Strommangel
Mehr Menschen, mehr Stromverbraucher: Thurgauer SVP-Kantonsräte befürchten Stromknappheit und sogar Stromausfälle

Die Energieversorgung im Thurgau steht vor einem Dilemma. Fossile Energien wie Erdgas, Heizöl, Benzin oder Diesel sollen durch erneuerbare Energien wie Holz, Erdwärme, Biogas, Windräder, Fotovoltaikanlagen oder Sonnenkollektoren ersetzt werden. Dadurch steigt der Strombedarf an. Doch es fehlt an Strom.

Hans Suter
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Auch die Umstellung von fossilen Treibstoffen auf Elektrizität in der Mobilität erhöht den Bedarf an elektrischer Energie.

Auch die Umstellung von fossilen Treibstoffen auf Elektrizität in der Mobilität erhöht den Bedarf an elektrischer Energie.

Bild: Pius Amrein

Es wird erwartet, dass die Thurgauer Bevölkerung bis zum Jahr 2040 um rund 50'000 Menschen auf mehr als 335'000 Einwohnerinnen und Einwohner anwachsen wird. Weitere zehn Jahre später muss die Energiestrategie 2050 umgesetzt sein. Das bedeutet bis dahin: Trotz Bevölkerungswachstum den Energieverbrauch zu senken, die Energieeffizienz zu erhöhen und die erneuerbaren Energien zu fördern. Die Schweiz will so die Abhängigkeit von importierten fossilen Energien reduzieren und die einheimischen erneuerbaren Energien stärken. Was im Sommerhalbjahr durchaus gelingen mag, stellt im Winterhalbjahr eine Herausforderung für die Stromversorger dar.

Ostral schaltet sich ein

Mitten im Aufbruch zur Energiewende droht der Schweiz ab dem Jahr 2025 auch noch ein weitreichender Ausschluss vom europäischen Strommarkt. Dies als Folge des Abbruchs der Verhandlungen über einen Rahmenvertrag mit der Europäischen Union. Dem kann sich auch der Thurgau nicht entziehen. Kommt es in der Summe aller anstehenden Probleme in absehbarer Zeit zu einer Strommangellage?

Diese Frage hat die Ostral auf den Plan gerufen – die Organisation für Stromversorgung in ausserordentlichen Lagen. Kürzlich wurden die Energieversorgungsunternehmen (EVU) der Gemeinden von der Ostral via EKT beauftragt, den grossen Stromkunden per E-Mail eine Broschüre zuzustellen. Darin werden Grossbezüger aufgefordert, sich «Überlegungen anzustellen, wie sie mit einer länger andauernden Strommangellage umgehen würden – und welche Massnahmen sie vorsorglich treffen können».

Das wiederum hat die beiden SVP-Kantonsräte Andreas Zuber (Märstetten) und Ruedi Zbinden (Mettlen) auf den Plan gerufen. Sie befürchten negative Konsequenzen für die Industrie und das Gewerbe, während die E-Mobilität im Privatbereich gefördert wird. Darauf reagierten sie mit der Einfachen Anfrage «Strommangellage versus Förderprogramme» an den Thurgauer Regierungsrat. Beide Kantonsräte sind nahe am Thema: Zuber als Elektroingenieur bei Stadler Rail, Zbinden als Gemeindepräsident und dadurch EVU-Vertreter der politischen Gemeinde Bussnang.

«Man hat für alles ein Elektrogerät»

Die Umsetzung der Energiestrategie 2050 verlangt eine Reduktion der CO2-Emissionen. Ein Grossteil der Massnahmen habe einen erhöhten Bedarf von elektrischer Energie zur Folge, halten Zuber und Zbinden in ihrem Vorstoss fest. Als Beispiele nennen sie die Elektromobilität und den Ersatz fossiler Heizungen durch Wärmepumpen. «Zugleich bezwecken die laufenden Förderprogramme, dass die Thurgauer Bevölkerung in diesen Bereichen aktiv und rasch einen Wandel vollzieht», weisen sie auf ein drohendes Dilemma hin. «Die Folge davon ist ganz klar ein erhöhter Bedarf an elektrischer Energie.» Erschwerend komme der vom Volk beschlossene Ausstieg aus der Kernenergie hinzu.

Kantonsrat Ruedi Zbinden (SVP, Mettlen).

Kantonsrat Ruedi Zbinden (SVP, Mettlen).

Bild: Reto Martin

Für Ruedi Zbinden ein Ärgernis. «Der Freizeitverkehr mit Stromverbrauchern wird uns schmackhaft gemacht, während sich die Industrie einschränken soll. Das kann doch nicht sein!» Schliesslich stehe die Wirtschaft für unsere soziale Wohlfahrt.

«Ich bin komplett dagegen, der Industrie den Strom abzustellen.»

Zbinden verweist auf den aktuellen gesellschaftlichen Trend: «Mehr Menschen brauchen mehr Energie. Man hat für alles ein Elektrogerät, von der Elektroschere bis zum Elektroauto.»

Kantonsrat Andreas Zuber (SVP, Märstetten).

Kantonsrat Andreas Zuber (SVP, Märstetten).

Bild: PD

Auch Andreas Zuber blickt mit gemischten Gefühlen auf die Förderprogramme. Er empfiehlt mehr Zurückhaltung bei der Förderung und stattdessen mehr auf Eigenverantwortung der Bürgerinnen und Bürger zu setzen.

«Es darf nicht sein, dass wir überall relativ grosszügig fördern und falsche Anreize setzen. Wir müssen auch die Endbezüger in die Verantwortung nehmen.»

Ein Dorn im Auge ist den beiden Kantonsräten auch, dass der Kanton bei der Grossbezüger-Sensibilisierung nicht selber den Lead übernommen hat.

Sechs Fragen an den Thurgauer Regierungsrat

Mit dem parlamentarischen Instrument einer Einfachen Anfrage richten sie unter dem Titel «Strommangellage versus Förderprogramme» sechs Fragen an den Regierungsrat. Einerseits wollen sie wissen, ob der Regierungsrat Kenntnis hatte von der Beauftragung an die Energieversorgungsunternehmen (EVU) der Gemeinden, und anderseits, ob er damit einverstanden ist, dass diese Information an die EVU delegiert wird. Die dritte Frage richtet sich nach der regierungsrätlichen Gewichtung der Versorgungssicherheit mit Strom in Bezug auf die Wirtschaftsförderung und das Bevölkerungswachstum.

Die vierte Frage lautet: «In welcher Beziehung können die Förderprogramme, die eine Verlagerung zur elektrischen Energie nach sich ziehen, mit der erhöhten Gefahr von Energie-Engpässen in Einklang gebracht werden?» Nicht weniger brisant ist die fünfte Frage: «Wer bestimmt bei einem Stromausfall infolge Überlast, welcher Verbraucher elektrische Energie beziehen darf?» Die sechste und letzte Frage ist schon fast eine Suggestivfrage: «Teilt der Regierungsrat die Ansicht, dass genügend Reserve in der Produktionskapazität das beste Mittel gegen eine Strommangellage ist?»

Die Antworten der Regierung stehen noch. Der Vorstoss wurde am 27. Oktober 2021 eingereicht.

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