Öffentliche Kritik
«Südkurier» und «Konstanzer Anzeiger» haben Ärger wegen AfD-Wahlwerbung

Mit ihrer Entscheidung, Wahlwerbung für die rechtsextreme AfD zu veröffentlichten, haben sich «Südkurier» und «Konstanzer Anzeiger» ganz schön in die Nesseln gesetzt.

Stefan Böker
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«Südkurier» und «Konstanzer Anzeiger» geraten wegen veröffentlichter Wahlwerbung der AfD in Kritik.

«Südkurier» und «Konstanzer Anzeiger» geraten wegen veröffentlichter Wahlwerbung der AfD in Kritik.

Bild: Imagio

Die Nachbarstadt hat ein neues Aufregerthema. «Südkurier» und «Konstanzer Anzeiger» haben eine Wahlzeitung der rechtsextremen Partei «Alternative für Deutschland» verteilt, die trotz Impressum und Hinweis auf Seite 1 der Tageszeitung für ungeübte Leserinnen und Leser wie ein redaktioneller Beitrag aussieht. Inhaltlich werden der Klimawandel kleingeredet, die Gefährlichkeit von Corona angezweifelt und Andersdenkende in Wort und Bild teils grenzwertig verunglimpft.

Einer der ersten, die den «Südkurier» öffentlich dafür kritisierten, «Hetzern, Nazis, Anti-Demokraten und Faktenverdrehern» bei den Landtagswahlen eine Plattform zu bieten, war Michael Lünstroth. «Verantwortungsvolle Verleger lehnen den Druck einer AfD-Wahlzeitung voller Fake News ab», befand der Redaktionsleiter von Thurgau Kultur und frühere «Südkurier»-Redaktor auf Twitter. Ihm schlossen sich auf lokaler Ebene zahlreiche Persönlichkeiten an. Fotos ihrer Briefe an die Redaktion wurden geteilt. Oder gleich Abo-Kündigungen. Anselm Venedey, ehemaliger Konstanzer Stadtrat und Gastronom, liess wissen, er werde in seinen drei Lokalen künftig keine Ausgaben des «Südkurier» mehr auslegen.

Jan Böhmermann und «Spiegel» berichteten darüber

Bezeichnend ist, dass der Sturm der Entrüstung mittlerweile bundesweit weht. Nachdem Entertainer Jan Böhmermann das Thema aufgriff, berichteten der «Spiegel» und weitere Medien. Zur Kritik mischten sich alsbald Spott und Häme über so viel negative Aufmerksamkeit für die beiden Lokalblätter.

Erwähnenswert auch, dass Bürgerliche in die Kritik einstimmen. So schlug der Konstanzer CDU-Landtagskandidat Levin Eisenmann gegenüber dem online Portal «Seemoz» vor, die Verantwortlichen könnten ihre unkritische Haltung wieder ausbügeln – wenn sie «jetzt Sportvereinen mit Integrationsprojekten oder der jüdischen Gemeinde den Erlös aus der AfD-Beilage» spenden. Gekostet haben dürfte die mehrseitige, inhouse gedruckte Beilage ein kleines Vermögen. Ein ehemalige «Südkurier»-Mitarbeiter meldete sich ebenfalls zu Wort. Lutz Rauschnick sagte gegenüber «Seemoz», er schäme sich mittlerweile für die Zeitung, für die er 33 Jahre lang tätig war.

Still bleiben die betroffenen Medien

Wie die Konstanzer Polizei auf Anfrage der «Thurgauer Zeitung» bestätigte, haben Unbekannte zudem die Fassade eines Verlagsgebäudes beschmiert. Die Polizei ermittelt wegen Sachbeschädigung. Online kursiert ein anonymes Bekennerschreiben von «Antifaschist:innen». Ihre «Farbbomben» seien als Ermahnung zu verstehen, dass «widerliche Hetze» zukünftig Reaktionen nach sich ziehen werde – für einige ein unrühmlicher Höhepunkt des Protests, den die Wählervereinigung «JungesForumKonstanz» auf Twitter scharf verurteilt: «Kritik darf nicht durch Gewalt oder ihre Androhung ausgeübt werden.»

Mucksmäuschenstill blieben indes die Redaktionen der kritisierten Zeitungen. Medienanfragen beantwortete ein Marketingverantwortlicher. Solange die AfD nicht verboten ist, so lange werde der «Südkurier» Werbung für die Partei machen – ein Statement, das sicherlich das Seine zur Eskalation beigetragen haben dürfte.