«Strafuntersuchung wurde schludrig geführt»: Verteidiger fordert Freispruch im Thurgauer Brandstifter-Prozess – Beschuldigter streitet sämtliche Vorwürfe ab

Ein 51-jähriger Thurgauer steht vor Gericht, weil er etwa 17 Brände gelegt haben soll. Da der Beschuldigte jedoch alles abstreitet, muss das Gericht anhand von Indizien ein Urteil fällen. Der Pflichtverteidiger will einen Freispruch für seinen Mandanten, der Staatsanwalt ist hingegen von der Schuld des Mannes überzeugt.

Ida Sandl
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Auch dieser Brand von mehreren Holzpaletten vor einer Lagerhalle in Riedt bei Erlen im September 2017 wird dem Beschuldigten zur Last gelegt.

Auch dieser Brand von mehreren Holzpaletten vor einer Lagerhalle in Riedt bei Erlen im September 2017 wird dem Beschuldigten zur Last gelegt.

Bild: Kapo

Er war es nicht, kann es sich nicht erklären und hat damit nichts tun: «Haben Sie den Holzschuppen in Brand gesetzt?» «Nein.» «Haben Sie die Werbeblache angezündet?» «Nein.» Mit eingesunkenen Schultern sitzt der 51-Jährige aus dem Thurgau vor den Weinfelder Richtern. Höflich, manchmal etwas formell, beantwortet er die Fragen von Vizegerichtspräsidentin Claudia Spring.

Etwa 17 Brände soll der einstige Feuerwehrmann von März 2016 bis Januar 2019 gelegt haben. Ausserdem wirft ihm die Anklage eine Reihe von Vandalenakten vor. So soll er teure Audis und einen Porsche zerkratzt oder mit Farbe besprüht haben. Mit dem Hammer habe er gegen die Hausfassade geschlagen. Passiert ist alles in der Region von Riedt bei Erlen. Oft war der Tatort nicht weit von seiner Wohnung entfernt.

Im Januar 2019 stand ein Reitstall in Flammen. Der Besitzer, Erlens Gemeindepräsidenten Thomas Bosshard, hat sich beim Versuch, das Feuer zu löschen, verletzt. Noch am selben Abend wurde der Beschuldigte verhaftet, seitdem sitzt er im Gefängnis. Jetzt sei Ruhe in der Gemeinde, sagt der Gemeindepräsident, der vor Gericht als Privatkläger auftritt.

Die Richter sitzen wegen Corona weit auseinander

Da der Beschuldigte alles abstreitet, muss das Gericht anhand von Indizien ein Urteil fällen. Die erste Verhandlung im Oktober wurde abgebrochen. Die Richter wiesen das Strafverfahren zurück an die Staatsanwaltschaft, um weitere Beweise zu liefern und ein zweites psychiatrisches Gutachten in Auftrag zu geben.

Am Donnerstag nun der zweite Anlauf. Wegen der Corona-Vorschriften sind keine Besucher zugelassen, das Pult wird nach jedem Plädoyer desinfiziert und alle sitzen weit auseinander. Ein neuer Staatsanwalt hat den Fall übernommen. Er beantragt eine Freiheitsstrafe von 13 Jahren. Der Pflichtverteidiger will einen Freispruch für seinen Mandanten, oder falls es doch zu einem Schuldspruch käme, eine Freiheitsstrafe von maximal 18 Monaten plus maximal 200 Tagessätze à 30 Franken.

Der Verteidiger fährt schweres Geschütz auf: Die Strafuntersuchung sei schludrig geführt worden, sein Mandant von Anfang an als Täter festgestanden. Dabei habe es auch Andere in der Region gegeben, die ein Motiv gehabt hätten. Vor allem misstraut der Anwalt den Videos der Überwachungskameras an den Tatorten. Auf einigen soll der Beschuldigte zu erkennen sein. Er mutmasst, sein Mandant sei im Nachhinein hineingeschnitten worden.

Ein Forensiker hat die Filme geprüft, aber keine Hinweise auf Manipulation gefunden. Das hätte nur ein Geheimdienst-Mitarbeiter so perfekt geschafft. Den Verteidiger überzeugt das nicht. Er möchte die Videos aus den Akten nehmen. Das Gericht weist den Antrag ab.

DNA belastet Beschuldigten

Der Staatsanwalt ist von der Schuld des Mannes überzeugt. Beobachtungen der Nachbarn und seine DNA auf einem gegen die Fassade geworfenen Stein würden ihn belasten. Die Kleider, die auf zwei Videos zu sehen sind, fand die Polizei später auch in seiner Wohnung. Nicht immer sind die Beweise eindeutig. Aus Sicht des Staatsanwaltes zeige sich aber ein Handlungsmuster.

Die Orte seien stets gut zugänglich, das Material leicht entzündlich, Brandbeschleuniger wurde nicht benützt. Ein St.Galler Gericht hat den Mann schon 2017 wegen versuchter Brandstiftung und Sachbeschädigung verurteilt. Die Taten leugnet er bis heute. Er poche beharrlich auf sein Recht und sei leicht kränkbar, heisst es im psychiatrischen Gutachten. Als Motive sieht der Staatsanwalt Neid auf andere und Streit mit Vermieter und Hausverwaltung. «Er wollte leidwerken.» Ein grosser Teil der Taten sei direkt gegen den Vermieter gerichtet gewesen. Das Urteil steht noch aus.

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