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Weniger Zuzüge aus dem Ausland, mehr aus den Nachbarkantonen: Der Lockruf in den Thurgau hallt nach

Die Zuwanderung aus dem Ausland sinkt, dafür nimmt die Beliebtheit des Thurgaus bei Personen aus anderen Kantonen zu. Wohnortmarketing betreibt der Kanton schon lange nicht mehr. Auch ohne Werbung hoch im Kurs ist die Gemeinde Münchwilen.
Sebastian Keller
Plakat aus dem Jahr 2003. Mit dieser Kampagne breitete der Thurgau Familien aus dem Nachbarkanton den Teppich aus. Auslöser war ein negativer interkantonaler Wanderungssaldo. (Bild: PD/Archiv)

Plakat aus dem Jahr 2003. Mit dieser Kampagne breitete der Thurgau Familien aus dem Nachbarkanton den Teppich aus. Auslöser war ein negativer interkantonaler Wanderungssaldo. (Bild: PD/Archiv)

Münchwilen hat sein Gesicht verändert. Augenscheinlich wird das im Dorf vor allem an der Kantonsstrasse. Wo einst eine Stickerei stand, bietet seit einem Jahr der deutsche Discounter Lidl seine Produkte an. Über dem Laden befinden sich mehr als 30 Wohnungen. Einige hundert Meter Richtung Wil geschäftet seit zwei Jahren die Migros. Auf dem Dach ebenfalls: Wohnungen, 17 an der Zahl. Der Coop – auch mit Wohnungen – ist schon länger im Dorf präsent.

Die Überbauungen – sie entstanden nicht nur über Läden – wirken wie ein Magnet. Sie bescheren der Hinterthurgauer Gemeinde neue Einwohner. Ende 2017 zählte sie insgesamt 5538. Sie weist im Verhältnis zur Wohnbevölkerung den höchsten Wanderungssaldo im Kanton aus. Dieser ist das Resultat einer Rechnung, die auch mathematisch weniger begabte Kinder lösen können: Anzahl zugezogener minus Anzahl weggezogener Personen. In Münchwilen ergab diese Rechnung 2017 den Saldo 172. Zum Vergleich: Das bevölkerungsmässig um viermal grössere Kreuzlingen wies einen Wanderungssaldo von 232 aus.

Die Privatwirtschaft investiert

Die Beliebtheit spürt auch Gemeindepräsident Guido Grütter. «Die Bevölkerungszahl geht Monat für Monat rauf», sagt der FDP-Politiker. Als Hauptgrund nennt er die Neubautätigkeit der letzten fünf Jahre. «Die Privatwirtschaft investiert kräftig in Münchwilen.» Und der neuen Wohnraum ist begehrt. «Andernorts ist die Rede von Leerständen, das ist bei uns im Bereich Neubauwohnungen nicht so markant.»

Guido Grütter, Gemeindepräsident von Münchwilen. (Bild: Nana do Carmo)

Guido Grütter, Gemeindepräsident von Münchwilen. (Bild: Nana do Carmo)

Wieso Unternehmen investieren und Personen in der Gemeinde Wohnsitz nehmen: Grütter kennt die Gründe. Er spricht von «Standortvorteilen». Die da wären: Ein Zubringer zu einer der wichtigsten Verkehrsachsen in der Schweiz, der A1. Auch mit dem öffentlichen Verkehr ist Münchwilen gut erreichbar, die Frauenfeld-Wil-Bahn hält zweimal auf dem Gemeindegebiet. Sie fährt halbstündlich, in absehbarer Zeit viertelstündlich während der Hauptverkehrszeiten. Mit Wil liegt eine Stadt vor der Haustür.

Zürich und St.Gallen sind nah

Metropolen wie Zürich und St. Gallen befinden sich in Pendlerdistanz. So seien es mehrheitlich Personen aus dem Grossraum Zürich, die nach Münchwilen ziehen. Als weiteren – weichen – Standortfaktor bezeichnet Grütter das sehr rege Vereinsleben. Fussballclub, Turnverein, ein Chor, der Modernes einstudiert.

Werbung macht die Gemeinde nicht. «Wachstum», sagt Grütter, «ist gut, aber nicht unser wichtigstes Ziel.» Es müsse für die Bevölkerung und für die Infrastruktur verkraftbar sein.
Werbung für den Wohnort

Auch der Kanton macht keine Werbung mehr

Wohnortmarketing, das betreibt auch der Kanton Thurgau nicht. Das war vor fünfzehn Jahren anders, als man mit Plakaten die «Fam. Zürcher» anwerben wollte. Damals hatte der Kanton ein Problem: ein negativer Wanderungssaldo. Es verliessen mehr Personen den Kanton also neue zuzogen. Die Plakate der Kampagne sind schon lange vergilbt.

Nun zeigt sich, dass vor allem die «Fam. Winterthurer» in den Thurgau kommt. Das zeigt eine neue Auswertung der Dienststelle für Statistik. So zogen im vergangenen Jahr 860 Personen aus der zweitgrössten Zürcher Stadt zu. Der Thurgau, so steht es in der Auswertung, falle seit einigen Jahren durch viele Zuzüge aus anderen Kantonen auf. Insgesamt zügelten 2017 beinahe 7000 Personen aus anderen Kantonen in den Thurgau, rund 6000 verliessen den Kanton aber auch in Richtung eines anderen. Hinter dem Kanton Freiburg weist der Thurgau – ­gerechnet auf tausend Einwohner – die höchste Zuwanderung aus.

Die genauen Gründe dafür kennt niemand. Deshalb muss man sich mit Vermutungen begnügen. Die Thurgauer Baudirektorin Carmen Haag sagt: «Ich könnte mir vorstellen, dass der Thurgau wegen der hohen Lebensqualität und der guten Anbindungen an die Zentren wie Zürich attraktiv ist.» Zur Lebensqualität zählt die Regierungsrätin beispielsweise die landschaftliche Qualität, die damals auch den Zürchern schmackhaft gemacht wurde.

Ein Prozent Bevölkerungswachstum pro Jahr

Der Thurgau rechnet auch in absehbarer Zukunft mit Zuwachs. Im kantonalen Richtplan, der die Entwicklung im Kanton beispielsweise in den Bereichen Verkehr und Siedlung steuern soll, wird bis ins Jahr 2040 mit einem Bevölkerungszuwachs von durchschnittlich einem Prozent pro Jahr gerechnet. Dannzumal – so die Annahme im Richtplan – bevölkern 324 000 Menschen das Gebiet zwischen Hörnli und Bodensee; Ende 2017 waren es 272 780.

Carmen Haag, Regierungsrätin des Kantons Thurgau. (Bild: Donato Caspari)

Carmen Haag, Regierungsrätin des Kantons Thurgau. (Bild: Donato Caspari)

Die jüngsten Zahlen deuten offenbar darauf hin, dass der Kanton auf Kurs ist. Carmen Haag meint dazu: «Ich würde sagen, dass es eine erste Bestätigung ist für das massvolle Wachstum, das wir im Richtplan festgelegt haben.» Der Richtplan, vom Bundesrat im Sommer genehmigt, hält auch fest, wo sich die neuen Thurgauerinnen und Thurgauer ansiedeln sollen: Zu 65 Prozent im «urbanen Raum». Dies wird auch überprüft. «In vier bis fünf Jahren müssen wir dem Bund Bericht erstatten, ob wir dieses Ziel erreicht haben», sagt Haag.

Von Wachstum auf der grünen Wiese will die Thurgauer Bevölkerung nichts wissen. In einer Volksabstimmung vom 13. Februar 2017 wurde an der Urne ein Gegenvorschlag zur Volksinitiative «Ja zu einer intakten Thurgauer Kulturlandschaft» mit 80,7 Prozent Ja-Anteil angenommen. Damit ist der Landschaftsschutz in der Verfassung verankert.

Zuwanderung ist rückläufig

Das Wachstum im Thurgau war lange Jahre durch Zuzüge aus dem Ausland ­geprägt. Das hat sich nun aber geändert. Der Wanderungssaldo mit dem Ausland hat sich innert fünf Jahren fast halbiert. Belief er sich 2013 auf fast 2500, betrug er im vergangenen Jahr noch 1258. Der sinkende Wanderungssaldo ist auf zwei Faktoren zurückzuführen: Einerseits ziehen weniger Personen aus dem Ausland in den Thurgau, andererseits verabschieden sich mehr Personen in Richtung andere Länder. Über 1000 Personen zogen 2017 nach Deutschland; insgesamt wanderten im vergangenen Jahr 2890 Personen aus.

Die Thurgauer Kantonsstatistikerin Ulrike Baldenweg sagt dazu: «Der Rückgang der Zuwanderung ist gesamtschweizerisch zu beobachten.» Über das Wieso könne man nur spekulieren. «Ein möglicher Grund könnte die stark laufende Wirtschaft in Deutschland sein», sagt Baldenweg. Auch schon diskutiert wurde, ob die Schweiz wegen der Masseneinwanderungs-Initiative an Attraktivität verloren hat.

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