Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Interview

«Wie die Menschen gefoltert wurden, hat mich schockiert»: Ein Thurgauer erzählt, wie er auf dem Mittelmeer Flüchtlinge gerettet hat

Das Schiff «Alan Kurdi» der Organisation «Sea Eye» harrte im April knapp vier Wochen vor dem Hafen Maltas aus, weil die zuvor geretteten Flüchtlinge nicht an Land durften. Mit an Bord war auch der Matzinger David Krail.
Sheila Eggmann
Rettete Flüchtlinge aus ihrer Seenot im Mittelmeer: David Krail auf der «Alan Kurdi» der Organisation Sea-Eye. (Bild: PD)

Rettete Flüchtlinge aus ihrer Seenot im Mittelmeer: David Krail auf der «Alan Kurdi» der Organisation Sea-Eye. (Bild: PD)

Sie waren fast vier Wochen auf dem Mittelmeer. Was haben Sie als erstes gemacht, als sie wieder an Land waren?

David Krail: Ich bin duschen gegangen. Auf dem Schiff war das am Ende nicht mehr möglich. Es ist für 20 Personen ausgelegt, mit den Geflüchteten waren wir insgesamt 81 Personen. Deswegen mussten wir Wasser und Essen rationieren.

Was haben Sie auf dem Rettungsschiff gemacht?

Es waren zwei Gruppen von Menschen an Bord, einerseits professionelle Seefahrer und andererseits freiwillige Helfer. Ich war als Helfer dort und habe den Geretteten zugehört und ihre Geschichten aufgeschrieben. Diese Geschichten werden für die Forschung verwertet und für Medien zugänglich gemacht.

Wie erging es Ihnen dabei?

Das war teilweise schon harte Kost. Über einzelne Schicksale denke ich noch heute nach. Etwa die Art und Weise, wie die Menschen gefoltert wurden, hat mich schockiert. Auch habe ich mich machtlos gefühlt, als wir mit der Crew nicht an Land durften. Gespräche mit anderen Helfern und meiner Familie haben mir geholfen, das zu verarbeiten. Aber es geht hier nicht um mich.

Sondern?

Um die 64 Menschen, die gerettet werden mussten, und um alle, die wir nicht retten konnten. Ich bin nicht der, der ein schweres Schicksal zu ertragen hat. Es ist schon irgendwie schräg, da geht man kurz für ein paar Wochen aufs Mittelmeer und rettet Flüchtlinge, und dann ist man wieder zu Hause. Und hier spielt das ganze überhaupt keine Rolle.

Wie sieht denn die Situation auf dem Mittelmeer aus?

Soviel ich weiss, ist zurzeit kein einziges Schiff von Hilfsorganisationen mehr auf dem Mittelmeer unterwegs. Die «Alan Kurdi» musste in die Werft, ein italienisches Schiff wird von den italienischen Behörden festgehalten mit dem Vorwurf, sie könnten die Sicherheit an Bord nicht gewährleisten. Ein weiteres kämpft mit einer Anklage wegen Ermöglichung illegaler Einreise.

Die libysche Küstenwache hat die italienische abgelöst und ist für die Koordination der Rettungsaktionen zuständig.

Ja, das wäre sie. Wie ich es erlebt habe, tut sie aber gar nichts. Wir hatten fünf verschiedene Telefonnummern der libyschen Küstenwache. Keine einzige hat funktioniert. Zurzeit ist niemand erreichbar. Das hat die ganze Aktion natürlich nicht vereinfacht.

Dann schippert die «Alan Kurdi» einfach mal drauflos – so stellte ich mir das vor – mit dem Ziel, ein Flüchtlingsboot zu entdecken?

Ja, das lief in etwa schon so ab. Wir haben dann doch ein Notsignal empfangen und das betroffene Boot gesucht. Bei der Auffindung, es war ein Schlauchboot, war der Motor bereits kaputt. Schwimmwesten waren fast keine vorhanden, die 64 Insassen dehydriert, erschöpft, geschockt und teils seekrank.

Organisationen wie die «Sea Eye» seien dafür verantwortlich, dass mehr Menschen den Weg übers Mittelmeer wagen, liest man oft als Vorwurf.

Das ist falsch. Es gibt keinen Kontakt zu Schleppern. Die Menschen nehmen die gefährliche Route über das Mittelmeer in Kauf, weil es für sie keinen anderen Ausweg aus Libyen gibt, wo sie gefoltert und als Sklaven gehalten werden. Viele haben uns erzählt, sie würden lieber ertrinken als zurück nach Libyen gebracht zu werden. Meiner Meinung nach müsste man die Diskussion über die Seenot mit der Integration trennen. Es ist völlig klar, dass man Menschen in Seenot helfen muss, da stützen wir uns auf internationales Recht.

David Krail (Bild: PD)

David Krail (Bild: PD)

Wieso haben Sie sich dazu entschieden, auf das Schiff zu gehen?

Ich schreibe meine Masterarbeit über die Kriminalisierung der Seenotrettung und bin so in das Thema hineingerutscht. Ich habe Kontakte aufgebaut, die mich mit der Organisation «Sea Eye» in Verbindung brachten. Ausserdem wollte ich die Möglichkeit nutzen, helfen zu können.

Das letzte Schiff auf Rettungsmission

Am 13. April durften 62 Flüchtlinge des deutschen Rettungsschiffs Alan Kurdi –nach zehn Tagen auf dem Meer – in Malta an Land gehen. Die Flüchtlinge wurden am 3. April von der Organisation Sea-Eye vor der libyschen Küste aus einem Schlauchboot gerettet. Das Rettungsschiff bekam anschliessend aber keine Genehmigung, in den Hafen von Malta einzulaufen. Während zehn Tagen harrten die Flüchtlinge und 17 Helfer auf dem für 20 Personen ausgelegten Schiff aus. Wasser und Essen wurde immer knapper. Nach den eineinhalb Wochen entschied Malta, die «Alan Kurdi» an Land zu lassen. Die 62 Migranten werden nach Deutschland, Frankreich, Portugal und Luxemburg gebracht. Die «Alan Kurdi» ist das letzte Rettungsschiff, das noch im Mittelmeer unterwegs ist, nachdem die Europäische Union ihre Rettungsmission eingestellt hatte. Das Schiff trägt den Namen des zweijährigen syrischen Jungen, dessen Leiche 2015 an die türkische Mittelmeerküste angeschwemmt wurde. Die Fotoaufnahmen erregten weltweites Aufsehen. (gbo)

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.