

Die «Huus-Braui» in Roggwil.

Sandra Lopar ist ein Familienmensch. Wenn sie übers Wochenende ihre Eltern in Amriswil besucht, freut sie sich vor allem auf eines: Ihre kleine Nichte. «Wenn ich von meinem zweiten Zuhause in Chur nach Hause komme, kann ich es nicht erwarten, meine 15 Monate alte Nichte Lara zu sehen. Es gibt nichts Schöneres als ihre leuchtenden Kinderaugen und ihre Unbeschwertheit.»