«Traurig, ein immenser Verlust»: Steckborner Haushaltwaren-Geschäft Rudolf schliesst für immer

Nach dem Ausverkauf übers Wochenende endet in Steckborn die Ära des Haushaltswarengeschäfts Rudolf. Dies nach fast 40 Jahren.

Margrith Pfister-Kübler
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Kathrin und Fredy Rudolf bringen noch die letzten Waren in ihrem Laden an die Kundschaft.

Kathrin und Fredy Rudolf bringen noch die letzten Waren in ihrem Laden an die Kundschaft.

(Bild: Margrith Pfister-Kübler)

Leere Schaufenster, letzte Ausverkaufsplakate, geschlossene Türen – und das ausgerechnet an der Seestrasse 111 in Steckborn beim selbst ernannten «Insider im Grossraum Zürich». Am Samstag war grosser Ausverkauf, alle Preise stark reduziert.

Bedauert und beklagt, aber auch gedankt wurde beim Ausverkauf viel. Gedankt für die jahrzehntelangen Lädelerdienste. Menschen kamen zuhauf an diesem definitiven Ladenleerkauftag. Die meisten Bekundungen in Richtung Inhaberpaar Kathrin und Fredy Rudolf lauteten:

«Chaibe truurig», «truurig, ganz schlimm», «en immense Verluscht.»

Sie lebten für ihre Kundschaft, bis ihre Ära jetzt zu Ende gegangen ist. «Am 4. Februar werde ich 70 Jahre alt», sagt Fredy Rudolf. 1982 haben Kathrin und Fredy Rudolf das Geschäft von seinen Eltern übernommen. Die hatten es 1956 gekauft, damals noch mit dem klingenden Namen «Guhl Goldschmied, Grobeisen und Haushalt».

Warenlager voll mit Tausenden von Artikeln

Beim Ausverkauf riecht es im Ladenlokal nach Aufbruch, ein Sammelsurium an Haushaltsartikeln, Nägeln, Spielsachen und unendlich viel Handwerkszeug. Es herrscht ein seltsames Chaos. Die Kaffeemaschine läuft heiss. Die Besucher bekommen einen letzten Kaffee oder «es Cüpli».

Hinter der Kasse prangt ein Bild vom letzten Ladendieb. Im 1999 stand das Hochwasser im Laden einen halben Meter hoch. Mit «Der Insider im Grossraum Zürich» warb Rudolf Eisenwaren, Haushalt, Spielwaren vor sieben Jahren noch in der Broschüre von Handel, Gewerbe, Tourismus. Das Warenlager umfasste Tausende von Artikeln.

Jetzt sind einige Gestelle schon leer. Kinder suchen sich Lieblingsstücke zusammen und verhandeln geschickt. Sie staunen, was sie alles für wenig Taschengeld bekommen, sogar fürs Hobbyfischen. Von Mausefallen bis zu uralten Schlüsseln oder Haken für den Kinderwagen, an welchem die Handtasche eingehängt werden kann. Es gibt alles. Oben auf einem Fensterregal kauert ein verstaubtes Maskottchen. Fredy Rudolf meint:

«Elektrogeräte, Messer, Bratpfannen und Werkzeug, die gingen zuerst weg.»

Die Frage nach einer Nachfolge erübrigte sich, weil die Kinder das Geschäft nicht übernehmen wollten. Die Tochter unterrichtet an der Sekundarschule Eschenz, der Sohn arbeitet im Kanton Zürich als Ingenieur.

Wehmut vor allem bei der Kundschaft spürbar

«Jeder findet noch etwas», ist beim Ausverkauf immer wieder zu hören. «Hier konnte man noch die Nägel nach Gramm kaufen», weiss ein älterer Kunde. Das junge Paar Mike und Tobias Cordier lobt:

«Dieser persönliche Service, der wird uns sehr fehlen. Fredy hat uns den Grill zusammengebaut und sogar auf den Balkon getragen.»

Viele Worte machen Rudolfs nicht, die brauche es auch nicht. Schnell wird klar, dass die Rudolfs originale Lädeler sind, umtriebige Tüftler und Sportler. Fredy Rudolf ist ein Freund grösstmöglicher Geschwindigkeit auf gefrorenem Wasser, beim Eissegeln. «Ja, jetzt geht es zum Reschenpass, dann zur Eissegel-WM, dann nach Sibirien an den Baikalsee», sagt er ruhig und gelassen. Seine Frau Kathrin lacht: «Ja, und danach reisen wir mit dem Zelt nach Griechenland und Albanien.»

Und wie geht es mit der Liegenschaft weiter? – Ab 1. April zügelt Maria Bosshardt ihre Kinderbörse Marienchäfer von der Kirchgasse an die Seestrasse 111. Übrigens ist das kein Aprilscherz.

Langsamer durch die Steckborner Altstadt

Der Steckborner Stadtrat will auf der Seestrasse zwischen Sonnenkreisel und Schützengraben eine Tempo-40-Zone einführen. Im Fokus steht die Sicherheit. «Es besteht Handlungsbedarf», sagt Stadtpräsident Roger Forrer.
Rahel Haag