Stress wegen gestresster Kita-Kinder: Thurgauer Regierung widerspricht Kantonsräten

Vier SVP-Kantonsräte sind mit Fragen zu bindungsgestörten Kindern an den Regierungsrat gelangt. Dieser sieht jedoch keine Hinweise auf das geschilderte Problem.

Larissa Flammer
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Kleinkinder in einer Kindertagesstätte. (Bild: Jens Wolf/KEY)

Kleinkinder in einer Kindertagesstätte. (Bild: Jens Wolf/KEY)

Wird ein Kind zu früh in die Tagesstätte geschickt, verursacht das bei ihm vermehrt Stress und je nach dem Bindungsstörungen. Davon gehen vier SVP-Kantonsräte in einer Interpellation aus. «Diverse Presseartikel haben im vergangenen Herbst die Lage eindeutig dargestellt», sagt Erstunterzeichner Andrea Vonlanthen (Arbon).

Einen Artikel – das Interview im «Tages-Anzeiger» mit Guy Bodenmann, Direktor der Praxisstelle für Kinder- und Jugendpsychotherapie am Psychotherapeutischen Zentrum der Universität Zürich – zitieren die Kantonsräte in ihrem Vorstoss «Gestresste Kleinkinder».

Vonlanthen ist von Antwort der Regierung enttäuscht

Die Thurgauer Regierung versteht Bodenmann indes anders. In ihrer Antwort schreibt sie: «Dem Interview lässt sich kein klarer Zusammenhang zwischen ausserfamiliärer Betreuung und problematischer Bindung entnehmen.» Es seien auch keine wissenschaftlichen Studien bekannt, die auf eine Zunahme von bindungsgestörten Kindern hinweisen.

SVP-Kantonsrat und Vorstösser Andrea Vonlanthen. (Bild: Thi My Lien Nguyen)

SVP-Kantonsrat und Vorstösser Andrea Vonlanthen. (Bild: Thi My Lien Nguyen)

Ob dieser Antwort ist Vonlanthen ernüchtert und enttäuscht. Er sagt:

«Wenn man heute in Kindergärten und Unterstufen reinschaut und mit Lehrpersonen spricht, sieht man, dass das Problem wirklich da ist.»

Der Regierungsrat gehe auf offensichtlich bestehende Tatsachen gar nicht ein.

Unter Dreijährige belegen etwa zwei Drittel der Plätze

Im Auftrag der Interpellanten gab der Regierungsrat in seiner Antwort Zahlen bekannt. Im vergangenen Jahr erhielten 244 Kinder und Jugendliche der Thurgauer Volksschule aufgrund einer «Verhaltenstörung» einen Sonderschulstatus. Der Anteil von verhaltensauffälligen Schülern sei aber wohl höher, was auch Vonlanthen betont.

Zwischen 2006 und 2016 haben sich die Besoldungskosten für Sonderklassen, Schulische Heilpädagogik, Logopädie, Psychomotorik und weitere Fördermassnahmen um rund 17 Prozent erhöht. Das hat gemäss Regierung unter anderem damit zu tun, dass eine Verlagerung von separativer Beschulung hin zu integrativer Förderung stattgefunden hat und das Niveau der Betreuung generell höher wurde.

Ungefähr zwei Drittel der Betreuungsplätze in Kindertagesstätten werden heute von unter drei Jahre alten Kindern belegt. Zwischen 2008 und 2017 fand im Thurgau etwa eine Verdoppelung der bewilligten Plätze für Kinder im Vorschulalter (bis vier- oder fünfjährig) statt. 2017 waren es deren 1516 Plätze.

Gute Hilfsangebote werden zu wenig genutzt

Vonlanthen betont, dass sich der Vorstoss nicht gegen Fremdbetreuung richtet, sondern gegen eine zu frühe Betreuung ausserhalb der Familie. Er sagt auch:

«Wir haben durch die Antwort den Eindruck, dass der Regierungsrat die externe Kinderbetreuung favorisiert.»

Die Regierung zählt als Antwort auf die Fragen der Kantonsräte Massnahmen auf, die sie zur Förderung von sowohl inner- als auch ausserfamiliärer Betreuung verabschiedet hat. Darunter fallen vor allem auch Kurse zur Elternbildung.

Andrea Vonlanthen findet die Angebote im Kanton gut und wertvoll, sagt aber: «Es zeigt sich immer wieder, dass viele Familien, die sie brauchen würden, diese nicht in Anspruch nehmen.»

Er hat zwei Vorschläge, wie dem Problem der gestressten und bindungsgestörten Kinder durch zu frühe Kita-Betreuung begegnet werden könnte. Einer lautet, dass die Kosten für externe Betreuung von unter dreijährigen Kindern nicht mehr im gleichen Mass steuerlich abgezogen werden können. Der andere sieht eine Stärkung der Elternbildung vor – mit Fokus auf die negativen Folgen für den Nachwuchs bei einer zu frühen Platzierung in Kindertagesstätten.