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Tödliche Dämonenaustreibung in Wagenhausen vor Obergericht: Die Anträge von Verteidiger und Staatsanwalt liegen weit auseinander

Nach dem Bezirksgericht Frauenfeld befasste sich am Mittwoch das Thurgauer Obergericht mit dem Tötungsdelikt an einer kleinwüchsigen Frau Anfang 2016 in Wagenhausen. Der Vater als Täter hofft auf Milde, der Staatsanwalt auf Strenge.
Stefan Hilzinger
Letzter Verhandlungstag im Mordfall Wagenhausen: Der Angeklagte wird von der Polizei ins Bezirksgericht Frauenfeld begleitet. (Bild Reto Martin, 9. März 2018).

Letzter Verhandlungstag im Mordfall Wagenhausen: Der Angeklagte wird von der Polizei ins Bezirksgericht Frauenfeld begleitet. (Bild Reto Martin, 9. März 2018).

  • Der Vater akzeptiert zwar den Schuldspruch des Bezirksgerichts Frauenfeld wegen eventualvorsätzliche Tötung seiner Tochter, nicht aber das Strafmass von neun Jahre Zuchthaus.
  • Der Verteidiger plädiert für 4,5 Jahren Haftstrafe, angesichts der Reue und Einsicht seines Mandanten sowie wegen dessen leichten bis mittleren Schuldfähigkeit.
  • Der Staatsanwalt fordert weiterhin 14 Jahren Haft, auch weil der Täter zusätzlich wegen Schändung schuldig gesprochen werden soll.
  • Das Thurgauer Obergericht hat noch kein Urteil gefällt.

Vor einem Jahr verurteilte das Bezirksgericht Frauenfeld den Vater der jungen Frau wegen eventualvorsätzlicher Tötung zu einer Freiheitsstrafe von neun Jahren. Der Staatsanwalt hatte eine Bestrafung mit 14 Jahren Freiheitsentzug gefordert. Dabei bleibt er auch in seinem Plädoyer an der Berufungsverhandlung am Mittwoch vor dem Thurgauer Obergericht.

Anders als das Bezirksgericht will die Staatsanwaltschaft den Vater auch wegen Schändung alternativ wegen Störung des Totenfriedens verurteilt sehen. Ausserdem gewichtet der Staatsanwalt das Verschulden und die Schuldfähigkeit des Vaters (dem sogenannten Berufungskläger) höher als das Bezirksgericht.

«Er handelte keineswegs heissblütig»

«Der Berufungskläger beschreibt sein Vorgehen akribisch und zeigte anlässlich der Rekonstruktion der Tat kaum Empathie. Er handelte keineswegs heissblütig, wie das Bezirksgericht meint», sagte Oberstaatsanwalt Marco Breu. Daraus eine Strafmilderung abzuleiten, sei nicht rechtens.

Massive Innere Verletzungen durch Fusstritte

Was genau sich am Abend des 2. Januar 2016 in jener Wohnung in Wagenhausen abgespielt hat, wird man wohl nie genau erfahren. Was jedoch erwiesen ist, dass damals eine junge Frau an massiven inneren Verletzungen zu Tode gekommen ist. Ihr 51-jährige Vater befindet sich seit dem Urteil des Bezirksgerichts Frauenfeld im vorzeitigen Strafvollzug.

Es sah es als erwiesen an, dass die geistig behinderte und kleinwüchsige Tochter an den Folgen von massiven inneren Verletzungen gestorben ist, die ihr der Vater mit Fusstritten beigebracht hatte. Der Hergang und die Folgend der Handlungen stehen vor Obergericht nicht mehr grundsätzlich zur Diskussion, da der Vater den Schuldspruch wegen eventualvorsätzlicher Tötung akzeptiert hat.

Licht bis mittel verminderte Schuldfähigkeit

Der Vater habe die Tochter am Abend des 2. Januar 2016 zwar nicht töten wollen, hiess es in der mündlichen Urteilsbegründung vor Bezirksgericht. Er habe aber schwerste Körperverletzungen, ja den Tod in Kauf genommen, weshalb er eventualvorsätzlich gehandelt habe. Das Bezirksgericht billigte ihm eine leicht bis mittel verminderte Schuldfähigkeit zu. Opfer und Täter stammten aus dem Raum Ravensburg, weshalb der Fall auch in den süddeutschen Medien Beachtung fand.

Die kleinwüchsige und geistig behinderte Tochter kannte ihren leiblichen Vater erst sei kurzem. Sie feierten den Jahreswechsel 2015/2016 mit einem gemeinsamen Freund in dessen Wohnungen in Wagenhausen. Der Freund wurde im Rahmen der Strafuntersuchungen der unterlassenen Nothilfe angeklagt, vom Bezirksgericht Frauenfeld in der Folge freigesprochen.

Anhänger der Mittelalterszene

Der Vater wie auch der Gastgeber verkehrten in der Mittelalterszene und hatten einen Hang zum Okkulten, weshalb die Tat in den Medien auch als Teufels- oder Dämonenaustreibung bezeichnet wurde. Der Vater hatte der Tochter nach seinen Aussagen «auf eigenen Wunsch» mit den Füssen eine Art Heilmassage verabreicht, weil sie «aggro» gewesen sei. «Es kann nicht von einer Massage die Rede sein, sondern von einer Misshandlung», sagte der Bezirksrichter in der mündlichen Begründung des Urteils. (hil)

Betreffend Schändung seien die intimen Handlungen an der schwer verletzten, möglicherweise bereits toten Tochter auch aus Sicht des Bezirksgericht erwiesen. Allerdings habe das Bezirksgericht dem Täter einen laut Breu unhaltbaren Rechtfertigungsgrund zugute gehalten: Der Vater habe seine Tochter reanimieren wollen, indem er sie mit Fingern anal und vaginal penetrierte. «Solche Handlungen sind erwiesenermassen untauglich. Das hätte der Täter mit seinen medizinischen Kenntnissen wissen müssen. Ausserdem hätte er die Nachbarn zu Hilfe rufen können oder die Sanität», sagt Breu und weiter:

«Sein Mitbewohner hatte ihn am Telefon ja explizit dazu aufgefordert, Hilfe zu holen. Warum der Täter dies nicht machte, wissen wir bis heute nicht.»

Summa summarum kommt Breu zum Schluss, dass eine Freiheitsstrafe von 13 bis 14 Jahren durchaus angemessen sei, «zumal die Tat Komponenten eines Mordes aufweist».

Falsche Voraussetzungen

Vollkommen anders beurteilt der amtliche Verteidiger des Vaters die Sache. Sein Antrag lautet auf eine Freiheitsstrafe von viereinhalb Jahren. Wie der Verteidiger ausführte, sei das Bezirksgericht bei der Strafzumessung von einer zu hohen Einsatzstrafe ausgegangen, angesichts der vom Bezirksgericht selbst attestierten leichten bis mittelschweren Schuld.

Von der Einsatzstrafe aus ermittelt das Gericht unter Berücksichtigung von strafmildernden und strafverschärfenden Aspekten das Urteil. Vergleichbar leiten Staatsanwalt und Verteidiger ihre Anträge ab.

Im Parterre des Hauses an der Dorfstrasse 1 in Wagenhausen geschah am 2. Januar 2016 die Tat. (Bild: Reto Martin, Januar 2016)

Im Parterre des Hauses an der Dorfstrasse 1 in Wagenhausen geschah am 2. Januar 2016 die Tat. (Bild: Reto Martin, Januar 2016)

Der Strafrahmen bei vorsätzlicher Tötung liegt laut Verteidiger zwischen fünf und zehn Jahre (dies aber bei schwerem Verschulden). Im Falle einer eventualvorsätzlichen Tötung gehe es dann noch um ein Strafmass zwischen 5 und 6,5 Jahre. Der Verteidiger zog hier Urteile zu Raserdelikten als Vergleich heran, was der Staatsanwalt in seiner Replik als unangemessen bezeichnete.

Der Verteidiger bemängelte auch, dass die Vorinstanz den Umstand zu wenig gewichtet habe, dass sein Klient die zivilrechtlichen Forderungen der Angehörigen von Beginn an akzeptiert habe. Das sei auch ein Ausdruck von Reue gewesen. Der Verteidiger:

«Es ist stimmt nicht, dass mein Klient keine Reue gezeigt hat. Ihm vorzuhalten, er habe nicht geweint, ist polemisch.»

Der Verteidiger bemängelte zudem, dass das Bezirksgericht eine Vorstrafe des Vaters strafverschärfend berücksichtigt hat. «Die unterjährige Strafe wurde nach zehn Jahren aus dem Deutschen Strafregister gestrichen.» Halte man ihm seine Reue und Einsicht sowie seine persönliche Betroffenheit zugute, so sei eine Strafe von 4,5 Jahren Gefängnis der Schuld seines Mandanten angemessen.

«Eine ungeheuerliche Tat»

«Bestrafen Sie den Täter so hart wie es das schweizerische Strafrecht zulässt und so wie es der Täter verdient», sagt der Anwalt der Angehörigen Richtung Obergericht. Er verzichte angesichts der ungeheuerlichen Tat auf rationale, oft kalte, juristische Erwägungen. Wenn wir uns ein Bild der Tat machen müssten, dann würden wir dieses Bild rasch wieder beiseite wischen wollen. «Noch heute leiden Mutter und Bruder unter den Folgen der Tat und machen sich Vorwürfe, nicht genug zum Schutz der Tochter und Schwester unternommen zu haben.»

Nach den kurzen Plädoyers erteilte Obergerichtspräsidentin Anna Katharina Glauser Jung dem Vater das letzte Wort. Ob er noch etwas zu sagen habe, wollte sie wissen. «Nein, im Moment nicht», war seine Antwort.

Das Urteil des Obergerichts steht noch aus.

Der Fall zum Nachlesen:

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