Thurgau
Ein Vorbild zu 50 Prozent – der Bioanteil der staatlichen Landwirtschaft

Zum Beweis seiner Vorbildrolle verweist der Kanton Thurgau auf die hohe Bioquote der Staatsdomänen. GLP-Kantonsrat Stefan Leuthold sieht Verbesserungspotenzial bei Pflanzenschutzmitteln und Biodiversitätsflächen.

Thomas Wunderlin
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Die Staatsdomäne St.Katharinental ist seit Sommer 2021 für die Umstellung auf biologische Bewirtschaftung angemeldet.

Die Staatsdomäne St.Katharinental ist seit Sommer 2021 für die Umstellung auf biologische Bewirtschaftung angemeldet.

Donato Caspari

Einst hackten hier Sträflinge den Acker. Als Überbleibsel der einstigen Strafanstalt gehört dem Kanton Thurgau ein Gutsbetrieb beim Bahnhof Tobel. Eine Pächterfamilie führt die 29 Hektaren grosse sogenannte Staatsdomäne als Biobetrieb mit Mutterkuhhaltung und Ackerbau. Auch der 38 Hektaren grosse Gutsbetrieb des Beratungszentrums Arenenberg wird seit 2020 biologisch bewirtschaftet. Die Pächterfamilie der 104 Hektaren grossen Staatsdomäne St.Katharinental hat im Sommer 2021 ebenfalls die Umstellung auf Bioanbau begonnen.

50 Prozent der Thurgauer Staatsdomänen, die rund 46 Prozent der Fläche umfassen, erfüllen die Anforderungen der Bioverordnung. Diese Angabe macht der Regierungsrat in der Beantwortung eines Antrags von acht Kantonsräten aus sieben Parteien.

Folge des Abstimmungskampfs der Agrarinitiativen

Sie wollten den Regierungsrat beauftragen, einen Bericht über die «Vorbildliche Thurgauer Landwirtschaft» zu erstellen. Daraus sollte ersichtlich sein, nach welchen ökologischen Vorgaben diese Flächen bewirtschaftet werden.

Der Antrag sei vor der Abstimmung über die Trinkwasser- und Pestizid-Initiativen eingereicht worden, sagt der Erstunterzeichner Stefan Leuthold (GLP, Frauenfeld). Es sei um den Handlungsbedarf der Landwirtschaftsbetriebe gegangen:

Stefan Leuthold (GLP, Frauenfeld).

Stefan Leuthold (GLP, Frauenfeld).

Donato Caspari
«Da wollten wir mal schauen, wie die öffentliche Hand damit umgeht.»

Anstatt erst mal Stellung zu nehmen, ob er gewillt sei, einen solchen Bericht zu erstellen, hat ihn der Regierungsrat nun gleich abgeliefert. Darin werden die Domänen als «Vorzeigebetriebe der Thurgauer Landwirtschaft» bezeichnet. Diese Rolle würden sie auch in Zukunft ausüben, da sie in regelmässigem Austausch mit dem Landwirtschaftsamt stünden und eng mit dem Beratungszentrum Arenenberg zusammenarbeiteten.

Nur 15 Prozent Thurgauer Biobetriebe

Die Vorbildrolle versucht der Regierungsrat anhand von acht Kriterien zu belegen. Beim Kriterium Biobetrieb liegen die Staatsdomänen mit einer 50-Prozent-Beteiligung weit vor den Thurgauer Betrieben insgesamt (15 Prozent) und der Schweizer Landwirtschaft insgesamt (14 Prozent).

Nicht biologisch wirtschaften die Staatsdomäne Münsterlingen (75 ha) und die parzellenweise verpachtete Staatsdomäne Ottenegg (19 ha).

St.Katharinental (104 ha) ist seit 2021 für die Umstellung angemeldet. Kalchrain (125 ha) prüft eine Umstellung.

Schweine des Gutsbetriebs Kalchrain.

Schweine des Gutsbetriebs Kalchrain.

Melanie Duchene / KEYSTONE

Nur bei Tobel ist Bio zur Auflage gemacht worden. Die übrigen fünf Domänen müssen nur den ökologischen Leistungsnachweis (ÖLN) erfüllen.

Im Bericht erwähnt werden zudem die Versuchsbetriebe Güttingen und Tänikon, die auf Land arbeiten, das der Kanton gepachtet hat. Beide gelten nicht als Biobetriebe.

Bei den übrigen Kriterien liegen die Staatsdomänen ebenfalls weit über dem Thurgauer Durchschnitt. Beim Tierwohlprogramm Raus machen die Domänen sogar zu 100 Prozent mit, während nur 56 Prozent der Privatbetriebe mitziehen. Ähnlich ist das Verhältnis bei den Landschaftsqualitätsbeiträgen (100 zu 57 Prozent).

Leuthold lobt den Bericht als «kompakt, aber übersichtlich.» Die Vorbildfunktion der Staatsdomänen würde er mit der Note 4,9 bewerten:

«Man muss anerkennen, dass die Staatsdomänen bei den meisten Kriterien über dem Schweizer Durchschnitt liegen.»

Für einen Sechser reiche es aber nicht. Der ÖLN gelte heute gewissermassen als Standard. «Luft nach oben» sieht Leuthold besonders beim Einsatz von Pflanzenschutzmitteln. An einem Programm zu deren Reduktion beteiligen sich 17 Prozent der Domänen gegenüber 5 Prozent der Betriebe im Thurgau und 13 Prozent der direktzahlungsberechtigten Betriebe im Thurgau.

Ein Kriterium unter dem Schweizer Schnitt

Grösser werden sollte laut Leuthold auch der 15-Prozent-Anteil der Biodiversitätsflächen der Domänen. Dieser liegt nur wenig vor dem Thurgauer Schnitt von 13 Prozent und sogar unter dem Schweizer Schnitt von 18 Prozent.

Walter Schönholzer, Regierungsrat.

Walter Schönholzer, Regierungsrat.

Reto Martin

Auf Anfrage bekräftigt FDP-Regierungsrat Walter Schönholzer, dass die Schul- und Versuchsbetriebe Güttingen, Tänikon und Arenenberg Vorbildfunktion übernehmen. Ihre Erfahrungen mit einer «ressourcenschonenden und ressourceneffizienten Produktionsweise» würden der Thurgauer Landwirtschaft helfen.

Die übrigen Betriebe orientierten sich am Markt und nutzten die Chancen der freiwilligen Programme zu mehr Nachhaltigkeit und Ressourceneffizienz.