Streit
Die Hütten im Gachnanger Wald müssen weg – Familienvater ist von der Gemeinde enttäuscht: «Kinder gehören in den Wald»

Der Zwist um die beiden Hütten der Primarschule nähert sich einem Ende, denn sie müssen abgerissen werden. Die Gemeinde Gachnang hat die nachträgliche Baubewilligung verweigert. Der dreifache Vater Jonathan Hedinger, der eine Petition zur Erhaltung der Hütten ins Leben rief, ist enttäuscht.

Janine Bollhalder
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Eine der beiden Hütten im Wald. Sie muss nun abgerissen werden.

Eine der beiden Hütten im Wald. Sie muss nun abgerissen werden.

Bild: Donato Caspari (15. September 2020)

Die Hütten, welche seit 17 Jahren Gachnanger Kindergärtnern Schutz vor Unwetter bieten, müssen weg. So viel steht nun fest. Die beiden Hütten in einem Waldstück beim Weiler Rosenhuben haben seit dem Sommer 2019 für Diskussionen gesorgt. Damals hat eine Privatperson die beiden Hütten beim kantonalen Forstamt gemeldet, nach einem anderweitigen Streit mit dem Waldbesitzer. Der Haken dabei: Die beiden Hütten wurden einst ohne Baubewilligung errichtet. Nun hat die Gemeinde Gachnang eine nachträgliche Baubewilligung verweigert.

Schulpräsident Sven Bürgi.

Schulpräsident Sven Bürgi.

Bild: Reto Martin (19. Dezember 2020)

Angefangen hat alles im Jahr 2004, als die Hütten durch die Primarschule gebaut wurden. «Der Bau der Waldunterstände erfolgte in Absprache mit der Gemeinde und dem Forstamt», sagt Primarschulpräsident Sven Bürgi. Der Bau der Hütten geschah im Bewusstsein, dass die Handlung nicht legal ist – getreu dem Motto: «Wo kein Kläger, da kein Richter.» Und, wie Bürgi anfügt: «Zum Wohl der Kinder.» Weshalb die Waldhütten nun nach 17 Jahren des Bestehens durch jemanden aus der Gemeinde beanstandet wurden, ist ihm nicht bekannt.

Abriss oder nachträgliche Baubewilligung

Nachdem im Jahr 2019 die Meldung über die beiden illegalen Hütten beim kantonalen Forstamt einging, entschied der Kanton, dass diese entweder abzureissen sind oder eine nachträgliche Baubewilligung beantragt werden muss. Im März des vergangenen Jahres reichte CVP-Kantonsrat Peter Bühler eine Einfache Anfrage mit dem Titel «Waldunterstände für schulische Zwecke – verbieten oder fördern» ein. In der Antwort des Regierungsrats hiess es unter anderem, dass auch Bauten im Wald ein normales Bewilligungsverfahren benötigen. Und:

«Als Rückzugsgebiet für Tiere und Pflanzen soll der Wald nicht nach Belieben möbliert werden.»
Jonathan Hedinger, dreifacher Vater und Schulleiter.

Jonathan Hedinger, dreifacher Vater und Schulleiter.

PD

Im Februar des vergangenen Jahres startete Jonathan Hedinger, dreifacher Vater aus Gachnang, eine Petition mit dem Titel «Gegen den Abriss von schulischen Waldunterständen». Er sammelte 1277 Unterschriften. In einer Antwort vom Departement für Bau und Umwelt (DBU), datiert von Ende August 2020, heisst es ähnlich wie in der Antwort auf die Einfache Anfrage Bühlers:

«Die Behörden können das Waldgesetz nicht nach Belieben auslegen und bei Primarschulgemeinden beide Augen zudrücken, wenn sie ohne Baubewilligung bauen oder ein Bauvorhaben nicht bewilligungsfähig ist.»

Mit der Petition verbunden ist eine Forderung danach, das kantonale Waldgesetz schulfreundlich anzupassen. Der Antwort des DBU ist zu entnehmen, dass der Regierungsrat nicht vorsehe, dem Grossen Rat von sich aus eine Änderung des kantonalen Waldgesetzes vorzuschlagen. Offen sei jedoch etwa der Weg über eine Volksinitiative.

Grosses Echo auf Petition

Auf der Website openpetition.eu, wo Hedinger die Antwort des DBU veröffentlichte, zeigt er seine Enttäuschung über das Schreiben: «Leider scheint das DBU nicht daran interessiert zu sein, die Waldhüttenproblematik anzugehen. Dies ist enttäuschend und eine vergebene Chance.» Mit seiner Petition hat er offene Türen eingerannt. Diverse Kommentare bekräftigen Hedinger und seine Ansicht. Beispiele sind: «Ich bin in Gachnang aufgewachsen und hatte etliche tolle Stunden in diesem Wald.» Sowie: «Es ist traurig, dass man Kindern die Möglichkeit nimmt, bei jeder Witterung raus in den Wald zu gehen.»

Die Petition habe sich bewusst nicht nur auf das Objekt in Gachnang beschränkt, sondern steht generell für schulische Waldunterstände. «Nun sind alle diese Objekte gefährdet», sagt Hedinger. Er ist enttäuscht, sagt aber:

«Trotz allem bleibe ich an der Sache dran. Kinder gehören in den Wald.»

Der Gemeinderat von Gachnang hat sich bei der Verweigerung der nachträglichen Baubewilligung vom 8. Februar dieses Jahres auf den Entscheid des Amtes für Raumentwicklung sowie die Stellungnahme des kantonalen Forstamts gestützt. Im Bericht des Forstamts, der 16 Seiten umfasst, steht unter anderem:

«Die Voraussetzungen der Raumplanung sind erfüllt, den Anliegen des Natur- und Heimatschutzes dagegen wird nicht ausreichend Rechnung getragen.»

Besonders eckt die Grösse der Bauwerke links und rechts eines Bachs an. Im Raum steht auch das Fehlen einer Toilette. «Aufgrund des nahegelegenen Baches und insbesondere mit Blick auf die sehr intensive Nutzung in Form eines Kindergartens ist die Belastung durch menschliche Ausscheidungen kritisch und zu vermeiden.» Im Fokus des Forstamts steht die Erhaltung des Waldes. Dazu wird im Entscheid verkündet: «Das Gefüge des Waldes wird durch die bereits erstellten Bauten und Anlagen und die entsprechende Nutzung erheblich beeinträchtigt.»

Neues Konzept für den Waldkindergarten muss her

Bis Ende Mai muss die Primarschulgemeinde die beiden Hütten also abreissen. Das Konzept des Waldkindergartens in Gachnang erfordert einen neuen Ansatz. «Der Schulleiter sowie die Kindergartenlehrpersonen arbeiten bereits an einem neuen Konzept», sagt Primarschulpräsident Bürgi.

Gemeindepräsident Gachnangs: Roger Jung.

Gemeindepräsident Gachnangs: Roger Jung.

Bild: Andrea Stalder (27. September 2019)

Der Entscheid sei den betreffenden Parteien am 12.Februar dieses Jahres mitgeteilt worden, sagt Gemeindepräsident Roger Jung. Die Einsprachefrist sei ungenutzt verstrichen und der Entscheid des Gemeinderats nun rechtskräftig.

Würden die Hütten im Juni trotzdem noch im Wald stehen, müsse die politische Gemeinde via Ersatzvornahme zur Tat schreiten, erklärt Jung. Die Kosten für die Aufwendungen müsste die Primarschule tragen. Die Ersatzvornahme müsste verfügt werden. Diese Verfügung wäre mit einer Rechtsmittelbelehrung versehen, was bedeutet, dass der Abriss weiter verzögert werden könnte. Jung bilanziert:

«Würde dies eintreten, könnte es noch lange dauern und verfahrenstechnische Kosten verursachen, bis die beiden Hütten abgerissen sind.»

Doch er ist überzeugt, dass es so weit nicht kommen wird.