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Thurgau muss weiter Stipendien für Wiler KV-Privatschule zahlen

Nach der Aufhebung der Handelsmittelschule Frauenfeld strich das Erziehungsdepartement Stipendien für KV-Privatschulen. Dazu habe er gar keine Kompetenz, meint das Verwaltungsgericht und heisst die Beschwerde eines Schülers der Wiler Wios gut.
Thomas Wunderlin
Schüler der Privatschule Wios in Wil und Kreuzlingen können weiterhin mit Stipendien rechnen. (Bild: Archiv)

Schüler der Privatschule Wios in Wil und Kreuzlingen können weiterhin mit Stipendien rechnen. (Bild: Archiv)

2017 schloss der Kanton Thurgau die Handelsmittelschule an der Kantonsschule Frauenfeld mangels Nachfrage. Innert sieben Jahren war die Zahl der Absolventen von 141 auf 59 gesunken. Gleichzeitig beschloss die Regierung, private KV-Schulen nicht mehr mit Stipendien zu fördern.

«Man hat festgestellt, dass es sehr viele kaufmännische Ausbildungsplätze gibt», sagt Claudia Keller, Abteilungsleiterin im Amt für Mittel- und Hochschulen im Departement für Erziehung und Kultur (DEK). «Da hat man sich gefragt, ob es noch sinnvoll ist, Privatschulen mit Stipendien zu fördern.»

Schüler wehrt sich erfolgreich

Allerdings gibt das kantonale Stipendiengesetz dem Regierungsrat gar nicht die Kompetenz, den Anspruch auf Stipendien für eine private KV-Schule grundsätzlich auszuschliessen. Dieser Ansicht ist das Thurgauer Verwaltungsgericht gemäss einem Urteil (VG.2018.102/E) vom 20. Februar 2019, das vom DEK nicht weitergezogen worden ist.

Erwirkt hat es ein Thurgauer, der sich von 2018 bis 2021 an der Wiler Privatschule Wios zum Kaufmann EFZ ausbilden lässt. Sein Stipendiengesuch vom 6. April 2018 wurde vom Amt für Mittel- und Hochschulen abgelehnt.

Das DEK wies seinen Rekurs am 3. August 2018 ab, worauf er ans Verwaltungsgericht gelangte. Dieses hat sein Gesuch zur Neubeurteilung ans DEK zurückgewiesen. Das Stipendiengesetz verlange lediglich, dass die betreffende Ausbildungsstätte vom Standortkanton anerkannt sein muss, heisst es in der Urteilsbegründung.

Letzter Schultag an der Kantonsschule Frauenfeld: Das Ende der Handelsmittelschule wurde 2017 besiegelt. (Bild: Nana do Carmo)

Letzter Schultag an der Kantonsschule Frauenfeld: Das Ende der Handelsmittelschule wurde 2017 besiegelt. (Bild: Nana do Carmo)

Bei der Wios scheint das der Fall zu sein. Gemäss Urteil wird sie vom Amt für Berufsbildung des Kantons St. Gallen unter den privaten Fachschulen mit kantonaler Anerkennung aufgeführt. Das Verwaltungsgericht stellt es dem DEK frei, diesbezüglich weitere Abklärungen vorzunehmen.

Privatschule unterstützt Beschwerden

Wie aus dem Urteil hervorgeht, beteiligte sich die Wios finanziell an den Kosten des juristischen Beistands. Weitere vier Schüler reichten einen gleichlautenden Rekurs beim Verwaltungsgericht ein. In seiner Stellungnahme ans Verwaltungsgericht erklärte das DEK, die Privatschule führe «eine rechtliche Kampagne» gegen die Änderung der Stipendienverordnung, was von der Gegenseite bestritten wurde.

Das DEK wies weiter daraufhin, dass im Thurgau keine Knappheit an KV-Lehrstellen bestehe. Im Herbst 2018 seien neun KV-Lehrstellen offen gewesen, «dies notabene nachdem die meisten Lehrstellen bereits vergeben» waren. Bei der Selektion durch das Bewerbungsverfahren werde die Eignung der Lehrlinge für die spätere Berufstätigkeit überprüft. Es solle nicht jemand für einen Beruf ausgebildet werden, für den er nicht geeignet sei.

Für andere Berufe hat der Kanton Thurgau laut Abteilungsleiterin Keller weiterhin vereinzelte Ausbildungen an Privatschulen unterstützt: Beispielsweise Ausbildungen als Informatiker, da diese Fachleute sehr gesucht seien.

KV-Stifte müssen Deutsch beherrschen

Nicht jeder findet eine KV-Lehre, sagt Keller. Manche Interessenten erfüllten die Anforderungen nicht: «Viele haben beispielsweise schlechte Noten in Deutsch und wollen trotzdem unbedingt eine kaufmännische Lehre absolvieren.» Von den drei möglichen Niveaus einer KV-Lehre schliessen auf den Privatschulen nach ihrer Erfahrung die meisten Schüler mit dem Basisprofil B ab, einzelne mit dem erweiterten Profil E, niemand aber mit dem Profil M, der Berufsmatur.

Die Wios-Schüler schliessen im Durchschnitt je zur Hälfte mit den Profilen E und B, teilt Wios-Sprecher Maurice Altwegg mit. Im E-Profil liege der Schwerpunkt auf Wirtschafts- und Sprachfächern, im B-Profil stünden IT- und Kommunikationskompetenzen im Vordergrund. «Einzelne Wios-Absolventen» besuchen laut Altwegg anschliessend «regelmässig erfolgreich die Berufsmaturitätsschule, was ihnen wiederum neue berufliche Perspektiven eröffnet».


Die fünf Gesuche werden jetzt bearbeitet

Die fünf zunächst abgewiesenen Stipendiengesuche werden laut Abteilungsleiterin Keller zurzeit bearbeitet. Offen ist, wie viele Stipendien die Gesuchsteller erhalten werden. Das Gesetz verlangt, dass «auf die kostengünstigste Ausbildung» abzustellen ist, wenn mehrere Ausbildungswege zum Ziel führen. Im Vergleich zu einer KV-Lehre, wo der Lehrling einen Lehrlingslohn erhält, kommt eine kaufmännische Privatschule erheblich teurer.

Nach Angaben des Wios-Sprechers Altwegg betragen die Gesamtkosten für die kaufmännische Ausbildung EFZ rund 34000 Franken; während des 12-monatigen Praktikums erhielten die Absolventen einen Praktikumslohn von 12000 bis 24000 Franken.

Privatschule wirft Regierung
soziale Diskriminierung vor

Die Privatschule Wios bezeichnet die Streichung der Stipendien als eine «unverhältnismässige und diskriminierende Bildungssparmassnahme zu Lasten der sozial schwächer gestellten Personen». Wie Wios-Vertreter Maurice Altwegg schreibt, hat der Bund ein grosses Interesse an der Förderung des dualen Bildungssystems und «schätzt die Initiative von privaten Bildungsanbietern».

Auch der Thurgau habe sich mit dem Beitritt zum Stipendienkonkordat «für eine Vielfalt der Ausbildungswege» ausgesprochen. Darin sei festgelegt, dass die freie Wahl anerkannter Ausbildungen durch die Stipendienvergabe nicht eingeschränkt werden dürfe. «Der Thurgauer Regierungsrat sollte dies nicht ausser Acht lassen und eine vielfältige Bildungslandschaft nicht derart bekämpfen.» Die Wios Bildungszentrum AG mit Ableger in Wil und Kreuzlingen ist 2016 aus der Fusion der Wilingua und der Ortega Wil entstanden.

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