Thurgau
Mit Hühnern gegen die Schnecken: Hobbybauern erproben Permakultur

Die «Freakfarm» bei Sulgen zieht Gemüse ohne Kunstdünger; Mischkulturen unterstützen sich gegenseitig.

Judith Schuck
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Bauzaun als Kletterhilfe: Jonas Portmann (vorne) und Roland Künzle setzen Gurken.

Bauzaun als Kletterhilfe: Jonas Portmann (vorne) und Roland Künzle setzen Gurken.

Bild: Judith Schuck

Ursprünglich wollte Remo Zingg den Hof seiner Eltern nur zur Selbstversorgung nutzen. 2013 machte er erste Versuche im Gemüseanbau. Dank Zahlungsüberschüssen kam der Wunsch auf, verpachtetes Land wieder in der Familie zu bewirtschaften.

2018 wurde diese Fläche an die Zinggs zurückgeführt und die Nutzfläche als landwirtschaftlicher Betrieb anerkannt. Im selben Jahr startete die Umstellung auf Bio. Seit 2019 können Gemüseabos bezogen werden, durch die man 26 Wochen pro Jahr frisches Gemüse nach Hause geliefert bekommt.

Ein Hofladen öffnete zum 1. Juni seine Türen. Das Geheimnis des Erfolgs: der Verzicht auf Kunstdünger und Pestizide. Dafür setzen die «Freakfarmer» auf alte Sorten in Mischkulturen, die sich gegenseitig im Wachstum unterstützen.

Keine gelernten Landwirte im Team

«Freaks» nannten sie die Leute, denn ihr Konzept der Permakultur hatte für die umliegenden Landwirte einen alternativen Beigeschmack. Hinzu kommt, dass kein Mitglied des Teams gelernter Landwirt ist.

Zum Kernteam des in Donzhausen bei Sulgen angesiedelten Projekts gehört Jonas Portmann. Er lernte Zingg in der Finanzbranche kennen. «Für uns hat der Job längerfristig einfach nicht gepasst», erzählt Portmann. «Der Verdienst ist gut, aber Ethik und Nachhaltigkeit sind zu hinterfragen.»

Wie Remo sei er naturnah aufgewachsen. Sie belegten einen Permakulturgrundkurs, probieren viel aus, wälzen Bücher und lernen aus ihren Erfahrungen. Portmann sagt:

«Dass wir auf dem richtigen Weg sind, merken wir vor allem am Boden.»

Früher sei er viel schwerer gewesen. Jetzt werde er von Jahr zu Jahr lockerer. Um den Boden nährstoffreich zu machen, düngen sie mit Brennnesseljauche und mulchen ihn.

Durch das Mulchen werde nicht nur Unkraut unterdrückt, sondern auch die Wärmezirkulation reguliert. Würde der Boden zu heiss, stürben Mikroorganismen und Insekten in den oberen Schichten. Diese sind aber nützlich, weiss Portmann, der noch 100 Prozent als ITler arbeitet und die Farm als zeitintensives Hobby betrachtet. Zur Schneckenbekämpfung werden Hühner und Laufenten eingesetzt.

Zingg möchte bis in zwei Jahren, wenn weitere sieben Hektaren Pachtland an die Familie zurückgehen, voll von der Landwirtschaft leben können. Portmann stellt den Verdienst hinten an:

«Ich will hier etwas für die Zukunft aufbauen. Unser Ziel ist es, denen rundum aufzuzeigen, dass es funktioniert.»

«Wir stecken hier auch noch in der Entwicklung. Letztes Jahr haben wir gemerkt, dass auf jedem Feld irgendein Kohl gewachsen ist. Künftig wollen wir mehr auf die Fruchtfolge achten», ebenfalls eine Methode, den Boden zu verbessern und Schädlinge zu vermeiden.

Es sind immer wieder Fehler, aus denen sie lernen: In einem Beet ist eine ganze Reihe Kohlräbli aufgeplatzt. «Das kommt wohl vom unregelmässigen Wachstum.» Wichtig seien Kenntnisse, wie die Pflanzen funktionierten. Geben sie viel Stickstoff in den Boden ab wie Bohnen und Erbsen, oder sind es Starkzehrer, die davon viel brauchen, wie Tomaten oder Zucchetti? Gibt es Blumen oder Kräuter, die in guter Nachbarschaft mit einem Gemüse leben?

«Wir sind uns bewusst, dass unser Gemüse nicht immer aussieht wie bei der Migros. Wenn wir Salat ernten, sortieren wir da nicht die Schnecken raus. Ich verstehe die Leute, die sagen, das wollen wir nicht.»