St.Galler Textilunternehmer bauen sich im Thurgau ein Dorf

Die Familie Gonzenbach fand im Thurgau die wirtschaftliche Freiheit, die ihr in St. Gallen fehlte. Davon berichtet der Historiker Ernest Menolfi in seinem neustes Werk «Frühes Unternehmertum in Hauptwil. Die Textilmanufakturen Gonzenbach im 17. und 18. Jahrhundert». Ein Auszug.

Ernest Menolfi*
Merken
Drucken
Teilen
In den 1660er-Jahren entstand in Hauptwil eine Manufaktursiedlung mit 40 Wohn- und Geschäftshäusern. Planvedute von Daniel Beich, 1670.

In den 1660er-Jahren entstand in Hauptwil eine Manufaktursiedlung mit 40 Wohn- und Geschäftshäusern. Planvedute von Daniel Beich, 1670.

(Bild: Staatsarchiv Frauenfeld, Slg. 1, K/P03000)

Der Stossseufzer aus der Mitte des 17. Jahrhunderts im St. Galler Ratssaal, dass die Bevölkerung ausser Gott nur das Leinengewerbe als Lebensgrundlage habe, beschreibt trefflich die damalige Abhängigkeit der Ostschweiz von diesem Wirtschaftszweig.

Mit Spinnen, Weben, Bleichen, Mangen, Walken, Ausrüsten, Nähen und im Handel und Transportwesen fand der grösste Teil der Bevölkerung sein Auskommen. Handwerker und Gewerbetreibende waren als Zulieferer direkt in das Leinengewerbe eingebunden: als Webstuhlbauer und Blattmacher, als Seifensieder, Indigo-Schleifer, Importeure von Färbemitteln, Brennholzlieferanten, als Hersteller der für den Transport nötigen Wachstücher, Seile und Fässer sowie als Pferde- und Maultierhalter. Die Papiermacher ermöglichten den intensiven Briefverkehr und neue Verpackungsarten.

Über die damalige Kunstfähigkeit der im Textilfach tätigen Personen kann man nur staunen. Die Weber stellten Tuch mit teils komplizierten Bindungen her, und die Bleicher und Färber schufen Produkte allein dank Erfahrung und Experimentieren. Heute sind hingegen die biologischen, physikalischen und chemischen Vorgänge bekannt: die Ursache für den Wandel von gelblich-grauem zu schneeweissem Tuch auf den Bleichefeldern oder, zumindest teilweise, der Farbprozess in den Büttenen und beim Textildruck.

Die Brüder Hans Jacob und Barthlome Gonzenbach bezogen das Neue Schloss 1666.

Die Brüder Hans Jacob und Barthlome Gonzenbach bezogen das Neue Schloss 1666.

(Bild: Nana Do Carmo)

Eine thurgauisch-sankt-gallische Familie, die im 17. und 18. Jahrhundert massgeblich im Leinengewerbe, später auch pionierhaft in neuen Geschäftszweigen tätig war und sowohl bezüglich der Tuchherstellung als auch der Qualität neue Massstäbe setzte, waren die Gonzenbach. Sie waren in Bischofszell beheimatet, doch liess sich Heinrich Gonzenbach 1607 in St. Gallen nieder.

Seine Nachkommen forderten um die Jahrhundertmitte vergeblich vom Rat der Stadt mehr geschäftlichen Freiraum. In der Folge zogen 1666 die Brüder Hans Jacob und Barthlome Gonzenbach nach Hauptwil, wo sie um ihr neu erbautes Schloss in wenigen Jahren eine einzigartige Leinwandmanufaktur mit vierzig Wohn- und Gewerbehäusern erstellten.

Gonzenbachs bauten mit Lehm wie in der Region Lyon

Bald bevölkerte eine Belegschaft von über zweihundert Personen die neue Siedlung und bildete eine bunt zusammengewürfelte, teils internationale Gemeinschaft. Die Arbeitsabläufe der Tuchherstellung, die sonst über verschiedene Stationen liefen, wurden zentral organisiert, und die Gonzenbach’schen Unternehmer waren nun sowohl Produzenten (Fabrikanten) als auch Handelsleute, was eine Neuerung im Berufsbild des Kaufmanns darstellte.

Bei einigen Gebäuden kam die im Raum Lyon verbreitete Pisé-Lehmbauweise zum Einsatz und begründete den Ruf Hauptwils als erstes und vorbildhaftes «Lehmbaudorf» der Deutschschweiz. Mit dem 1670 erstellten mehrgliedrigen «Langbau» hielt ein weiterer neuartiger Bautyp Einzug.

Da viele dieser Häuser erhalten und bewohnt sind, ist Hauptwil ein hervorragender Zeuge der frühen Ostschweizer Industriegeschichte. Der Wegzug der Brüder Gonzenbach von St. Gallen stürzte die Stadt in eine Krise. Weitere Kaufleute drohten mit dem Wegzug, dem Beispiel der Gonzenbach folgend. Dank der Unterstützung von Hauptwil machten nun kleinere Leinwandorte, beispielsweise Trogen, der Stadt St. Gallen die Vormachtstellung streitig.

An diesen Orten durften die Bleicher Hilfsmittel einsetzen, um die Leinwand weisser zu machen; die Weber konnten sich dort rasch auf die wechselnde Nachfrage auf dem internationalen Markt einstellen, produzierten neuartige und billigere Stoffsorten und stiegen früh in das aufkommende Baumwollgewerbe ein.

Der Dichter Friedrich Hölderlin wohnte im Hauptwiler Kaufhaus.

Der Dichter Friedrich Hölderlin wohnte im Hauptwiler Kaufhaus.

(Bild: Reto Martin)

1720 setzte ein Familienzweig Gonzenbach als Erster in der Ostschweiz auf den Textildruck, der erst Jahre danach auch andernorts Fuss fasste, beispielsweise in Herisau, Islikon, Arbon, Aadorf oder Diessenhofen. Die Hauptwiler Indiennedruckerei ist ein besonders schönes Relikt aus jener Textilepoche. Im «Kaufhaus» des Patrons Anton Gonzenbach wirkte 1801 der Dichter Friedrich Hölderlin als Erzieher, was Hauptwil für seine Verehrer Robert Walser, Martin Heidegger und andere zum geschätzten Besuchsziel machte. Am 20. März dieses Jahres feiert man seinen 250. Geburtstag.

Die Kaufleute Gonzenbach versuchten, je auf eigene Weise ihre Unternehmen zu erhalten. Bei den einen war es eine Familienstiftung, die den ältesten Sohn in adeliger Manier zum Patron machte. Im anderen geschah es durch Verzicht von an sich erbberechtigten Nachkommen. Lange Jahre überschattete ein Streit um Gerichtsherrenrechte und Wassernutzung das gegenseitige Verhältnis. Erst mit der Heirat von 1770 zwischen Anton von der einen und Ursula von der anderen Familie kam es zur Versöhnung.

Ein Gonzenbach entwarf das St. Galler Wappen

Immer wieder spielten ledige und verheiratete Frauen eine wichtige Rolle. So trugen Cleophea Gonzenbach (1676–1757) und ihre zwei ledigen Schwestern massgeblich zum Gedeihen des Unternehmens bei. Auffällig in der Heiratspolitik waren die zahlreichen Beziehungen zu den Familien Zollikofer von Altenklingen. Eine Besonderheit war auch, dass die Söhne und Töchter um Jahre früher in den Ehestand traten als bei der übrigen Bevölkerung, was jedoch nicht immer zu einer grossen Nachkommenschaft führte. Viele Familienangehörige verzichteten zeitlebens auf die Heirat.

Cleophea Gonzenbach (1676-1757) war zusammen mit zwei Schwestern während Jahrzehnten die treibende Kraft im Unternehmen.

Cleophea Gonzenbach (1676-1757) war zusammen mit zwei Schwestern während Jahrzehnten die treibende Kraft im Unternehmen.

(Bild: Historisches Museum, Frauenfeld)

Ein Familienzweig Gonzenbach kehrte im frühen 18. Jahrhundert erfolgreich nach St. Gallen zurück. Peter Gonzenbach (1701–1779) verhalf dort der Produktion von Mischgeweben zum Durchbruch. Sein Sohn David (1738–1810) war es, der das Wappen des 1803 neugeschaffenen Kantons St. Gallen entwarf.

Wappen des Kantons St.Gallen im Bundeshaus.

Wappen des Kantons St.Gallen im Bundeshaus.

(Bild: Walter Schwager)

*Zum Autor
Der Historiker Ernest Menolfi, Jahrgang 1943, ist unter anderem Verfasser der Ortsgeschichten von Hauptwil-Gottshaus (2011), Bürglen und Sulgen. Er ist in St. Gallen aufgewachsen und lebt in Basel. Sein neustes Werk: Frühes Unternehmertum in Hauptwil. Die Textilmanufakturen Gonzenbach im 17. und 18. Jahrhundert (Co-Autor Peter Bolli). Erschienen in den Thurgauer Beiträgen zur Geschichte, Band 157, Verlag des Historischen Vereins des Kantons Thurgau, Frauenfeld 2019. Fr. 48.-. (wu)

Mehr zum Thema