«Szenen wie im Wilden Westen»: Zwei Ex-Camper berichten von den Streitereien in der Fischinger Residenz Waldruh

Roland Blum und seine Partnerin haben auf dem Fischinger Campingplatz verbale und körperliche Angriffe erlebt. Nervenzusammenbrüche und Schlafstörungen waren die Folgen. Das Paar will das Kapitel Waldruh nun aber friedlich beenden.

Roman Scherrer
Drucken
Teilen
Die eigentlich idyllisch gelegene Residenz Waldruh war vergangenes Jahr Schauplatz von mehreren Auseinandersetzungen.

Die eigentlich idyllisch gelegene Residenz Waldruh war vergangenes Jahr Schauplatz von mehreren Auseinandersetzungen.

(Bild: Reto Martin)

Seine Augen funkeln, wenn er zurückblickt. «Die Waldruh war mein Paradies», schwärmt Roland Blum. Bis im vergangenen Oktober hatten er und seine Partnerin je eine Parzelle auf dem Fischinger Campingplatz. «Es war eigentlich perfekt. Ich konnte dort nachhaltig leben, genau mein Ding.» Sein Plan war es, in der Residenz Waldruh während seiner dreijährigen Ausbildung zum Traumatherapeuten günstig zu wohnen. Blum und seine Partnerin blieben schliesslich keine zwei Jahre.

Kürzlich las Roland Blum in der Thurgauer Zeitung den Artikel über die unzufriedenen Camper in der Residenz Waldruh. Dabei stach ihm eine Aussage von Campingplatzbetreiber Kai Zwicky ins Auge: «Zwei Camper sind vom einen Tag auf den anderen gegangen und haben eine Sauerei auf ihren Parzellen hinterlassen.» – «Damit sind bestimmt wir gemeint», sagt Blum.

«Wir sind aber nicht einfach gegangen, wir sind geflüchtet!»

Seine Miene wird ernster, als er von seinen unschönen Erlebnissen in der Waldruh erzählt. Angefangen habe es mit den Schikanen eines anderen Campers. Dieser habe unter anderem die Stromleitungen so umgehängt, dass er über eine eigene Zuleitung verfügte, sich aber Blum und seine Partnerin eine Zuleitung mit einer dritten Parzelle teilen mussten.

Folglich konnte das Paar auf seinen Parzellen nicht einmal mehr einen Wasserkocher anschliessen, ohne dass die Sicherung rausflog. «Unsere Plätze waren so nicht mehr bewohnbar.» Als sie dies Kai Zwicky meldeten und sagten, sie würden unter diesen Umständen die Miete nicht mehr bezahlen, antwortete der Betreiber zunächst, die Stromzuleitung sei «Sache der Camper».

Körperliche und verbale Angriffe

Spuren hinterliessen bei Roland Blum und seiner Partnerin aber vor allem körperliche und verbale Angriffe. Von einem Camper sei Blum mehr als einmal attackiert worden. «Ich habe ihn angezeigt.» Ein anderer Waldruh-Bewohner sei eines Abends «im Vollrausch» mit einem Besenstiel auf ihn losgerannt und habe ihn mehrfach geschlagen. «Offenbar wegen eines Gerüchts, wonach ich ihn umbringen wolle», berichtet Blum. «Ich fragte ihn, ob ich denn einen Grund dafür hätte.»

Der Angreifer habe verneint und sei weinend davongerannt. «Dann kehrte er zurück, mit einer grossen Beule in der Hosentasche, zu der er griff.» Blum habe ihn gebeten, stehen zu bleiben. «Er sagte: Du denkst, ich habe eine Waffe in der Tasche, oder?» Herausgezogen habe er dann nur einen Schlüsselbund. Blum sagt:

«Es waren zum Teil Szenen wie im Wilden Westen. Ich hatte anschliessend einen Nervenzusammenbruch»

Ähnlich erging es seiner Freundin, als sie zuerst von einem Camper und anschliessend von dessen Lebenspartnerin körperlich und verbal attackiert wurde. Die Bezeichnung «Schlampe» sei dabei noch eine der harmloseren gewesen. «Anlass war ein Gerücht, nach dem ich angeblich 600 Franken pro Stunde verdienen soll», erzählt Blums Partnerin.

Nach einer Aussprache mit Betreiber Zwicky und einigen anderen Campern hätten Letztere eines Abends nahe von Roland Blums Parzelle extra laut ihre Bierflaschen weggeworfen. «Das Ganze haben sie indirekt in unsere Richtung kommentiert.» Im Oktober wurde es dem Paar zu viel. Die beiden traten die Flucht an, wie sie selber sagen. «Wir litten noch monatelang unter Schlafstörungen», sagt Blum.

Wohnwagentür stand bei Rückkehr offen

Etwa alle drei Wochen seien sie wieder in die Waldruh gegangen, um nach ihren Parzellen zu sehen. «Als wir zurückkamen, war ein Ster Holz verschwunden und die Wohnwagentür, die ich jeweils abgeschlossen hatte, wurde mehrmals geöffnet.» Mehr sei zwar nicht geklaut worden, aber einer der beiden Plätze hätten sehr unordentlich ausgesehen, weil Abfallsäcke aufgerissen waren. «Das sah nicht so aus, als ob Tiere dafür verantwortlich waren», sagt Blum.

Sie hätten also keine Sauerei auf ihren Parzellen hinterlassen. «Die Säcke hatten wir in einer Holzvorrichtung gelagert», ergänzt seine Partnerin. «Mäuse hätten da zwar reinklettern können. Beide Türen der Vorrichtung waren aber ausgehängt und lagen am Boden. Wir haben deshalb an Sabotage gedacht.» Es wäre nicht das erste Mal gewesen, im vergangenen August sei ihr Regenwassertank und eine Blache mehrfach durchstochen worden.

Mit Campingplatzbetreiber Kai Zwicky will das Paar friedlich auseinandergehen und das Kapitel Waldruh beenden. In der Residenz Waldruh sehen sie «unglaubliches Potenzial». «Uns geht es hier nicht darum, irgendwelche Leute zu denunzieren», erklärt Roland Blums Partnerin. «Vielmehr hoffen wir, dass die mediale Aufmerksamkeit als Chance für einen Neubeginn in der Waldruh dient.»

Betreiber hält an seiner Aussage fest

Der Artikel über die unzufriedenen Camper in der Residenz Waldruh hat auch Mark Stöckli auf den Plan gerufen. Nachdem er einige Zeit auf dem Campingplatz gewohnt hatte, zieht er nun um und räumt seinen Platz in der Waldruh. «Ich war gerne dort», sagt Stöckli. Die Camper, welche sich über die Zustände beschwert haben, hätten aber übertrieben.

«So dramatisch war es nicht.»

Weil Betreiber Kai Zwicky aber oft nicht selber vor Ort sein könne, wünsche er der Waldruh für die Zukunft, dass jemand die Kompetenz erhält, dort für klare Strukturen zu sorgen, sagt Stöckli. «Und, dass die Leute dort wieder etwas zur Ruhe kommen.»

Campingplatzbetreiber und –inhaber Kai Zwicky erklärt, dass er vor wenigen Tagen in der Waldruh war und Änderungen umsetzte:

«Ich habe die Leute etwas heruntergeholt. Der bisherige Platzwart hat keine Befugnisse mehr.»

Die Aufgaben habe er einer neuen externen Kraft übergeben. Zudem sei eine neue Ansprechperson für die Camper vor Ort definiert und ein Gruppenchat eingerichtet worden. «Bevor etwas eskaliert, kann man das Problem so melden und probieren, es sauber zu lösen», sagt Zwicky. «Die Camper sind positiv gestimmt, was die Zukunft angeht.»

Empfiehlt Anzeige bei der Polizei

Zu den Auseinandersetzungen in der Residenz Waldruh sagt der Betreiber: «Ich bin für vieles verantwortlich. Aber wenn es zu Handgreiflichkeiten kommt, rate ich den Leuten, Anzeige bei der Polizei zu erstatten.» Er sei stets bemüht, Konflikte zu schlichten, sagt Kai Zwicky.

«Nur aufgrund von Hörensagen schmeisse ich niemanden vom Platz.»

Bei den Stromleitungen sei es so, dass die Camper für die Zuleitungen von Übergangspunkten bis zu ihrer Parzelle verantwortlich seien. «Die Residenz Waldruh ist für die Leitung bis zu den Übergangspunkten – Stromverteiler mit Steckdosen – verantwortlich», sagt Zwicky. «Unsere Elektroleitungen werden alle fünf Jahre durch das EW amtlich kontrolliert.» Änderungen, welche Camper an ihren Zuleitungen vornehmen, müssten gemäss Platzreglement durch einen konzessionierten Elektriker geprüft werden.

Kai Zwicky ist nach wie vor überzeugt, dass Roland Blum und dessen Partnerin auf ihren Parzellen eine «riesige Sauerei hinterlassen» haben. «Sie könnten einfach dazu stehen. Sie haben Abfallsäcke liegen lassen, darin waren auch Lebensmittel.» Vom Wild seien die Säcke aufgerissen worden. «Und wir hatten dadurch Mäuse auf dem Platz.» Seit etwa drei Wochen seien sie nun aber am Aufräumen.

Zwicky stört sich daran, dass die beiden Camper «einfach gegangen und in keiner Form gekündigt haben». Nach wie vor will aber auch der Betreiber die Differenzen friedlich lösen: «Ich habe angeboten, den Caravan von Roland Blums Partnerin zu übernehmen und dafür auf Mietausstände zu verzichten.»