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THURGAU: Einzigartiges Angebot im Thurgau: Lehre ohne Abschluss und Zeugnis

Ab August können lernschwache Jugendliche im Thurgau eine niederschwellige Ausbildung machen. Das kantonale Angebot ist schweizweit einzigartig und bewahrt junge Leute davor, Sozialhilfefälle zu werden.
Larissa Flammer
Diana Gutjahr, Nationalrätin und Vizepräsidentin des Gewerbeverbands, und Marcel Volkart, Leiter Amt für Berufsbildung und Berufsberatung, informieren über das niederschwellige Ausbildungsangebot des Kantons. (Bild: Donato Caspari)

Diana Gutjahr, Nationalrätin und Vizepräsidentin des Gewerbeverbands, und Marcel Volkart, Leiter Amt für Berufsbildung und Berufsberatung, informieren über das niederschwellige Ausbildungsangebot des Kantons. (Bild: Donato Caspari)

Das Wichtigste in Kürze:

  • Das Angebot ist für kognitiv schwache, aber arbeitswillige Jugendliche, die eine Lehre nach EBA nicht schaffen und keine IV-Unterstützung erhalten.
  • Die Ausbildung kann bei jedem Betrieb im Kanton gemacht werden, wenn der Arbeitgeber zustimmt.
  • Die Jugendlichen müssen zwischen 15 und 18 Jahren alt sein. Ausnahmen kann der Kanton bewilligen.
  • Die Ausbildung erfolgt ohne Lehrplan oder Lernziele, es gibt auch kein Zeugnis, sondern einen Kompetenznachweis.
  • Einen Tag pro Woche verbringen die Jugendlichen in der Berufsschule, wo sie möglichst individuell betreut werden.


Es soll ein letzter Ausweg sein für Jugendliche, die den Schritt in die Arbeitswelt sonst nicht schaffen: das niederschwellige Ausbildungsangebot des Kantons. Ein etwas komplizierter Name, doch «kantonales Attest» genehmigte der Bund nicht. Die Idee ist dieselbe: kognitiv schwachen Schulabgängern, die keine Lehre schaffen, aber auch keine IV-Unterstützung erhalten, den Einstieg in die Arbeitswelt zu ermöglichen.

Im August werden die ersten 15- bis 18-jährigen Thurgauer das Angebot nutzen. Marcel Volkart, Leiter des Amts für Berufsbildung und Berufsberatung, rechnet mit etwa 20 Jugendlichen pro Jahr. Während zwei Jahren arbeiten sie in einem Betrieb. Allerdings gibt es keine Lernziele, die Betriebe können auf die individuellen Fähigkeiten der Jugendlichen eingehen.

Kompetenznachweis statt Zeugnis

Einen Tag pro Woche besuchen die gut 20 Jugendlichen gemeinsam das Bildungszentrum für Bau und Mode in Kreuzlingen. Dort werden sie von einem Berufsschullehrer möglichst individuell betreut. Rektor Hermann Grünig sagt: «Wir haben uns gefragt, was ein 18-Jähriger können muss, damit er alleine leben kann. Das ist die Basis des Rahmenlehrplans.» Themen sind unter anderem Umgangsformen in der Arbeitswelt, Arbeitssicherheit, die Fähigkeit, sich zu orientieren oder mit Geld umzugehen. «Anstatt zu rechnen, kochen die Jugendlichen vielleicht mal miteinander und müssen dabei herausfinden, wie viel Reis es für fünf Personen braucht», erklärt Grünig. Oder anstatt deutsche Grammatik zu lernen, füllen sie gemeinsam einen Arbeitsrapport aus.

Auch in der Schule gibt es keine Lernziele. Die Jugendlichen erhalten kein Zeugnis, sondern von Betrieb und Berufsschullehrer je einen Kompetenznachweis. «Dort steht, was der Jugendliche kann, und nicht, was er nicht kann», sagt Volkart. Der Amtsleiter betont aber: «Die Ausbildung hat keinen anerkannten Abschluss.» Für Branchen mit einem Gesamtarbeitsvertrag sind die Absolventen danach noch immer ungelernte Arbeitskräfte. Das Ziel ist es deshalb, dass die Jugendlichen mit der gesammelten Erfahrung eine Lehre machen können.

Jeder Thurgauer Betrieb kann Jugendliche anstellen

Der Thurgauer Gewerbeverband kann heute hinter dem Angebot stehen. «Ich war aber in der Arbeitsgruppe ganz klar die kritische Stimme», sagt SVP-Nationalrätin Diana Gutjahr, die Vizepräsidentin des Verbands ist. Die Anforderungen an das Gewerbe seien heute bereits hoch, deshalb sei die Skepsis gross gewesen, noch ein neues Angebot führen zu müssen. Die Intervention von Gutjahr hat dazu geführt, dass das niederschwellige Ausbildungsangebot im kantonalen Gesetz in der Kann-Formulierung festgehalten ist. Jeder Thurgauer Betrieb – auch wenn er keine Lehrlinge ausbilden darf – kann Jugendliche im Rahmen dieser Ausbildung anstellen. Doch niemand muss. Marcel Volkart sagt: «Wenn kein Betrieb die Leute nimmt, kommt das Angebot nicht zustande.» Er sei jedoch überzeugt, dass genug Leute Jugendlichen eine Chance geben wollen.

Um einen Arbeitsvertrag müssen sich die Schulabgänger selber bemühen. Bei der Anmeldung für die Ausbildung muss dieser bereits vorliegen. Diana Gutjahr würde den Betrieben raten, den Lohn der Jugendlichen etwas tiefer als bei einem EBA-Lehrling ansetzen. «Betriebe, die einem Gesamtarbeitsvertrag unterstehen, sollten unbedingt eine Ausnahmebewilligung beantragen», sagt sie. Würde ein Betrieb einen Jugendlichen ausnutzen, könnte das kantonale Amt für Wirtschaft und Arbeit intervenieren.

Für Flüchtlinge und Migranten ist das niederschwellige Ausbildungsangebot des Kantons nicht in erster Linie gedacht. «Die meisten bringen die kognitiven Fähigkeiten mit. Dort hapert es an der Sprache», erklärt Volkart. Wer die Fähigkeiten mitbringe, solle nicht ein niederschwelliges Angebot nutzen.

Die Ausbildung geht auf einen politischen Vorstoss im Grossen Rat zurück. In mehreren Kantonen gibt es gemäss Volkart Bemühungen, diesen Jugendlichen, die bei allen anderen Massnahmen durchfallen, zu helfen. Der Thurgau ist nun der erste, der dies auf Gesetzesstufe tut.

Hinweis: www.abb.tg.ch

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