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Ein modernes Stonehenge: Thurgauer Architekt will eine riesige Begräbnis- und Begegnungsstätte nach keltischem Vorbild bauen

Vor acht Jahren hatte Urs Hähni einen Traum. Darin wurde ihm eine Aufgabe erteilt: Er soll ein modernes Stonehenge bauen. Einen Totenkreis für die Lebenden. Der Architekt weiss, wie seltsam dies in den Ohren moderner Menschen klingt. Doch er zweifelt nicht an dieser Idee und hat ein Buch darüber veröffentlicht.
Ida Sandl
So soll die Begräbnis-, Ritual- und Kultstätte Erdenrad aussehen. Die Zeichnung hat Urs Hähni gefertigt, seine Partnerin Carmen Bitzer-Eppler hat sie koloriert. (Bild: Zeichnung aus dem Buch von Urs Hähni)

So soll die Begräbnis-, Ritual- und Kultstätte Erdenrad aussehen. Die Zeichnung hat Urs Hähni gefertigt, seine Partnerin Carmen Bitzer-Eppler hat sie koloriert. (Bild: Zeichnung aus dem Buch von Urs Hähni)

Der Traum, der das Leben von Urs Hähni verändern sollte, fühlte sich sehr lebendig an. So hatte er noch nie geträumt. «Ich habe den Wind auf der Haut gespürt.» Hähni ist 55 Jahre alt und selbstständiger Architekt. Er sitzt auf seiner Terrasse in Warth-Weiningen. An manchen Tagen sieht man den Säntis. Das Haus hat er selbst gebaut: grosse Panoramafenster, offene Wohnküche. Hier lebt er mit seiner Partnerin, einer Museumspädagogin und Künstlerin. Neben dem Sofa stehen Verstärker und Elektro-Gitarren, Relikte aus der Zeit, als er noch bei der Band Slim Danny and the Hawks die Rhythmusgitarre gespielt hat.

Hähni ist ein humorvoller Mann, entspannt und auf eine Art bodenständig. Das passt so gar nicht zu dem, was er über seinen ungewöhnlichen Traum erzählt. Zuerst habe er eine kreisrunde Waldlichtung gesehen, dort sei er im Traum selbst gestanden. Dann habe er drei Männer erblickt. Ältere Männer, vom Leben gezeichnet, mit grauen Haaren und langen grauen Bärten. Einfache bodenlange weisse Gewänder hätten sie getragen und ihm irgendwie Respekt eingeflösst.

Der mittlere Mann trat vor und sagte: «Baue es! Mach Dich dran und baue es!» Die beiden anderen hätten bekräftigend genickt.

Er weiss, wie verrückt das klingt

Da sei er aufgewacht. Das Herz habe ihm bis zum Hals geschlagen. «Erst nach und nach wurde mir klar, dass ich einen Auftrag bekommen hatte», sagt Hähni. So mysteriös sich die Geschichte anhört, für ihn war sofort klar, was ihm die Männer aufgetragen hatten: Er solle eine Begräbnis- und Begegnungsstätte nach keltischem Vorbild bauen. Ein modernes Stonehenge.

Urs Hähni, Architekt und Visionär. (Bild: Andrea Stalder)

Urs Hähni, Architekt und Visionär. (Bild: Andrea Stalder)

Urs Hähni macht sich nichts vor, er weiss, wie seltsam dies alles in den Ohren moderner Menschen klingt. Er findet es ja sogar selber irgendwie verrückt. Seit dem Traum sind acht Jahre vergangen. In all der Zeit hat er jedoch keine Sekunde an seiner unmöglichen Mission gezweifelt.

Dazu muss man wissen, dass sich Hähni schon seit seiner Jugend mit Archäologie beschäftigt. Besonders faszinieren ihn die Zusammenhänge zwischen Landschaften, alten Sagen und frühgeschichtlichen Siedlungen.

«Die Landschaft ist eine Art Gedächtnis der Menschheit.»

Vieles sei kaum mehr bekannt. Die Sage vom Schometgretli zum Beispiel, einer verschmähten Braut, die oberhalb von Stammheim durch die Wälder streift. Wenn Hähni davon erzählt, kommt er ins Schwärmen. Dann wird aus dem besonnenen Architekten der eifrige Forscher, der das Wissen früherer Generationen vor dem Vergessen retten will.

Stammerer Funken

Die Gemeinde Stammheim, die an die Pfahlbauerregion Seebachtal grenzt, pflegt noch den Brauch der Funkenfeuer. Dabei werden gleichzeitig drei bis zu elf Meter hohe Holztürme angezündet. Der Winter soll so verabschiedet, und die Vegetationskräfte fürs neue Jahr sollen geweckt werden. Hähni hat das Seebachtal-Stammertal erforscht, mit Kurt Derungs hat er das Buch «Korngeist und Feuerkult» herausgebracht.

Seit acht Jahren keine Badeferien mehr

Und nun dieser Traum. Hähni hat seitdem keine Badeferien mehr gemacht. An freien Tagen besucht er prähistorische Kultstätten wie den «Ring of Brodgar» in Schottland. Neben der Geschichte interessieren ihn dabei die Ausrichtungen der Steine nach den Himmelskörpern. Alles trägt er akkurat in sein Skizzenbuch ein.

Viele Steine und Zugänge zu diesen Anlagen sind so angeordnet, dass zur Winter-Sonnenwende am 21. Dezember das Licht ins Innere fällt. Dann, wenn das neue Sonnenjahr beginnt. Mit ihrem starken Licht könne die Sonne die Seelen aufwecken, glaubten die Menschen damals.

Deshalb seien die Frauen zu diesen Kultstätten gepilgert, um Kinderseelen zu empfangen und in die Welt zurückzubringen, erklärt Urs Hähni weiter. «Der Chindlistein im appenzellischen Heiden weist auf ein solches Ritual hin.»

«Ich könnte so eine Kultstätte bauen»

Hähni würde sich zutrauen, eine Kultstätte zu bauen. Ohne Mörtel, ganz im Stil prähistorischer Vorbilder. Er hätte das nötige Wissen und auch schon einen Namen dafür: «Erdenrad» soll es heissen. Weil sich darin der Kreislauf des Lebens und der Welt spiegeln soll. Hähni stellt sich vor, dass es ein Ort der Begegnung werden soll, wo Menschen zusammen kommen und feiern, zum Beispiel den «Mittsommer» am 21.Juni, Geburten, Hochzeiten, Brauchtumsfeste. Das Erdenrad ist aber auch ein Platz, wo die Toten begraben werden.

Also Friedhof und Festplatz in einem. Früher seien Friedhöfe Orte gewesen, an denen sich die Menschen trafen, sagt Hähni. Und diese Vorstellung gefällt ihm. Schon als Kind hat er nicht verstanden, wieso auf dem Gottesacker immer alle leise sein mussten. Er dachte, die Toten hätten es zwischendurch auch gerne ein bisschen lustig. Es stört ihn, dass in der Schweiz und in Deutschland die allermeisten Gräber nach 20 Jahren aufgehoben werden. Er erlebe dies bei der eigenen Schwester und es sei schlimm. «Wie gehen wir mit unseren Toten um?», fragt er sich.

Die Kultstätte nach dem Konzept der Hügelgräber

Die Vision

Das Erdenrad ist eine begehbare, nach alten Traditionen erbaute Begräbnis-, Ritual- und Kultstätte. Sie verbindet Astronomie und Naturverehrung mit der Begräbniskultur und greift eine Jahrtausende alte Tradition wieder auf. Grundlage ist das bauliche Konzept der Hügelgräber.

Die Bauweise

Das Zentrum der Begräbnisstätte markiert ein hoher Steinblock, Menhir genannt. Die Urnen der Verstorbenen werden innerhalb eines Hügelgrabes und in Grabkammern um den Menhir herum platziert. Das Innere des Hügels ist jederzeit begehbar. Den Mittelpunkt des Bauwerks bildet eine grössere Halle mit den strahlenförmig angeordneten Grabkammern.

Die Tierkreise und Licht

Im Grundriss des Hügels sind die zwölf wichtigsten Tierkreiszeichen mittels Steinen und Urnenplätzen abgebildet. Ähnlich der Stundenanzeige auf einem Zifferblatt. Zum Innern des Grabhügels führen von aussen her Lichtschächte. Durch sie dringt das Sonnen- und Mondlicht ins Zentrum.

Der Kult- und Festplatz

Im südlichen Teil der Anlage befindet sich der Fest- und Gedenkplatz. Hier kommen die Menschen zusammen, um zu feiern. Denkbar sind Jahreszeitenfeste, Verlobungen, Hochzeiten, Taufen, spirituelle Feiern, aber auch Beerdigungen oder Brauchtumsfeste.

Das Element Wasser

Wasser hat eine hohe Symbolkraft, deshalb ist es ein wichtiger Bestandteil des Erdenrades. Wasser bedeutet Leben, Fruchtbarkeit und Wachstum. Möglich seien ein Bach, ein Weiher oder eine Quelle.

Die Steine

Im Erdenrad wird mit exakt eingemessenen und gesetzten hohen Steinblöcken, den sogenannten Menhiren, ein Kalender geschaffen. Diese Steine sind auf die Jahreszeiten und zu den Sonnen- und Mondaufgängen ausgerichtet. Sie sollen es auf diese Weise auch dem astronomischen Laien ermöglichen, den Jahreszyklus zu verfolgen. Dazu kommen Steine für Rituale, etwa Initiationssteine mit Fussabdrücken.

Der Kinderbaum

Im nördlichen Teil der Anlage sollen ausgewählte Bäume stehen. Es wird auch einen Wunschbaum – der mit Stoffbändern behängt werden kann – geben, einen Kinderbaum und einen Genesungsbaum.

Das Baumaterial

Das gesamte Tragwerk wird aus dauerhaftem Naturstein wie Granit erstellt. Es werden keine künstlichen Stoffe oder Bindemittel wie Mörtel verwendet, auch kein Stahl.

Ihm ist es wichtig, das kulturelle Erbe der Ahnen weiterzuführen. In seinem Erdenrad ist aber auch Platz für vielerlei Rituale. Nach dem Vorbild alter Tradition soll es Rutsch- oder Kinderbring-Steine geben, Genesungs- und Wandlungsbäume, durch die man schlüpfen kann.

Davon könnten sich auch dubiose esoterische Kreise angezogen fühlen, doch das macht ihm keine Angst. Er selber würde sich zwar nicht als Esoteriker bezeichnen. Er sagt:

«Mir ist vor allem wichtig, dass die Menschen friedlich sind und Respekt voreinander haben.»

Das schafft er nicht alleine

Das Erdenrad ist eine kühne Vision. Allein schon aufgrund der Dimensionen. Zwei bis drei Hektaren Land wären nötig, schätzt Hähni. Und so ein Bauwerk kostet Geld: Für die Luxus-Version rechnet er je nachdem mit 15 bis 20 Millionen Schweizer Franken. Eine redimensionierte Ausgabe würde immer noch mindestens eine Million Franken kosten.

In jedem Fall zu viel, um es alleine zu stemmen. Hähni sucht deshalb Interessierte, um mit ihnen eine Stiftung zu gründen. Noch ist vieles unklar. Wo das Erdenrad stehen soll, zum Beispiel. In der Schweiz dürfte es allein aufgrund des Raumbedarfs schwierig sein. «Vielleicht wird es noch eine oder mehrere Generationen brauchen, bis das Erdenrad gebaut wird.» Hähni sieht sich als derjenige, der den Stein ins Rollen bringt. Das hat er gemacht, er hat ein Buch geschrieben. Darin macht er seine Idee öffentlich, illustriert mit handgemalten Skizzen.

Nun wartet er ab, was sich tut. Es wird sich alles ergeben, davon ist Urs Hähni überzeugt. So, wie der Traum plötzlich da war.

Hinweis: «Erdenrad: Wo Geist, Seele, Licht und Materie eins werden», Autor Urs Hähni, kostet 12 Franken. Erhältlich in allen Buchhandlungen.

Archäologe Urs Leuzinger über das Projekt von Urs Hähni: «Eine kleinere Version des Erdenrades könnte machbar sein»

Urs Leuzinger ist Archäologe und erforscht die Pfahlbauer-Hügel im Bodensee. Ihm gefällt die Idee eines Friedhofes nach prähistorischem Vorbild.

Sie haben das Buch von Urs Hähni über das Erdenrad gelesen. Wie gefällt es Ihnen?

Urs Leuzinger. (Bild: Reto Martin)

Urs Leuzinger. (Bild: Reto Martin)

Die Idee, eine Art Friedhof nach Konzepten der Stein- und Bronzezeit zu bauen, finde ich grundsätzlich spannend. Bei den Dimensionen setze ich Fragezeichen. Für die Originalgrösse würde die Fläche von mehreren Fussballfeldern benötigt. Eine kleinere Version könnte ich mir vorstellen.

Das Konzept enthält sehr viele esoterische Gedanken. Was halten Sie davon?

Esoterik ist nicht meine Welt. Darüber, was Urs Hähni glaubt, masse ich mir jedoch kein Urteil an.

«Mir gefällt das Prinzip, dass ein Architekt versucht, Elemente aus dem prähistorischen Totenkult in die jetzige Zeit zu übertragen.»

Ich könnte mir vorstellen, dass dies Menschen anspricht, die nicht oder nicht mehr religiös sind.

Interpretiert er die prähistorischen Zusammenhänge richtig?

Wissenschafter sind immer vorsichtig. Nur, was sich beweisen lässt, gilt als gesichert. Ein Amateur kann dagegen frei interpretieren, das ist natürlich viel attraktiver. Auch wir Archäologen können nicht jeden Code knacken. Wenn die Archäologie nicht mehr weiter kommt, fällt meistens der Begriff «kultisch».

Ist nicht alles bewiesen, was im Erdenrad über keltisches Brauchtum steht?

Nirgendwo in der Geschichte klaffen Wirklichkeit und Fantasie so weit auseinander wie bei den Kelten. Man kann von einer eigentlichen «Keltomanie» sprechen. Ich habe das einmal für den Bodensee erforscht. Viel angeblich keltisches Brauchtum stammt von irischen und schottischen Mönchen. Das Baumhoroskop zum Beispiel ist Anfang des 20.Jahrhunderts entstanden. Aber das spielt für Hähnis Projekt auch keine grosse Rolle.

Würden Sie Hähni helfen, wenn er Sie um archäologischen Rat fragen würde?

Selbstverständlich, ich würde ihm Fotos und Informationen zur Verfügung stellen.

Könnten Sie sich vorstellen, sich im Erdenrad begraben zu lassen?

Es ist jetzt nicht meine erste Priorität. Aber wenn er es schafft, es bis zu meinem Ableben fertig zu stellen – Why not? Die Vorstellung, unter einem Granitdolmen begraben zu sein, ist nicht so schlecht. Unter ästhetischen Gesichtspunkten finde ich das Projekt sehr ansprechend.

Sie untersuchen auch eine Art Stonehenge im Bodensee. Haben Sie den Code schon geknackt?

Wir wissen, dass die Hügel im Bodensee aus der Jungsteinzeit der Pfahlbauer stammen, also 3600 bis 3400 vor Christi Geburt. Damals war der Seespiegel noch tiefer. Der durchschnittliche Stein, mit dem die Hügel aufgeschichtet sind, ist nur 14,5 Zentimeter gross, aber die Ausmasse sind riesig. Im See befinden sich 170 Hügel auf einer Länge von 10 Kilometern. Wozu genau sie gedient haben, werden wir vielleicht nie herausfinden.

Was ist Ihre Interpretation?

Vielleicht fanden dort Totenrituale statt. Es könnte auch eine Landmarkierung gewesen sein. Um diese zigtausend Tonnen Steine zu bewegen, muss auf jeden Fall eine Gruppe von Menschen gemeinsam am Werk gewesen sein.

Stimmt es, dass man fast keine Gräber der Pfahlbauer in unserer Gegend gefunden hat?

Das stimmt und es würde dafür sprechen, dass die Steinhaufen für Totenrituale aufgeschichtet worden sind.

«Vielleicht wurden die Toten auf die Hügel gelegt, um sie dann vom Wasser wegspülen zu lassen.»

Aber, ob wir jemals einen Beweis dafür finden, ist äusserst fraglich.

Was wird von unserer jetzigen Kultur übrig bleiben?

In zweitausend Jahren wird man nur noch sehr wenig von uns finden. Sandhaufen mit Glassplittern wahrscheinlich. Unsere ganzen schönen Betonbauten sind dann zerfallen, das Metall ist verrostet. Auch die Bücher und die ganze digitale Welt sind weg, wenn es keinen Strom mehr gibt. Ab und zu findet man dann vielleicht noch etwas aus Gold, einen Ehering oder eine Plakette.

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