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Interview

Thurgauer Ausbildungsberater warnt vor verfrühtem Abschluss des Lehrvertrags

Erste Lehrverträge werden im Thurgau schon mehr als ein Jahr vor Lehrbeginn abgeschlossen. Das kantonale Amt für Berufsberatung und Berufsbildung rät dabei zur Vorsicht. Während der dritten Oberstufe können sich die Schüler stark verändern.
Larissa Flammer
Ein Pflästerer an der Thurgauer Berufsmesse 2017. (Bild: Mareycke Frehner)

Ein Pflästerer an der Thurgauer Berufsmesse 2017. (Bild: Mareycke Frehner)

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganz Ausgabe lesen Sie hier.

Eine Abmachung, dass Lehrverträge erst ab November abgeschlossen werden, ging bald wieder in Vergessenheit. Franz Knupp, Leiter Betriebliche Bildung beim Thurgauer Amt für Berufsbildung und Berufsberatung, rät Lehrbetrieben, mit dem Vertrag trotzdem zuzuwarten.

Franz Knupp, Sie empfehlen, den Lehrvertrag frühestens im Oktober/November zu unterschreiben. Wird das im Thurgau eingehalten?

Die ersten Verträge kommen ab Mai/Juni zu uns – also mehr als ein Jahr vor Lehrbeginn. Das hat aber meist damit zu tun, dass diese Personen anschliessend zum Beispiel eine Weile ins Ausland gehen. Bis nach den Herbstferien erhalten wir plus/minus 20 Prozent der Verträge. Ab Anfang November bis Ende März kommt dann der grösste Teil.

Gilt es noch, dass der Kanton die eingereichten Lehrverträge nicht vor Mitte Oktober genehmigt?

Nein, das können wir nicht mehr durchziehen. Uns fehlen die personellen Ressourcen. Die eingetroffenen Verträge werden laufend eingelesen, sie haben aber keine Priorität. Es kann sein, dass einer mal bis zu 14 Tage liegen bleibt.

Sie beobachten, dass überhastet abgeschlossene Lehrverträge und eine Zunahme von Vertragsauflösungen vor und nach der Probezeit zusammenhängen. Woran liegt das?

Franz Knupp, Leiter Betriebliche Bildung beim Kanton Thurgau. Bild: Nana do Carmo (1. Oktober 2014)

Franz Knupp, Leiter Betriebliche Bildung beim Kanton Thurgau. Bild: Nana do Carmo (1. Oktober 2014)

Weil die Lehrbetriebe vergessen, nach dem Vertragsabschluss den Kontakt zum künftigen Lernenden zu halten. Dieser ist aber nach einem Dreivierteljahr in der Persönlichkeitsentwicklung nicht mehr der gleiche Mensch. Nach der Schnupperlehre sind die Jugendlichen begeistert von einem Beruf, diese Begeisterung vergeht aber. Ich rate daher den Berufsbildnern in den Lehrbetrieben, die bereits unter Vertrag genommenen Jugendlichen in den Sport- oder Frühlingsferien noch einmal zum Schnuppern kommen zu lassen. So kann man die Freude am Beruf aufrechterhalten.

Es geht also um die Beziehungspflege zwischen dem Zeitpunkt des Vertragsabschlusses und dem Lehrbeginn?

Wir haben bei vielen Vertragsauflösungsgesprächen gemerkt, dass das Zwischenmenschliche vergessen geht. Für die Jugendlichen ist das sehr wichtig. Ausbildner könnten etwa fragen, wie es in der Schule läuft, oder daran erinnern, dass im Hinblick auf die Lehre dies und das vorbereitet werden soll.

Was führt dazu, dass Lehrverträge verfrüht abgeschlossen werden?

Den grössten Druck dabei setzen nicht die Lehrbetriebe auf, sondern die Eltern. Die Unternehmen haben aber natürlich Angst, dass ein passender Lehrling sonst zu einem anderen Betrieb geht. Ich habe gute Erfahrungen damit gemacht, den Berufsbildnern zu raten, ihrem Wunschkandidaten im Herbst schriftlich zuzusagen. Mit der Detailklärung und der Vertragsunterzeichnung sollen sie aber zum Beispiel bis im Dezember/Januar warten.

Welche Rollen spielen die Schulen?

In einigen Schulgemeinden heizen überdurchschnittlich viele Lehrer zu Beginn des dritten Oberstufenjahrs den Druck zusätzlich an. Sie sehen, dass einige ihrer Schüler den Lehrvertrag schon haben, und fragen sich, was denn die anderen machen. Sie meinen es gut, aber was das auslösen kann, ist eher kontraproduktiv.

Im Thurgau werden alle offenen Lehrstellen gesammelt aufgeschaltet. Ab wann passiert das?

Ab Mitte August im Lehrstellen-Nachweis «Lena». Teilweise werden aber bei Schnupperlehren in der zweiten Oberstufe schon Verträge gemacht. Diese Lehrstellen werden dann gar nie ausgeschrieben.

Offenbar gibt es zwei Probleme: Einerseits finden nicht alle Betriebe geeignete Lernende, andererseits finden nicht alle Jugendlichen eine passende Lehrstelle.

Das ist genau so. Aber auch wenn man meint, früh ein Juwel gefunden zu haben, ist das keine Garantie für einen erfolgreichen Lehrbeginn. Das vermeintliche Juwel muss man wie einen Diamanten sorgsam schleifen.

Was muss sich Ihrer Meinung nach verändern?

Das ist eine schwierige Frage. In vier bis sechs Jahren wird die Situation anders aussehen. Dann wird es wieder mehr Lehrstellensuchende als offene Lehrstellen geben. Heute können Jugendliche unter vielen Lehrstellen wählen – allerdings vielleicht nicht im vermeintlichen Wunschberuf. Meiner Meinung nach sollte der Selektionsprozess bewusster gestaltet werden – und in mehreren Stufen. Das müssen die Lehrbetriebe steuern und den Eltern erklären, warum das so besser ist. Für eine erfolgreiche Lehre ist es wichtiger, dem Jugendlichen Berufsstolz und Freude an der Tätigkeit mitzugeben, als möglichst früh den Vertrag zu unterschreiben.

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