Thurgau
Ein Schweinekastrator aus Siegershausen schaffte um das Jahr 1500 bei seiner Frau den ersten erfolgreichen Kaiserschnitt

Es war ein Wendepunkt in der Medizin. Jacob Nufer rettete mit einem Kaiserschnitt nicht nur seinem Kind das Leben, sondern auch seiner Frau. Der Schweinekastrator und die Ärzte, die den Fall beschrieben, wollten danach nicht länger die unerbittliche Regel akzeptieren, dass die Mutter in jedem Fall stirbt.

Helmut Stalder
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Neuzeitlicher Kaiserschnitt, Kupferschnitt von 1666.

Neuzeitlicher Kaiserschnitt, Kupferschnitt von 1666.

Bild: PD

Herrgott, hilf! Jacob Nufer ist verzweifelt. Seit Tagen liegt seine Frau Elisabeth Alespach mit ihrem ersten Kind in den Wehen. Sie ist zu Tode erschöpft. Wenn nichts geschieht, stirbt sie, weiss Jacob Nufer. Er sieht nur einen Ausweg: Er muss seinem geliebten Weib den Bauch öffnen und das Kind herausholen. Und er weiss, was das bedeutet: Vielleicht rettet der Kaiserschnitt das Kind. Aber noch nie hat eine Mutter diesen Eingriff überlebt – höchstwahrscheinlich verblutet auch Elisabeth auf dem Kindbett oder wird bald dahingerafft vom Fieber.

Mit Messern kann Nufer umgehen, er wird nicht zittern. Er ist «Schweineschneider und Kapaunemacher», kastriert also Hähne und Ferkel, damit sie schnell fett werden. Hilft es ihm jetzt, dass er ein bisschen etwas versteht vom Innern des Unterleibs und von Wundversorgung, wenn auch nur bei Federvieh und Schweinen? Tatsächlich gelingt Nufer an diesem Tag im Jahr 1500 erstmals ein Kaiserschnitt, den Mutter und Kind überleben.

Der Fall des Kastrators aus dem thurgauischen Siegershausen ist in die Medizingeschichte eingegangen. Der Basler Professor und Anatom Caspar Bauhin (1560–1624) übersetzte 1588 ein Werk des französischen Arztes François Rousset über den Kaiserschnitt auf Latein und fand Nufers Tat derart bemerkenswert, dass er sie im Anhang auf drei Seiten niederschrieb. Das Buch machte die Runde unter den Ärzten in Europa, und 1666 übertrug der Arzt Amadeus Megerlin die Schilderung ins Deutsche.

Dreizehn Hebammen wussten keinen Rat

Gemäss diesem Bericht hat Nufers Ehefrau Elisabeth, schmerzgeplagt und verängstigt, alles versucht:

«Da hat sie dreyzehen Heb-Ammen oder Weh-Mütter und etliche Wund-Ärzte zu sich erfordert, von welchen sie Hülff und Rath zu erlangen, aber umbsonst und vergebens verhoffet hat: dann sie weder das Kind gebähren, noch all die Beruffenen ihren Schmertzen stillen, noch sonsten ihr helffen konten.»

Weil keine Hoffnung mehr besteht, sagt Jacob Nufer seiner Frau, er beabsichtige «eine glückliche Prob mit erwünschtem Fortgang an ihr zu thun», schrieb Megerlin.

Nufer wagt es jedoch nicht ohne kirchlichen Segen. Ein Kind per Kaiserschnitt aus einer toten oder sterbenden Mutter zu befreien ist damals aus kirchlicher Sicht zwar geboten, damit keine Seele verloren gehe. Vielerorts ist die «sectio in mortua» gar Pflicht der Hebammen. Unklar ist jedoch, ob man den Eingriff an einer Lebenden vornehmen darf und ob dann die Frau oder das Kind Vorrang hat. Mit Elisabeths Einverständnis eilt Nufer zum Pfarrer. «Als sie sich nun gutwillig darzu verstanden, da ist ihr Mann darauff alsobalden zu dem Herrn Prälaten nacher Frauenfeld gegangen, ihm die Sach erzelet, sein Vorhaben geoffenbaret und umb Erlaubnus bey ihme angehalten.» Zuerst zögert der Pfarrer.

«Doch aber, weil er sahe, dass der Mann nächst Gottes Hülff all seine Hoffnung und Zuversicht dahin gestellet, als hat ers endlich geschehen lassen.»

Was Jacob Nufer im Sinn hat, ist auch für die Hebammen ungeheuerlich. Die Beherzten und Unverzagten sollten ihm helfen, sagt er, die Furchtsamen jedoch sollten das Gemach verlassen, «dann er etwas an seinem Weibe vernemmen wolle, wardurch er verhoffe, neben Gottes Hülff und Segen sein Weib auss grossen Noth und höchster Gefahr zu erretten und beym Leben zu erhalten».

Gleich wie beim Schwein

Elf Hebammen gehen hinaus, nur zwei und die Wundheiler bleiben. «Hierauff hat der Mann die Thür verriegelt, den Allmächtigen Gott umb Hülff und Beystand angeruffen, sein Weib auff den Tisch geleget und ihr den Leib (nicht anders als einem Schwein) auffgeschnitten.»

Bauhin und Megerlin berichteten bei der Aufzeichnung des Falls nicht viel über die Operationstechnik. Vermutlich benutzte Nufer seine Kastrationsinstrumente. Wie er den Schnitt setzte, ist nicht überliefert. Aber er tut es offenbar gekonnt: «Es ist aber gleich der erste Schnitt in den Bauch so wol und glücklich abgegangen, dass man das Kind gantz und unverletzt alsobalden hat herauss nemmen können.» Als die elf Hebammen das Kind schreien hören, wollen sie in die Kammer eilen. Man lässt sie jedoch nicht ein, bis «das Kind gereiniget und die Wunde nur auff die Weise, wie man die alten Schuhe sticken pfleget, widerumb gehefftet und zugemacht gewesen».

Interessant wäre zu erfahren, wie Nufer die Wunde verschloss. Die Ärzte jener Zeit nähten nämlich bei Kaiserschnitten nur die Bauchdecke, nicht aber die Gebärmutter, denn sie glaubten, diese schliesse sich selbst und eine Naht wäre schädlich. In Megerlins Schilderung heftete Nufer die Wunde «wie die alten Schuhe». In Bauhins lateinischem Originaltext heisst es nur, sie sei «veterinario more», also «nach Art der Tierärzte», genäht worden. Hat Nufer seiner an Tieren gewonnenen Erfahrung vertraut und entgegen der Lehre die Uteruswand vernäht?

Stimmt die Geschichte, müsste er das getan haben, denn es kam zum Happy End:

«Ja eben dieses Weib hat nach solcher mit ihr vorgenommener Bauch- und Gebähr-Leibes-Auffschneidung das zweyte mal, als sie schwanger worden, Zwilling geboren. Nach diesen Zwillingen hat sie noch vier andere Kinder geboren: das jenige aber, welches auss ihrem Leibe herauss geschnitten worden, hat sein zeitliches Leben erst im Jahr 1577 beschlossen.»

Im späten 19. Jahrhundert, als der Kaiserschnitt seinen Schrecken verloren hatte, wurde die Geschichte angezweifelt: Dass Nufer das Kind mit einem einzigen Schnitt freigelegt habe, deute darauf hin, dass es nach einem Uterusdurchbruch bereits in der Bauchhöhle lag, hiess es. Das mache jedoch die späteren sechs natürlichen Geburten der Frau unglaubhaft.

Auch wenn vieles im Dunkeln bleibt: Nufers Kaiserschnitt markiert einen Wendepunkt. Er und die Ärzte, die den Fall beschrieben, wollten nicht länger die unerbittliche Regel akzeptieren, dass die Mutter in jedem Fall stirbt.

Ärzte fühlten sich lange nicht zuständig

Aus der Antike gab es etliche Legenden von Schnittentbindungen. «Caesones» wurden die so zur Welt Gekommenen genannt, von «caedere», «herausschneiden». Der prominenteste «Schnittling» soll Julius Cäsar gewesen sein, woraus der Begriff «Kaiserschnitt» entstand. Weil die Frauen schon tot waren oder im Sterben lagen, sprach man von einer «Geburt aus dem Tod» und prägte für die Kinder den Ausdruck «über dem Grabe geboren». Antike und mittelalterliche Epen umgaben den Kaiserschnitt mit einem Nimbus und sahen ihn als Zeichen besonderer Auserwähltheit von Herrschern und Heiligen an.

Der Eingriff an einer Lebenden, die «sectio in vivo», ist in der Antike jedoch nicht bezeugt. Sie war bis weit ins 16.Jahrhundert eine Verzweiflungstat, bei der der Tod der Frau als naturgegeben hingenommen wurde. Praktische Geburtshilfe war allein Aufgabe von Hebammen. Gelehrten und Ärzten fehlte jede Erfahrung, und so bemühten sie sich lange nicht darum, eine Erfolg versprechende Operation für Mutter und Kind zu entwickeln.

Diese Einstellung änderte sich an der Schwelle zur Neuzeit. Die Ärzte begannen, sich jenseits antiker und mittelalterlicher Mythen mit Operationshygiene und Anatomie zu beschäftigen. Langsam stiegen die Überlebenschancen bei Schnittentbindungen, vor allem, als im 19. Jahrhundert endlich die fatale Lehre vom offenen Uterus fiel. Jacob Nufer, der Schweinekastrator aus dem Thurgau, markiert damit den Anfang der neuzeitlichen Geburtschirurgie.

Helmut Stalder: Verkannte Visionäre. 25 Schweizer Lebensgeschichten. NZZ Libro, Basel, 2020. 218 S., 122 Abb. Ca. Fr. 48.– / ISBN 978-3-907291-21-4.

Der Autor

Helmut Stalder.

Helmut Stalder.

PD

Helmut Stalder (*1966 in Zürich), ist ein Schweizer Publizist und Buchautor. Er studierte Germanistik, Geschichte und Politische Wissenschaften an den Universitäten in Zürich, Frankfurt am Main und New York und promovierte über das journalistische Werk von Siegfried Kracauer. Er war Redaktor beim Tages-Anzeiger in Zürich, stellvertretender Chefredaktor der Zeitschrift Beobachter, Redaktor bei der Neuen Zürcher Zeitung und ist Autor mehrerer erfolgreicher Sachbücher im Bereich der Verkehrs-, Wirtschafts- und Technikgeschichte. Seit Januar 2021 leitet er den Verlag NZZ Libro.