Theater
Stück «Level up» im Eisenwerk: Grau ist die Farbe der Sucht

Am Samstag präsentierte das Junge Theater Thurgau zum zweiten Mal ihr neues Stück «Level Up». Es dreht sich um den jungen Gamer Lukas und seine Spielsucht.

Dieter Langhart
Merken
Drucken
Teilen
Die Schauspieler des Theaterstücks «Level up» besetzen jeweils mehrere Charaktere.

Die Schauspieler des Theaterstücks «Level up» besetzen jeweils mehrere Charaktere.

Bild: PD / Lukas Fleischer

Nein, Farben gibt es keine auf der Bühne, nur Einheitsgrau. Gibt es Hoffnung auf der Bühne? Wir werden sehen. Als die Besucher die Treppe ins Theater hochsteigen und Platz nehmen, sind die Darsteller bereits in ihrem Element, wuseln in ihren grauen Hoodies über die Bühne, zicken herum, sorgen sich, wollen helfen, können kaum helfen. Wem helfen?

Lukas helfen. Dem Gamer, der jede freie und unfreie Minute an seiner Konsole sitzt und sich aufs nächste Level hieven will, ein Level-up, «nur noch dieses», damit er sein Ziel erreicht: Er will Gameprofi werden. Besser als alle anderen. Der Beste. Ganz oben sein. Wenn da nur nicht die Schule wäre («ist mir scheissegal»), die nervenden Eltern und der besorgte Lehrer. Lauter Lästigkeiten auf seinem Weg nach oben. Lukas weiss, was er will, und das muss doch gut sein, findet er. Er will nur das Beste für sich, auch wenn das die andern nicht erkennen wollen.

Eine Sucht, vor der keiner gefeit ist

Eine Stunde dauert das neue Stück des Jungen Theaters Thurgau (JTT): eine reiche, intensive Stunde. «Level Up» ist eine Wucht, ist eindringlich, bringt den Zuschauer dazu, leer zu schlucken aber auch zu lächeln. Petra Cambrosio ist wie in früheren Produktionen des JTT für Regie und Dramaturgie verantwortlich. Doch das Stück haben die neun jungen Menschen selbst entwickelt. Um Sucht sollte es gehen, und sie entschieden sich für die Spielsucht, die nicht so offensichtlich und sichtbar ist:

«Ich besitze mehr Tränen, als ihr euch vorstellen könnt.»

Und eine Sucht, vor der keiner gefeit ist. Darum sind alle neun Spieler alternierend Lukas und sich selbst, also Aussenstehende und Helfenwollende. Sie verkörpern Lukas’ Gedanken und Zweifel, Beteuerungen und Rechtfertigungen: «Das Gamen ist mir wichtiger als die Schule.» Wie Satelliten, wie Spiegelbilder umkreisen sie Lukas, also auch sich selbst. Ein schöner dramaturgischer Dreh, denn sind nicht wir alle Suchtgefährdete, Süchtige, alkoholkranke Mütter oder gestrenge Väter, Ist-alles-halb-so-wild-Abwiegler?

Lukas’ Lehrer scheint der Einzige zu sein, der Lukas wirklich helfen will, doch der Alkoholmissbrauch hockt in seiner Familie. Sucht macht einsam. Dies macht auch Maya Frischknechts karges Bühnenbild sichtbar: ein Halbvorhang hinten, davor weisse, kofferartige Quader, die als Sitze, Absperrungen oder szenische Stichwortträger dienen: «Zeitverloren», «Schmerz», «Schuld», «Veränderung», dazwischen das Nichts, dazu bisweilen die Songs der Beatles aus einer längst vergangenen Zeit.

Mit Videoeinspielungen weiten die sieben Spielerinnen und zwei Spieler das Thema Sucht aus und enden dennoch in einem babylonischen Stimmenwirrwarr. Sehr körperlich agieren die neun, souverän, kaum eine Spur von Lampenfieber ist zu spüren. Die Scherben in einer der Szenen stehen für die Gesetze, die einen zerbrechen lassen – und für die Selbstverletzung. «Ich bin stabil», verspricht Lukas. Ist es so? Es soll so sein, wir wünschen es ihm. Frenetisch und verdient der Beifall an der zweiten Vorstellung des JTT.

«Level Up» im Eisenwerk

Weitere Vorstellungen des Jungen Theaters Thurgau im Theatersaal: Do/Fr/Sa 29./30.4. und 1.5. sowie Do/Fr/Sa 6./7./8.5. um 20 Uhr sowie So 2.5. um 18 Uhr.

Spiel: Alyah Broger, Nina Festi, Emilia Freienmuth, Hanna Geissbühler, Joelle Hensinger, Carla Hunziker, Levano Krähemann, Lumi Probst, Finn Rufer.

Dramaturgie und Regie: Petra Cambrosio.

Tickets unter: www.eisenwerk.ch/kultur/tickets