Thurgau
«Neustart», «Mehr Ruhe», «Alte Geschichten endgültig beerdigen»: Politiker begrüssen Rücktritt von PH-Rektorin Priska Sieber

Priska Sieber, Rektorin der Pädagogischen Hochschule Thurgau, tritt im laufenden Jahr zurück. Einen Zusammenhang mit der Causa Begemann, welche die Hochschule 2018 erschüttert hatte, verneint sie. Politiker, die bei der PHTG seit Jahren genau hinschauen, sehen darin den endgültigen Schritt zur Beruhigung an der Lehrerschmiede.

Hans Suter und Sebastian Keller
Drucken
Teilen
Priska Sieber, Rektorin der Pädagogischen Hochschule Thurgau.

Priska Sieber, Rektorin der Pädagogischen Hochschule Thurgau.

Bild: PHTG

Die Pädagogische Hochschule Thurgau (PHTG) hat turbulente Jahre hinter sich. Anhaltende Differenzen zwischen der Rektorin Priska Sieber und dem Prorektor Lehre führten zum Eklat an der Kreuzlinger Lehrerschmiede. Der Höhepunkt: Der Hochschulrat entliess Matthias Begemann, der auch Vizerektor war, im November 2018. Auf dem Campus in Kreuzlingen brodelte es. Mitarbeiter schrieben Protestbriefe, einige kündigten gar. Das Ausscheiden Begemanns führte – unter politischem Druck – zu einer Untersuchung durch eine parlamentarische Kommission. Diese zeigte das Problem in Hochschulleitung und -rat auf, benannte Ross und Reiter.

Am Donnerstagmorgen nun gab die PHTG bekannt, dass die Rektorin per 1. Dezember 2021 zurücktrete. Sie führt die einzige Hochschule auf Thurgauer Boden seit Februar 2012.

Sebastian Wörwag präsidiert seit Juni 2020 den Hochschulrat der PH Thurgau.

Sebastian Wörwag präsidiert seit Juni 2020 den Hochschulrat der PH Thurgau.

Bild: Urs Bucher

Zur Vorgeschichte findet sich in der offiziellen Mitteilung aus Kreuzlingen keine Zeile. Dennoch stellt sich die Frage: Gibt es einen direkten oder indirekten Zusammenhang zu den Vorfällen von 2018 und 2019? «Gerüchte sind schwer hervorsehbar», sagt Sebastian Wörwag, seit Juni 2020 Präsident des Hochschulrats, auf Anfrage.

«Aus meiner Sicht und soweit mir bekannt, lässt sich das verneinen.»

Er sei schon seit längerem im Gespräch mit Priska Sieber. «Sie hat frühzeitig und schon lange vor dem Konflikt angedeutet, dass sie eine zehnjährige Amtszeit anstrebe», sagt Wörwag. Den Zeitpunkt des Rücktritts bezeichnet er sogar als «gut gewählt». Denn dieser markiere zugleich das Ende der institutionellen Akkreditierungsphase, wie sie alle Hochschulen über externe Prüfung und Evaluation zu bestehen haben.

«Der Zeitpunkt wurde mit Bedacht gewählt.»

Auch sei der Hochschulrat dankbar, dass Sieber ihren Rücktritt bereits frühzeitig bekanntgegeben habe. «Für die Neubesetzung der doch sehr wichtigen Stelle der Rektorin oder des Rektors braucht es genügend Zeit», sagt der Präsident des Hochschulrats. «Ich bin dankbar, dass sie uns diese Zeit gibt.»

«Es ist ganz lange geplant»

Priska Sieber selber sagt: «Ich hatte mir bei meinem Stellenantritt vorgenommen, rund zehn Jahre als Rektorin tätig zu sein.» Sie begründet dies mit dem Konsolidierungsauftrag, den sie bei ihrer Einsetzung als Rektorin vom Hochschulrat erhalten habe. Einer von drei Schwerpunkten habe die Lösung infrastruktureller Fragen dargestellt, was mit dem Bezug des realisierten Erweiterungsbaus gelungen sei.

Ein zweiter sei gewesen, die schnell gewachsene Hochschule so weiterzuentwickeln, dass die Organisation der neuen Grösse und dem vierfachen Leistungsauftrag einer Hochschule in all ihren Dimensionen entspreche. Auch hier sei mit der Einrichtung eines neuen Prorektorats und einer Mitwirkungsorganisation vergangenes Jahr ein wichtiger Schritt gelungen.

Der dritte Schwerpunkt betreffe die institutionelle Akkreditierung. «Wir gehen davon aus, dass wir diese bis Ende Jahr erhalten haben.» Damit sehe sie ihren Auftrag als erfüllt. Das sei der ideale Zeitpunkt zum Rücktritt, zumal 2022 bereits die Arbeit für die nächste Strategiephase an der PHTG beginne. «Da ist es gut, wenn die neue Leitung von Anfang an dabei ist», sagt Sieber und fügt hinzu: «Es ist ganz lange geplant.»

Wechsel per 1. Dezember 2021

Kritische Stimmen meinen, beim Rücktritt Siebers wirke der Knatsch an der PHTG mit der Freistellung von Prorektor Matthias Begemann nach. Insbesondere der Umstand, dass mit Matthias Fuchs vom Hochschulrat ein Kritiker Siebers zum Nachfolger Begemanns gewählt worden sei.

«Nein, das hatte überhaupt keinen Einfluss auf meinen Entscheid», sagt Sieber und verweist erneut darauf hin, dass ihre Planung viel weiter zurückreiche. Dass es in der Hochschulleitung sehr unterschiedliche Personen gebe, verstehe sich von selbst und sei eine Chance. Sie wäre wohl am falschen Ort, wenn sie das als problematisch empfinden würde. «Ich habe 270 Mitarbeitende, diese sind sehr vielfältig und ausgesprochen spannend», sagt sie.

«Genau das liebe ich an diesem Job. Professorinnen und Professoren sind spezielle, spannende Leute. Das gefällt mir.»

Bezüglich der Wahl von Fuchs fügt sie hinzu: «Ich arbeite gerne mit Matthias Fuchs, er macht einen guten Job.»

Priska Sieber wird die PHTG am 28. Februar 2022 verlassen, ihr Amt als Rektorin aber bereits per 1. Dezember an ihre Nachfolge übergeben. Bis zu ihrem Austritt werde sie noch einige Projekte zu Ende führen, die im Zuge der Coronapandemie mit all ihren unerwarteten Herausforderungen eine Verzögerung erfahren hätten. Und sie hofft, die Hochschule bis Ende Jahr wieder in einen Präsenzunterricht führen zu können.

Stimmen aus der Politik

Ueli Fisch, Kantonsrat GLP (Ottoberg).

Ueli Fisch, Kantonsrat GLP (Ottoberg).

Bild: Reto Martin

Einige Politiker, die sich damals um eine lückenlose Aufklärung der Vorgänge bemüht hatten, sagen, ein Zusammenhang sei zumindest nicht auszuschliessen. Kantonsrat Ueli Fisch (GLP, Ottoberg) sagt: «Spontan kommt mir natürlich schon die Vermutung auf, dass sie persönlich genug hat.» Vielleicht habe auch der neue Präsident des Hochschulrates auf eine neue Personalie hingearbeitet. Fisch ist guten Mutes, dass durch diesen Schnitt «die alten Geschichten endgültig beerdigt werden können». In seiner Aussenwahrnehmung sei es jüngst ruhig um die PH geworden. Er meint das positiv.

Franz Eugster (CVP, Bischofszell).

Franz Eugster (CVP, Bischofszell).

Bild: PD

«Ich weiss nicht, ob ihr Rücktritt mit dem Fall Begemann zusammenhängt.» Das sagt Kantonsrat Franz Eugster (CVP, Bischofszell). Es sei aber «ein Schritt, der mithilft, dass in der PH noch mehr Ruhe einkehrt». Sinnvoll sei es, dass die Rektorin vor ihrem Ausscheiden die Akkreditierung ins Ziel bringe.

Peter Dransfeld (GP, Ermatingen).

Peter Dransfeld (GP, Ermatingen).

Bild: Donato Caspari

Peter Dransfeld (GP, Ermatingen) hatte sich wie kein Zweiter dafür eingesetzt, dass die Vorgänge aufgeklärt werden. Fragen nach einem Zusammenhang seien ihm nach der Lektüre der Medienmitteilung auch in den Sinn gekommen. Nun sagt er: «Ich gehe davon aus, dass ihr Weggang ein wesentlicher Schlüssel zur Lösung der Schwierigkeiten ist.» Dann fügt er noch hinzu:

«Vielleicht ist damit ein Kapitel Thurgauer Filz endgültig abgeschlossen.»
Hermann Lei (SVP, Frauenfeld).

Hermann Lei (SVP, Frauenfeld).

Bild: Reto Martin

Hermann Lei (SVP, Frauenfeld) sagt: «Es ist zu hoffen, dass die Unsicherheit, die durch den erzwungenen Abgang von Prorektor Begemann an der PHTG entstand, nun durch den Rücktritt der Rektorin ein Ende findet.» Insofern schaue er hoffnungsfroh in die Zukunft und zähle darauf, dass «der Hochschulrat ein gutes Händchen bei der Neubesetzung» habe.

Kantonsrat Dominik Diezi (CVP, Stachen), der damals die Affäre als Vizepräsident der Geschäftsprüfungs- und Finanzkommission (GFK) ausgearbeitet hatte, nimmt zur neuen Entwicklung in Kreuzlingen keine Stellung: «Mit der Erstattung des Berichtes ist die Sache für uns erledigt.» Diezi präsidiert unterdessen die GFK. Laut Kantonsrat Fisch habe diese weiterhin die Aufgabe, bei der PH genau hinzuschauen. Der GLP-Fraktionschef sagt: «Die PH muss gegenüber der GFK transparent sein.» Im Moment habe er keinen Hinweis, dass dem nicht so sei.

Suche nach geeigneter Nachfolge

Wie sieht das weitere Vorgehen aus? «Wir versuchen, die Stelle auf den
1. Dezember 2021 neu zu besetzen», sagt Hochschulratspräsident Sebastian Wörwag. Der Hochschulrat setze alles daran, eine geordnete Übergabe zu ermöglichen und eine Interimsphase zu vermeiden. Die Anforderungen haben sich laut Wörwag in den vergangenen Jahren wenig verändert. «Sie sind praktisch die gleichen wie vor zehn Jahren bei der Wahl von Priska Sieber.» Als wesentliche Anforderungen nennt Wörwag Führungserfahrung, akademische Erfahrung und Praxiserfahrung – «also ein weitreichendes Erfahrungsprofil».

Und wie geht es für Priska Sieber ab dem 1. März 2022 weiter? Sie reise sehr gerne, was in den vergangenen Jahren aber oft zu kurz gekommen sei, gesteht sie. «Ich plane eine grössere Reise ab März.» Dass sie bis dahin die Hochschule gut aufgestellt übergeben könne, erfülle sie mit Zufriedenheit.

Aktuelle Nachrichten