Thurgau
Der Zeitpunkt einer Tat ist nicht massgebend: Fischinger Missbrauchsopfer kommt der Opferhilfe ein Stück näher

Walter Nowak, der als Kind von einem Pater missbraucht wurde, hat am Thurgauer Obergericht einen Erfolg erzielt.

Thomas Wunderlin
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Walter Nowak besuchte die Schule des Vereins St.Iddazell in Fischingen.

Walter Nowak besuchte die Schule des Vereins St.Iddazell in Fischingen.

Bild: Nana Do Carmo / TZ

Der Zeitpunkt einer Tat ist nicht massgebend dafür, ob ein Opfer eine Entschädigung gemäss dem Opferhilfegesetz erhalten kann. Vielmehr kommt es darauf an, wann das Opfer erkennen konnte, dass es an den Spätfolgen einer Straftat leidet.

Das Thurgauer Obergericht vertritt diese Auffassung in einem Urteil vom 16. September 2020, das der «Beobachter» am Donnerstag publik machte. Damit schickt das Obergericht den Fall von Walter Nowak zurück ans Bezirksgericht, der als Kind in der Zeit vor 1972 von einem Fischinger Pater misshandelt wurde.

Nowak: Kinder mussten im Winter nackt exerzieren

Gemäss Nowaks Ausführungen, die im Urteil zitiert werden, liess der Pater die Kinder gern im Winter im Klosterhof nackt exerzieren und eine Nacht lang auf einem Vierkantlineal knien. Auch schickte er Jugendliche bis zu zehn Tage in eine Dunkelkammer.

Der Pater schlug beim Duschen die Kinder immer wieder mit einem Wasserschlauch auf die nackten Hintern. Manchmal führte er Nowak einen Schlauch anal ein und griff ihm ans Glied. Der verängstigte Bub kam in die Psychiatrische Klinik Münsterlingen, wo ihm Psychopharmaka verschrieben wurden.

Als Erwachsener litt Nowak unter Depressionen, neurotischen Verhaltensstörungen und körperlichen Beschwerden; zu Bekämpfung seiner Schmerzen wurde ihm 2003 eine Morphiumpumpe eingesetzt.

Nowak fordert 220'000 Franken

Nowak verlangte am 8. Januar 2013 vom Bezirksgericht Kreuzlingen, ihm eine Entschädigung von 150'000 Franken und eine Genugtuung von 70'000 Franken zuzusprechen. Das Bezirksgericht Münchwilen übernahm den Fall, da es für Fischingen zuständig ist.

Nowak beantragte, das Verfahren zu sistieren, bis seine Strafklage gegen den Fischinger Pater entschieden sei. Mit der Strafklage hatte er keinen Erfolg. Zuletzt wies sie der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Strassburg am 8. Dezember 2015 ab. Nowak respektive sein Anwalt informierte das Bezirksgericht erst im Mai 2019 nach mehreren Fristerstreckungen über diesen Entscheid.

Das Bezirksgericht entschied daraufhin am 26. September 2019, sein Opferhilfegesuch abzuweisen. Dabei ging es von der älteren Fassung des Opferhilfegesetzes aus, wonach ein Opfer innert zwei Jahren nach Kenntnis der Straftat ein Gesuch stellen müsse. Nowak habe immer von den sexuellen Übergriffen gewusst.

Das Obergericht geht von der seit 2009 geltenden fünfjährigen Verjährungsfrist aus und beruft sich auf die Praxis des Bundesgerichts, das als Ergebnis einer längerfristigen Entwicklung im Opferhilferecht eine «opferbezogene Perspektive» einnehme. Erwähnt wird der Fall einer Frau, die 1993 in Brasilien vergewaltigt wurde. 1997 wurde bei ihr Aids diagnostiziert – fünf Monate später stellte sie ein Opferhilfegesuch, womit sie laut Bundesgericht die Frist gewahrt hatte.

Bezirksgericht muss Sachverhalt vertieft klären

Das Obergericht unter Leitung seiner Präsidentin nimmt an, dass bei Nowak die Verjährungsfrist erst im Juli 2010 begonnen hat. Damals realisierte er erstmals, dass sein «verpfuschtes Leben», wie er es bezeichnete, mit den Übergriffen in Fischingen zu tun hat. Vorher hatte er es eher seiner Mutter angelastet.

Das Bezirksgericht Münchwilen muss weitere Abklärungen treffen. So muss es prüfen, ob Nowak schon vor 2009 die Ursache seiner Leiden erkannt hat. Denn für die Zeitspanne von 1973 bis 2009 fehlen Unterlagen, insbesondere die IV-Akten.

Zu untersuchen ist, ob überhaupt ein Kausalzusammenhang zwischen Nowaks Leiden und dem Erlebten besteht. Zwar bejaht ein psychiatrisches Gutachten von 2012 diesen Zusammenhang. Der Experte hatte jedoch ebenfalls keinen Einblick in die IV-Akten, die seine Einschätzung relativieren könnten.

Eine aktuelle Diagnose von Nowaks Gesundheitszustand fehlt. Das Obergericht verlangt auch eine präzise Beschreibung der von Nowak «angeblich erlebten strafbaren Handlungen». Dazu sei ein Polizeibericht von 2012 beizuziehen:

«Ausserdem drängt sich dazu eine persönliche Befragung von Walter Nowak auf.»

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