Kanton Thurgau hilft Winterthurer Frauenhaus durch ungewisse Zukunft

Thurgauerinnen, die sich vor gewalttätigen Ehemännern in Sicherheit bringen müssen, finden Zuflucht im Frauenhaus Winterthur. Doch dessen finanzielle Zukunft ist ungewiss. Der Kanton Thurgau will helfen.

Larissa Flammer
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Erfährt eine Frau in ihrer Partnerschaft Gewalt, bietet das Frauenhaus Schutz und Beratung. (Bild: Fotolia)

Erfährt eine Frau in ihrer Partnerschaft Gewalt, bietet das Frauenhaus Schutz und Beratung. (Bild: Fotolia)

Im Budget 2019 der Stadt Winterthur steht beim Punkt «Zukünftige Massnahmen und Projekte»: «Überprüfung der Defizitgarantie für das Frauenhaus Winterthur». In einem Interview mit dem «Landbote» warnte die Co-Leiterin des Frauenhauses kürzlich davor, dass mit dem Wegfall der Defizitgarantie das Angebot bedroht sei.

Wie sich die Situation in Winterthur entwickelt, ist auch für den Thurgau wichtig, weil der Kanton mit dem Frauenhaus eine Leistungsvereinbarung hat. Jährlich zahlt der Thurgau einen Sockelbeitrag von 15'000 Franken. Dafür finden im Haus an einem geheim gehaltenen Standort in Winterthur auch Thurgauerinnen mit ihren Kindern in Notsituationen Schutz vor dem gewaltbereiten Ehemann.

In den vergangenen vier Jahren waren es durchschnittlich sieben Frauen und zehn Kinder jährlich. Hinzu kommen diverse telefonische Beratungen und daraus resultierende Vernetzungen mit verschiedenen Fachstellen im Kanton, zum Beispiel der Opferhilfe. Ein eigenes Frauenhaus gibt es im Thurgau nicht.

Mehrfach wollten Thurgauer Gemeinden nicht zahlen

Das Frauenhaus finanziert sich hauptsächlich durch die Kantonsbeiträge und die Opferhilfe. Bleiben Frauen länger als 30 Tage, werden zudem ihre Wohngemeinden zahlungspflichtig. Doch gerade im Thurgau ist das schon länger ein Problem. Sarah Bon vom Vorstand des Vereins Frauenhaus sagt:

«Die Zusammenarbeit mit den Sozialämtern verschiedener Gemeinden im Thurgau gestaltet sich schwierig.»

Mehrmals ging der Verein schon wegen nicht finanzierter Dienstleistungen von Thurgauer Gemeinden vor Gericht. «Zweimal wurde in den letzten Jahren zu unseren Gunsten entschieden.»

Die Einnahmen des Frauenhauses hängen nicht nur von der Zahlungsmoral der Gemeinden ab, sondern vor allem von der Belegungsdichte. Da diese schwankt, dient bisher die Defizitgarantie der Stadt Winterthur in der Höhe von 300'000 Franken als Sicherheit. Sarah Bon sagt: «Die Stadt erachtet die Defizitgarantie als nicht mehr zeitgemäss. Es ist aber noch kein Entscheid gefallen.»

Das Vorstandsmitglied ist überzeugt, dass eine Anschlusslösung gefunden und das Angebot in Winterthur wie bisher weitergeführt wird. Wie die Lösung aussehen könnte, sei noch offen.

«Unsere Gesprächspartnerinnen sind daran interessiert, eine zukunftsfähige Lösung zu entwickeln.»

Thurgau will Beitrag verdoppeln

Auch der Kanton Thurgau ist bereit, seinen Teil zu einer Lösung beizutragen. Die Thurgauer Sicherheitsministerin Cornelia Komposch betont auf Anfrage: «Das Frauenhaus Winterthur ist für den Kanton Thurgau wichtig.»

Im März dieses Jahres hat das Departement für Justiz und Sicherheit dem Regierungsrat im Hinblick auf das Budget 2019 beantragt, den Beitrag des Kantons an das Frauenhaus auf 30'000 Franken pro Jahr zu erhöhen. Diese Erhöhung steht unter dem Vorbehalt der Genehmigung durch den Grossen Rat. Der Vorschlag der Verdoppelung des Beitrags erfolgte auch vor dem Hintergrund des Inkrafttretens der Istanbuler Konvention, wie Komposch sagt. Die Schweiz und damit auch die Kantone haben sich unter anderem verpflichtet, Schutzplätze für Opfer häuslicher Gewalt bereitzustellen.

In Frauenhäusern gibt es 300 Plätze – gefordert sind 850

Im Herbst 2013 unterzeichnete die Schweiz das Istanbuler Abkommen des Europarats zur Verhütung von Gewalt gegen Frauen. Im April 2018 trat dieses hierzulande in Kraft. Damit verpflichtete sich die Schweiz unter anderem dazu, mindestens einen Betreuungsplatz pro 10000 Einwohner für Opfer von häuslicher Gewalt einzurichten. Für die etwa 8,5 Millionen Schweizer wären das dementsprechend etwa 850 Plätze. Gemäss einem Schreiben der Dachorganisation der Frauenhäuser gab es diesen Sommer landesweit erst knapp 300 Plätze. Die Organisation fordert unter anderem eine kantonsübergreifende Strategie gegen Gewalt an Frauen und Kindern und gegen häusliche Gewalt.

Die Regierungsrätin sagt:

«Der Kanton Thurgau möchte auf das Frauenhaus Winterthur und die Zusammenarbeit nicht verzichten, weswegen mit der Verdoppelung des Beitrages einen Teil zur Aufrechterhaltung des Hauses erbracht wird.»