Tagesgericht: Hat er der Konkurrenz Arbeiten zugeschanzt?

Eine Firma für Klima- und Lüftungstechnik klagt gegen ihren ehemaligen Mitarbeiter. Dieser soll einen Auftrag an seinen Kollegen weitergereicht haben.

Silvan Meile
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Das Obergericht des Kantons Thurgau in Frauenfeld. (Bild: Thi My Lien Nguyen)

Das Obergericht des Kantons Thurgau in Frauenfeld. (Bild: Thi My Lien Nguyen)

«Im Zweifel für den Angeklagten!», sagt der Angeklagte energisch im Gerichtssaal. Er lässt dabei seine flache Hand auf das Rednerpult klatschen. Der Beschuldigte sieht eine Verschwörung als Grund, weshalb er auf der Anklagebank am Thurgauer Obergericht sitzt. Die Staatsanwaltschaft habe alles ausgeblendet, was ihn entlasten würde.

«Es ist tragisch, dass wir nun so weit sind, dass Leute wie ich so an den Pranger gestellt werden.» Beweismittel zu seinen Gunsten würden bewusst zurückgehalten werden. Leute, die ihn entlasten könnten, seien nicht befragt worden. Wie die Verschwörungstheoretiker, welche die Mondlandung leugnen, werde hier vorgegangen, erklärt der 45-jährige Oberthurgauer weiter. Wie die Verschwörungstheoretiker würde sich die Staatsanwaltschaft nur jene Fakten herauspicken, die ihr in den Kram passen. Der Beschuldigte verteidigt sich selber. Wieder klatscht die Hand auf die Holzplatte. «Im Zweifel für den Angeklagten.»

Beide sind ohne Anwalt gekommen

Die Staatsanwaltschaft kann sich zu den Vorwürfen nicht äussern. Sie ist der Verhandlung ferngeblieben. Dem Beschuldigten sitzt aber sein ehemaliger Chef gegenüber. Auch dieser ist ohne Anwalt gekommen. Er wirft seinem ehemaligen Mitarbeiter vor, einen Auftrag für eine neue Klimaanlage einer Konkurrenzfirma weitergegeben zu haben.

«Im Zweifel für den Angeklagten», urteilte die Erstinstanz. Für das Bezirksgericht Arbon konnte nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden, dass der Beschuldigte bewusst vertragswidrig handelte, indem er einer Drittperson Firmenaufträge zuschanzte. Auch sei nicht ersichtlich, dass sich der Beschuldigte durch einen solchen betrügerischen Komplott und der ungetreuen Geschäftsbesorgung selber bereichert habe.

Vor Obergericht führt nun aber der ehemalige Chef einen neuen, für ihn entscheidenden Beweis ins Feld. Ein E-Mail, abgesendet vom Firmenserver, soll nun die Richter überzeugen. «Er hat den Auftrag weitergegeben, der Sachverhalt ist klar», sagt der Chef der Firma, die im Bereich Klima- und Lüftungstechnik arbeitet. Das E-Mail soll den Freispruch aufheben. Statt nach einem Besuch beim Kunden den Auftrag intern einzuleiten, habe er ihn an einen Kollegen der Konkurrenz weitergeleitet. Das Obergericht nahm den neuen Beweis auf, fällte aber noch kein Urteil.

Zu unrecht 46000 Franken bezogen

Die Anklage wegen Betrug und ungetreuer Geschäftsbesorgung, die damals zum Freispruch führte, war nur ein Teil der ursprünglichen Verhandlung. Völlig ungeschoren kam der Mann nicht davon. Das Bezirksgericht Arbon verurteilte ihn damals auch zu einer Geldstrafe von 90 Tagessätzen à 100 Franken und auferlegte ihm Verfahrenskosten von rund 4500 Franken. Denn der Beschuldigte verheimlichte den Behörden mehrere Einkommen, bezog aber gleichzeitig Arbeitslosenentschädigung. Dadurch habe er zu unrecht 46000 Franken an Versicherungsleistungen erhalten, stellte das Bezirksgericht fest und klassierte das als «erhebliche kriminelle Energie».

Schon 2007 wurde der Beschuldigte vom Kantonsgericht St. Gallen wegen gewerbsmässigen Betrugs und mehrfacher Urkundenfälschung zu einer bedingten Freiheitsstrafe von acht Monaten verurteilt. Sein erneutes Vergehen in diesem Bereich habe er selber angezeigt, heisst es im erstinstanzlichen Urteil.