Im Thurgau ist die FDP die grosse Verliererin – Brunners bitterer Abgang

Ein schwarzer Tag für die FDP Thurgau: Wie vor acht Jahren verliert sie ihr einziges Mandat in Bern.

Silvan Meile
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FDP-Nationalrat Hansjörg Brunner muss nach zwei Jahren wieder aus Bundesbern abtreten. (Bild: Reto Martin)

FDP-Nationalrat Hansjörg Brunner muss nach zwei Jahren wieder aus Bundesbern abtreten. (Bild: Reto Martin)

Die Anwesenden der FDP sind einige Schritte zurückgetreten. Es sind die Hochrechnungen, die sie an den Rand des Wahlzentrums gedrängt haben. Denn das Thurgauer Stimmvolk geht an diesem Wahlsonntag auf Distanz mit dem Freisinn. Die Spannung hielt zwar den ganzen Nachmittag an. Es zeichnete sich aber ab, dass die Grünen nach 24 Jahren wieder einen Nationalratssitz holen. Und sie sollten dies auf Kosten der FDP schaffen, obwohl sich darüber viele verwundert die Augen rieben. Denn es wurde hinlänglich angenommen, dass ein allfälliger Sitzgewinn der Grünen zu Lasten der SVP gehen würde.

Um 17.55 Uhr war es dann amtlich: Die grüne Welle spülte tatsächlich den Thurgauer Freisinn aus dem Bundeshaus. Zu viele Wähler hat die FDP verloren. Deshalb muss Hansjörg Brunner nach nur zwei Jahren seinen Posten im Nationalrat schon wieder räumen. Zyniker könnten sagen, dass der Sitz zumindest in Eschlikon bleibt. Denn Kurt Egger von den Grünen führt künftig anstelle von Brunner nach Bern. Beide sind in der Hinterthurgauer Gemeinde zu Hause.

Freisinn kommt unter die Räder der Klimajugend

Hansjörg Brunner ist ins Wahlzentrum nach Frauenfeld gereist, ohne sich auf einen Misserfolg einzustellen. Umso grösser ist deshalb seine Enttäuschung. «Das ist ein bitterer Moment. Ich spüre eine Leere», sagt er. «Ich empfinde es aber nicht als persönliche Ohrfeige.» Die ganze Partei sei unter die Räder gekommen – unter jene der Klimajugend. «In der Klimadebatte haben wir nun den Schwarzen Peter gezogen», sagt Brunner.

Ob er als Gewerbepräsident möglicherweise sein politisches Hauptaugenmerk zu stark auf das Gewerbe ausrichtet habe? Das denkt Brunner nicht. «Ich machte Politik für die FDP.» Er stellt vielmehr in Frage, ob die Unterstützung aus Gewerbekreisen für ihn tatsächlich gross genug gewesen sei.

Nach Erklärungen sucht auch Parteipräsident David H. Bon. Ein Grund des Scheiterns sei, dass ihre Wunschlistenverbindung mit der politischen Mitte, insbesondere mit der CVP, nicht zu Stande gekommen sein. Doch Bon übt auch Selbstkritik:

«Wir müssen wohl besser spüren, wo bei der Bevölkerung der Schuh drückt.»

Auch gelte es, aus der Mitte pointierter und klarer Stellung zu nehmen. Ob er weiterhin Parteipräsident bleibe, wisse er nicht. Der Romanshorner stellt aber klar: «Ich klammere mich nicht an dieses Amt.»

Gute Stimmung herrscht gleichzeitig bei der SVP. «Wir können erleichtert sein», sagt Präsident Ruedi Zbinden. Seine Partei kann ihren dritten Sitz sichern, jener des nicht wieder angetretenen Markus Hausammann. In einem Kopf-an-Kopf-Rennen hat der Weinfelder Manuel Strupler parteiintern schliesslich die Nase vor Daniel Vetterli aus Rheinklingen. Die SVP behält somit vier der acht Thurgauer Mandate in Bern. «Übervertreten sind wir nicht. Es ist der Wille des Stimmbürgers», sagt Zbinden.

Grünliberale legen zu, sind aber dennoch enttäuscht

Auch die Grünliberalen konnten zulegen. Dennoch fühlt sich für sie der Wahlsonntag wie eine Niederlage an. Der engagierte Ottoberger Ueli Fisch blieb auch im Rennen um einen Nationalratssitz erfolglos. Die GLP bleibt weit hinter dem Wähleranteil der Grünen zurück, denen sie den Sitz hätten streitig machen können. «Der Rückstand ist unerklärlich», sagt Fisch, für den der Nachmittag überraschend frustrierend verläuft.

Nach der Niederlage der FDP ist klar: Hansjörg Brunner bleibt nicht länger als sein Vorgänger Hermann Hess im Nationalrat. Der Amriswiler Unternehmer wurde 2015 gewählt, holte den vier Jahre zuvor an die GLP verlorenen Sitz für den Freisinn wieder zurück. Doch zwei Jahre später nahm er aber zur Überraschung aller bereits wieder den Hut und machte Brunner Platz. Diesem reichte die Zeit offensichtlich nicht, um sich besser zu profilieren.