Interview

Steckborns abtretender Stadtpräsident Roger Forrer: «Der Altstadtbrand testete uns alle»

Das Büro ist geräumt, bald endet für Roger Forrer die Zeit als Stadtpräsidenten. Bevor der 54-jährige SVP-Politiker in die Privatwirtschaft wechselt, blickt er zurück – mit Höhen und echten Bewährungsproben.

Samuel Koch
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Roger Forrer sitzt am Besprechungstisch in seinem Büro im Stadthaus. (Bilder: Andrea Stalder)

Roger Forrer sitzt am Besprechungstisch in seinem Büro im Stadthaus. (Bilder: Andrea Stalder)

Roger Forrer, sind Sie jemand, der aus dem Bauch heraus Entscheide fällt?

Ja, aber ich lasse mir für wichtige Entscheidungen Zeit und schlafe dann noch einmal drüber.

War der Entscheid, nicht mehr länger Stadtpräsident zu bleiben, ein solcher Bauchentscheid?

Durchaus. Meine einzige Schwester, mit der ich unser Familienunternehmen vor 25 Jahren gründete, hatte kurz davor angefragt, ob ich nicht die Firma übernehmen wolle.

Verdient man denn in der Immobilienbranche mehr als im Steckborner Stadthaus?

Nein. Das war für mich nicht die Triebfeder. Es geht mir ums Familienunternehmen. Und vielleicht kann ich die Firma dann eines Tages an eines meiner vier Kinder übergeben.

Warum kandidierten Sie 2010 fürs Amt als Stadtpräsident?

Einerseits wegen meiner Familie. Andererseits merkte ich, dass die Steckborner Bevölkerung mit meinem Vorgänger nicht mehr zufrieden war.

Sie sagten während des Wahlkampfes gegen Stadtammann Thomas Baumgartner, dass Sie nicht am Bürger vorbeipolitisieren wollen. Haben Sie das geschafft?

Meine Bürotüren waren während der ganzen acht Jahre immer offen. Fast jeden Tag ist jemand bei mir vorbeigekommen und hat das Gespräch mit mir gesucht. Viele Probleme kann man nach bilateralen Gesprächen einfach lösen.

Es bringt nichts, wenn Leute die Faust im Sack machen.

Sie haben in Ihrer Zeit viele Projekte initiiert.

Das habe ich versucht, obwohl es ab und zu Mut brauchte. Ohne die Zustimmung der Bevölkerung wäre das aber nicht möglich gewesen. Wenn man den Stimmberechtigten Gründe für ein Projekt darlegt, steht er meistens dahinter.

Konnten Sie dadurch auch Vertrauen schaffen?

Ja, offene Kommunikation wird intern im Stadtrat wie auch extern beim Volk sehr geschätzt – gerade als Milizpolitiker. Ich habe immer mit offenen Karten gespielt und versucht, andere Meinungen in Entscheide einfliessen zu lassen.

Ihr grösstes Verdienst ist die derzeit stabile Finanzlage?

Dazu brauchte es auch Glück. Zu Beginn meiner Amtszeit waren die Finanzen ein Problem. Nach einem Treffen mit Stadträten und allen Mitarbeitenden sagte ich, es gibt jetzt zwei Wege.

Welche?

Entweder jede Abteilung bringt seine Finanzen in den Griff, oder es kommt irgendwann der politische Rotstift. Beim Rotstift aber werden meistens die falschen Zahlen gestrichen. Das konnten wir nicht nur verhindern, sondern danach auch oft investieren.

Die gute Finanzlage ist auch der Sorgfaltspflicht unserer Mitarbeitenden zu verdanken.

Waren Sie schon immer ein Sparfuchs?

Ja, das Sparen habe ich im Blut. Schon in der Vorsteherschaft der Katholischen Kirchgemeinde, in der Stiftung Glarisegg oder jetzt bei der Schifffahrtsgesellschaft Untersee und Rhein und aktuell bei der Spitex fokussierte ich auf gesunde Finanzen.

Woher kommt das?

Ich bin so erzogen worden. Wie man mit Finanzen umgeht, lernte ich schon bei meinem Grossvater, der ein Gipsgeschäft führte.

Sie arbeiteten zwölf Jahre lang als Bezirksstatthalter, als Sie 2004 im Kantonsrat auf dem politischen Parkett Fuss fassten.

Ja, das war eine spannende Zeit, bei der ich aber auch oft mit Negativschlagzeilen und Einzelschicksalen konfrontiert war.

Weshalb zogen Sie sich 2010 aus dem Grossen Rat zurück?

Das musste ich nach der Justizreform, als ich vom Statthalter in Steckborn zum Staatsanwalt in Kreuzlingen wurde. Das war übrigens ein weiterer Grund, der mich zurück nach Steckborn brachte.

Können Sie während ihrer Zeit als Stadtpräsident etwas zum Höhepunkt krönen?

Was mich besonders freut, ist die Arbeitsintegration. Es freut mich für die Menschen mit speziellen Schicksalen, die wir wieder eingliedern konnten.

Diese Leute sind unserer Hilfe sehr dankbar. Zudem sind tiefere Sozialkosten ein schöner Nebeneffekt.

Haben Sie sich dadurch politisch etwas umpolen lassen?

(lacht) Nein, ich war schon immer ein liberales Mitglied der SVP, auch schon im Kantonsrat. Soziales war mir schon immer wichtig.

Sie verheimlichen nicht, dass Sie ein gläubiger Mensch sind.

Glaube hilft mir vor allem durch schwierige Zeiten. Wenn ich mir Fragen nach dem Warum stelle, finde ich meistens eine Erklärung. Zudem besuche ich gerne die Kirche, um mich zu besinnen und alles andere in den Hintergrund rücken zu lassen.

Das brauchten Sie, etwa bei den Turmhof-Turbulenzen.

Ich bin dankbar, dass wir nun endlich eine einvernehmliche Lösung gefunden haben. Ohne das Versprechen der Stadt, einen Teil der Miete fürs Museum zu übernehmen, würde der Streit wohl noch bis heute andauern.

Konflikte gab es auch bei der Woba Linde.

Bei der «Linde» haben wir das umgesetzt, was das Stimmvolk schon immer wollte: ein Projekt für die Innenentwicklung, das schliesslich mit bezahlbarem Wohnraum auch den Bewohnern von Steckborn zugute kommt.

Aber es gab auch Kritik, etwa mit dem Interessenskonflikt.

Hätten wir damals nicht das Heft in die Hand genommen, wäre die Woba heute nicht dort, wo sie steht. Privaten Liegenschaftsbesitzern tut diese Entwicklung weh, klar.

Trotzdem haben wir umgesetzt, was der Stadtrat und der Souverän wollten.

In besonderer Erinnerung bleibt sicher auch der Altstadtbrand von 2015.

Das war sehr tragisch und eine intensive Zeit für uns alle. Glücklicherweise haben mir in der damaligen Notfallsituation meine Erfahrungen als Bezirksstatthalter und Polizist geholfen.

Wie erlebten Sie diese Krise?

Dieser 21. Dezember testete uns alle. Nach dem Telefon morgens um 4 traf mich fast der Schlag, als Menschen quasi in Unterhosen vor dem Stadthaus standen und froren. Dank der Mithilfe aller konnte innert Stunden für alle eine Unterkunft gefunden werden. 

Spürten Sie eine besondere Solidarität?

Ja, es war unglaublich. Es gab sogar Anrufer aus dem Ausland, die uns ihre Wohnung zur Verfügung stellten. Die Kirchen und Vereine organisierten mit, um den Betroffenen zu helfen. Es war genial, auch wenn es eine harte Zeit war. Die Lücke klafft noch immer.

Warum geht es nicht weiter?

Die Konstellation mit drei Eigentümern und der Gebäudeversicherung ist kompliziert. Zudem war die Zusammenarbeit mit dem Architekten nicht nur zufriedenstellend. Jetzt erwarten wir, dass nach den Sommerferien endlich die Baueingabe erfolgt.

Mit der Ortsplanung oder dem Sportplatz geben Sie auch Projekte weiter.

Die Prozesse laufen weiter, auch wenn meine Zeit zu Ende geht.

Haben Sie einen speziellen Tipp für Roman Pulfer?

Er soll authentisch bleiben und mit seinem Rucksack seine Erfahrungen einbringen.

Mit welchen Gefühlen blicken Sie zurück auf Ihre Zeit?

Es war eine sehr lehrreiche Zeit mit Hochs und Tiefs, bei der wir trotz aller Kritik respektvoll und konsensorientiert miteinander umgegangen sind.

Was werden Ihre neuen Aufgaben in der Privatwirtschaft sein?

Wir verwalten Immobilien: das geht von der Vermietung über den Unterhalt bis zur Buchhaltung.

Ich freue mich auf die Zeit, Mädchen für alles zu sein und hier und da auch wieder einmal selber einen Rasen zu mähen.

Heisst das, dass Sie weniger in Steckborn anzutreffen sind?

Nein. Obwohl ich in Wil aufgewachsen bin, bleibe ich dem Untersee treu. Steckborn ist schon längst mein Zuhause.

Die letzte Gemeindeversammlung unter Roger Forrer findet am Mittwoch, 29. Mai, ab 20 Uhr in der Feldbachhalle statt.

STECKBORN: Der Stapi nimmt den Hut

Am Montagmorgen teilte Roger Forrer überraschend mit, dass er das Amt des Stadtpräsidenten 2019 aufgibt. Danach übernimmt er die Leitung des familieneigenen Immobilienunternehmens in Wil.
Rahel Haag